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Corona-Schock: Kalex sieht düstere Moto2-Zukunft

Wie kommt eine erfolgreiche Rennsport-Schmiede über die Runden, wenn sie ihrer Hauptaufgabe nicht nachkommen darf? Bestandsaufnahme mit Alex Baumgärtel.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - 111 Siege in der Moto2, sieben Mal in Folge Weltmeister der Konstrukteure und Fahrer, 22 der 30 aktuellen Piloten auf dem eigenen Fabrikat unterwegs. Kalex dominiert die mittlere Klasse der Motorrad-WM wie nie ein Werk zuvor. Und dennoch ziehen auf dem Horizont düstere Wolken über der schwäbischen Edelschmiede auf.

Die Corona-Krise setzt dem Unternehmen von Alex Baumgärtel und Klaus Hirsekorn zu wie keinem anderen der Szene. Denn das gesamte Geschäftsmodell ist auf Rennsport aufgebaut und ohne Grand-Prix-Events gibt es keine Aufgabe. Eine gut gemeinte Reglementänderung könnte dafür sorgen, dass das dicke Ende für Kalex erst noch kommt. Im Interview mit Motorsport-Magazin.com gibt Alex Baumgärtel Auskunft über die schwierigen vergangenen Monate und welche düsteren Wolken er am Horizont aufziehen sieht.

Alex, dein Unternehmen Kalex lebt einzig und allein vom Rennsport, der aber seit Monaten stillsteht. Wie schwer hat euch die Corona-Krise getroffen?
Alex Baumgärtel: Es fehlt natürlich massiv an Geld, denn im Grunde sind wir aktuell ein Unternehmen, das ohne einen einzigen Auftrag dasteht. Durch die Kurzarbeitsregelung ist es für die Saison 2020 aber noch kein großes Problem. Wesentlich schwieriger sehe ich die Situation für das kommende Jahr. In der laufenden Saison kommen wir mit unseren bereits erzielten Einnahmen und dem Ersatzteilverkauf sicher durch. Nächstes Jahr wird es aber schwierig, davon zu leben, wenn wir an den aktuellen Strukturen festhalten wollen.

Damit spielst du auf die eingefrorene Entwicklung der Moto2-Bikes für 2021 an, die von der GP-Kommission in Reaktion auf die Corona-Krise beschlossen wurde und die euer Geschäftsmodell besonders hart trifft.
Ja, das sind exakt die Probleme, wegen derer ich das kommende Jahr für wirtschaftlich schwieriger als 2020 erachte. Wir verkaufen unsere Chassis direkt an die Teams und haben keine Leasing-Modelle, die permanente Einnahmen erzielen würden. Wir vereinbaren zwar immer eine Servicegebühr mit unseren Teams, doch auch diese ist vertraglich eigentlich immer im Chassis-Gesamtpaket integriert.

Die Teams können ihre bereits gekauften 2020er-Modelle durch das geänderte Reglement auch 2021 verwenden. Nicht einmal Updates an Aerodynamik, Chassis oder Schwinge sind bis zum Ende der nächsten Saison erlaubt. Hast du schon eine Idee wie ihr Einnahmen erzielen wollt?
Das muss ich alles erst im direkten Kontakt mit unseren Teams erläutern. Wir müssen irgendeine Lösung finden, die für beide Seiten verträglich ist, damit sowohl wir, als auch die Teams überleben können. Denn auch bei denen geht es ja um die wirtschaftliche Existenz.

Hat die Dorna irgendwelche Lösungsansätze an euch herangetragen?
Bislang noch nicht. Ich habe auch noch nicht versucht, persönlichen Kontakt aufzunehmen, denn in den vergangenen Wochen war das Wichtigste, dass die WM überhaupt erst einmal wieder ins Rollen kommt.

Nach dem Ausstieg von KTM sind in der Moto2 nur noch kleine Konstrukteurs-Firmen wie eure involviert, die allesamt rein von Rennsport leben. Sollte die Dorna nicht ein massives Interesse daran haben, dass die Zukunft dieser Unternehmen auf sicheren Beinen steht um auch die Zukunft der Moto2-Klasse garantieren zu können?
Hier muss ich anmerken, dass wir als Kalex im Vergleich mit den anderen Konstrukteuren eine nochmals schlechtere Position haben. Sowohl SpeedUp, als auch NTS und MV Agusta betreiben ihre eigenen Teams. Für die macht der beschlossene Entwicklungsstopp unter Umständen sogar Sinn, da sie Kosten einsparen können. Wir leben allerdings davon, unsere Motorräder zu designen, zu entwickeln und am Ende zu verkaufen. Denn wir betreiben ja kein eigenes Team, sondern sind auf unsere vielen Kunden angewiesen. Ich will aber gar nicht zu viel meckern, sondern bin froh, dass es nun endlich losgeht und ich die Situation vor Ort mit den Teams besprechen kann.

Gab es während der vergangenen Monate Kontakt zu euren Teams?
Es war relativ ruhig. Natürlich hat man mit ein paar Leuten gesprochen, aber nicht mit allen Teams. Erst seit Mitte Juni, als der neue Kalender veröffentlicht wurde, läuft die Kommunikation wieder ein wenig an.

Durch die strikten Corona-Bestimmungen wird sich eure Arbeit im Paddock verändern, denn ihr seid in der Vergangenheit stets mit einem mehrköpfigen Team vor Ort gewesen und seid oft von Box zu Box gelaufen. Genau das will man aktuell ja verhindern und selbst die einzelnen Crews ein und desselben Teams voneinander trennen. Wisst ihr schon Bescheid, wie eure Arbeit in Jerez aussehen wird?
Wir dürfen nur zu zweit anreisen und haben deshalb ein FTP-Datacenter eingerichtet, sodass meine Jungs zuhause direkten Zugriff auf die Daten an der Strecke erhalten. Wir haben zwar die Erlaubnis die Boxen unserer Kunden zu betreten, weil das ja unsere Grundaufgabe im Fahrerlager ist. Aber wie der Kontakt und der Austausch mit den Teams letztlich konkret ablaufen wird, das wird sich erst direkt an der Strecke zeigen.

Habt ihr vorab von der Dorna eine Art Verhaltenskodes bekommen sodass ihr euch gut gewappnet für die neuen Abläufe fühlt?
Wir wurden gut gebrieft, wobei die Details aber vertraulich sind und nicht in der Öffentlichkeit kommuniziert werden dürfen. Ich kann nur soviel sagen: Das Paddock wird zu Fort Knox. (lacht) Könnte sein, dass man sich dort schon fast wie im Knast fühlt. Aber für die aktuelle Situation ist das wohl angemessen, denn jeder will, dass das Rad endlich wieder rollt und die Saison auch zu Ende gefahren werden kann.


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