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MotoGP

Verschieden gleiche Begründungen - Teamorder im WM-Kampf? Superstars einverstanden

Sie ist das No-Go im Motorsport: Die Teamorder! Ausgerechnet die Stars der MotoGP würden sich dieser Maßnahme jedoch nicht verschließen. Ganz im Gegenteil...
von Samy Abdel Aal

Motorsport-Magazin.com - Forward-Neuzugang Loris Baz ist derzeit in aller Munde. Dabei hat der Franzose beim dreitägigen MotoGP-Auftakttest für die Saison 2015 sportlich nicht gerade Bäume ausgerissen. Vor seinem Wechsel aus der Superbike-WM machte sich der Kawasaki-Pilot jedoch zu einem der heißdiskutiertesten Themen der Motorrad-Szene: Im vorletzten Rennen der Saison ignorierte er eiskalt die Teamorder, ließ den noch WM-Führenden Tom Sykes nicht mehr passieren, und sorgte so dafür, dass der spätere Weltmeister Sylvain Guintoli den Titel aus eigener Kraft gewinnen konnte.

Mit Baz schwappte nun auch das Thema Teamorder zwangsläufig in die MotoGP. Dort spielte diese in den vergangenen Jahren zwar absolut keine Rolle im Titelkampf, jedoch könnte ein derartiges Szenario schneller eintreten, als gedacht. Dass der Teamkollege gleichzeitig der erste Gegner ist, wird auch in der Königsklasse des Zweirad-Motorsports fast tagtäglich vorgelebt. Motorsport-Magazin.com machte sich daher auf die Suche nach der Antwort für eine der spannendsten Fragen: Würden die Starpiloten der MotoGP für den Titelgewinn des Teamkollegen in eine Helferrolle schlüpfen? Marc Marquez, Valentino Rossi, Jorge Lorenzo und Co. lieferten in der Tat interessante Antworten:

Würde Weltmeister Marc Marquez einem Teamkollegen zum Titelgewinn verhelfen? - Foto: Milagro

Marquez beißt sich auf die Zunge - Lorenzo knallhart

Weltmeister Marquez gesteht ein, dass er sich wohl letztlich tatsächlich den Wünschen des Arbeitgebers beugen würde - wenn auch mit viel Bauchschmerzen: "Am Ende des Tages bist du als Rennfahrer zwar Individualist, aber immer noch bei einem Hersteller engagiert, der mit viel Geld, Aufwand und Hingabe hinter diesem Projekt steht. Wenn du also für deinen Arbeitgeber dadurch einen Vorteil erreichen kannst, dann muss man das glaube ich schon respektieren. Immerhin geben sie dir auch ihr Vertrauen, und die Chance, deinen Traum zu leben. Andererseits sind wir alle Fahrer, und das bedeutet im Klartext: Wenn du Zweiter werden kannst, dann wirst du nicht einfach so Dritter."

In typischer Marquez-Manier folgt dann mit viel Augenzwinkern ein Scherz zum Abschluss: "Vielleicht bin ich aber selber einmal in dieser Situation, und deshalb sage ich jetzt lieber nichts, was dann gegen mich verwendet werden kann." Etwas überraschend fällt hingegen die Einstellung von Marquez' wohl größtem Widersacher Jorge Lorenzo aus: "Ich würde immer das Beste für meinen Arbeitgeber tun, und da gibt es auch nicht viel zu überlegen. Sollte mein Teamkollege je in dieser Situation sein - zum Beispiel Valentino - würde ich ihm bedingungslos helfen. Yamaha wäre in diesem Fall natürlich das Wichtigste, denn sie bezahlen dich und vertrauen dir."

In puncto Teamorder vertreten Valentino Rossi und Jorge Lorenzo doch unterschiedliche Sichtweisen - Foto: Yamaha

Doktor Rossi bezieht klar Stellung

Rossi selbst schließt sich eher der Meinung von Marquez an, und würde nur im äußersten Notfall überhaupt über eine solche Maßnahme nachdenken: "Bevor ich mich jetzt zur eigentlichen Frage äußere, muss ich sagen, dass Teamorder für mich sehr, sehr schlecht, eigentlich sogar untragbar ist. Eigentlich hat das im Motorsport nichts verloren, und ich bin ein absoluter Gegner davon." Zwar würde er sich womöglich doch zum Wohle der Firma beugen, stellt dafür aber klare Bedingungen. "Es kommt dann ganz stark darauf an, was für ein Verhältnis ich zu meinem Teamkollegen habe. Wenn ich mit ihm auf Kriegsfuß stehe, werde ich ihm ganz sicher keinen Gefallen tun. Ich denke, das ist die entscheidende Komponente bei der ganzen Sache", erläutert der neunfache Weltmeister."

Der einzige deutsche MotoGP-Pilot Stefan Bradl würde in einer solchen Situation nach einem klaren Plan vorgehen: "Wenn mir so etwas passieren würde, würde ich vor dem Rennen auf jeden Fall ein richtiges Meeting mit dem gesamten Team und dem anderen Fahrer abhalten, in dem wir alle Situationen genauestens durchsprechen. Wir müssten dann offen und ehrlich sein und die Situation in jegliche mögliche Richtung analysieren." Sollte dann etwas schiefgehen, wäre die Schuldfrage nämlich bereits geklärt. "Im Nachhinein kann jeder immer alles behaupten und Ausreden finden. Als Fahrer kann man in der Hitze des Rennens natürlich immer einmal etwas vergessen, aber umso wichtiger ist es deshalb, alles im Vorhinein zu besprechen."

Stefan Bradl würde in typisch deutscher Manier alles minutiös mit seinem Team planen - Foto: LCR Honda

Droht Baz zukünftig ein Nachspiel?

Auch Pol Espargaro und Randy de Puniet äußerten sich offen zum Thema Teamorder, gehen dabei vollkommen mit den Worten Rossis d'accord. Dass der italienische Altmeister mit seiner Einstellung auch bei Baz voll ins Schwarze getroffen hat, bewies dann eine Aussage des Franzosen am Rande der Tests in Valencia: "Es ist passiert, ich habe meine Gründe genannt und ich denke, ich hatte gute Gründe. Das heißt aber nicht, dass ich das in Zukunft wieder mache. Ich hoffe, dass ich hier eine viel bessere Beziehung zu meinem Teamkollegen habe, denn das schlechte Verhältnis zu Sykes war es letztlich, dass zu meiner Entscheidung geführt hat." Geht es nach Rossi, droht Baz jedoch womöglich gar noch ein Nachspiel: "Er hatte es leicht, weil er aus der WSBK in die MotoGP gewechselt ist. Wir werden sehen, ob sich irgendwann in der Zukunft für ihn dann aber doch noch ein Boomerang entwickelt."

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