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Audi, BMW, Porsche im Motorsport: Stühlerücken in der Chefetage

Ein Personal-Hammer jagt den nächsten im Oktober: die wichtigsten Entscheidungen in den Motorsport-Chefetagen der deutschen Autobauer.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Im Zuge der verstärkt einkehrenden Elektromobilität durchläuft auch der Motorsport aktuell eine ausgiebige Transformation. Und genau in dieser wichtigen Phase kommt es zum großen Stühlerücken in den Rennsport-Abteilungen der deutschen Autobauer! Der sofortige Abgang von Pascal Zurlinden als Porsche Gesamtprojektleiter Werksmotorsport war der bis dato letzte große Knall in einer längeren Reihe prominenter Personalien im deutschen Motorsportbusiness.

Innerhalb weniger Wochen kam es im Oktober 2021 bei Audi, BMW und Porsche zu Abgängen und Wechseln in den Chef-Etagen, die konkrete Auswirkungen haben auf die jeweiligen Motorsport-Geschicke der Hersteller. So geschehen bei BMW M Motorsport, wo überraschend Markus Flasch, Geschäftsführer der BMW M GmbH und gleichzeitig verantwortlich für den Motorsport, die Performance-Schmiede verließ.

Der motorsportbegeisterte Österreicher, der zuletzt die Entwicklung des neuen BMW M4 GT3 vorantrieb und sich für ein BMW-Engagement in der neugeschaffenen LMDh-Kategorie ab 2023 starkmachte (O-Ton Flasch: "Sonst hätte ich 80-100 Leute gehen lassen müssen"), wechselte in die Gesamtfahrzeugentwicklung der BMW Group. Hier übernimmt Flasch die Leitung der Produktlinie Rolls-Royce, BMW Luxus- und Oberklasse sowie künftig auch in Personalunion die Produktlinie BMW Mittelklasse.

Rollentausch in der BMW M GmbH

Die Nachfolge des 40-Jährigen, der zuletzt sogar Rennen in der Nürburgring Langstrecken-Serie NLS bestritt, tritt zum 01. November 2021 Franciscus van Meel an. Dabei kommt es nicht nur zu einem direkten Rollentausch, sondern ebenfalls zu einer Rückkehr an alte Stätte. Van Meel war zuletzt unter anderem als Produktlinienleiter für Rolls-Royce sowie die BMW Luxus- und Oberklasse zuständig und führte von 2015 bis 2018 bereits die BMW M GmbH. In der Vergangenheit stand van Meel der Audi-Tochter quattro GmbH (2012-2014) vor.

Warum diese Personalien große Bedeutung nicht nur für die Serienproduktion haben: Die 1972 gegründete BMW M GmbH spielt seit einiger Zeit eine ganz gewichtige Rolle in den Motorsport-Angelegenheiten des Autobauers aus München, nachdem sie zum 01. April 2021 mit der BMW- Motorsport-Abteilung zusammengeführt worden war. Mike Krack, zuvor BMW Head of Race and Test Engineering, Operations & Organisation, hat die Leitung des Motorsport-Bereichs übernommen und berichtet direkt an die Geschäftsführung, nun mit van Meel als Vorsitzendem.

BMW-Zukunft im Motorsport nicht final geklärt

Noch ist unklar, inwiefern sich BMW M Motorsport künftig mit Werks-Engagements auf der Rennstrecke engagieren wird. Zusammen mit Dallara entwickeln die Münchner derzeit einen Hybrid-Prototypen für die LMDh-Klasse, deren Boliden ab 2023 bei den wichtigsten Langstreckenrennen der Welt um Gesamtsiege kämpfen sollen. BMW hat sich bislang nur zu einem Einstieg in die US-amerikanische IMSA-Serie bekannt. Unklarheiten herrschen weiter über einen Einstieg in die FIA-Langstreckenweltmeisterschaft WEC mit den 24 Stunden von Le Mans als absolutem Highlight.

Im Zuge der globalen Sportwagen-Konvergenz zwischen Le-Mans-Veranstalter ACO und IMSA herrschen hinter den Kulissen offenbar Machtkämpfe. So muss geklärt werden, ob Hersteller nur beim 24h-Rennen von Le Mans an den Start gehen dürfen, wenn sie auch die restliche WEC-Saison bestreiten. Hier gibt es bei BMW noch einige Fragezeichen zum Gesamtumfang des LMDh-Projekts. In welchen Rennserien und mit welcher Werksunterstützung der neue Top-Kundensportler BMW M4 GT3 ab 2022 antreten wird, ist ebenfalls unklar.

BMW ist zurück auf der Langstrecke - aber wo genau? - Foto: BMW Motorsport

LMDh: Audi und Porsche gehen Hand in Hand

In der hoffungsvollen LMDh-Klasse trifft BMW ab 2023 unter anderem auf Porsche. Der Sportwagenbauer aus Stuttgart hatte sich bereits am 16. Dezember 2020 - sechs Monate vor BMW - zur neuen Prototypen-Klasse bekannt und die Vorbereitungen vorangetrieben. Fest eingeplant sind Werks-Engagements sowohl in der IMSA als auch in der WEC durch eine Zusammenarbeit mit dem berühmten US-Rennstall Penske. Mit Multimatic steht zudem der Chassis-Partner fest, den jeder Hersteller aus einem bestimmten Pool frei auswählen darf.

Das im Motorsport erfahrene Unternehmen beliefert auch Konzernschwester Audi mit Chassis für den LMDh-Prototypen. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com stammt obendrein der Verbrennungs-Motor im Porsche und Audi aus einer Hand, wobei Porsche bei der Entwicklung des V8-Aggregats die Oberhand haben soll. Das Hybridsystem ist einheitlich und wird von Bosch entwickelt.

Die erfolgreichsten Hersteller in Le Mans: Porsche und Audi - Foto: LAT Images

Porsche: Nach Enzinger auch Zurlinden weg

Nur: Zwei entscheidende Köpfe, die bei Porsche den LMDh-Einstieg vorbereitet haben und für die zahlreichen Erfolge der vergangenen Jahre verantwortlich waren, sind inzwischen weg. Fritz Enzinger hat sich Mitte September 2021 als Motorsport-Gesamtverantwortlicher von Porsche Motorsport in den Ruhestand verabschiedet. Als Rennsport-Koordinator des gesamten VW-Konzerns ist der 65-Jährige, der diesen Posten im Februar 2018 übernahm, weiterhin tätig.

Zwar nicht in Rente, aber ebenfalls nicht mehr für Porsche Motorsport tätig ist zudem Pascal Zurlinden. Über den Abgang des bisherigen Porsche Gesamtprojektleiter Werksmotorsport hatte Motorsport-Magazin.com an diesem Dienstag berichtet. Bei der Entscheidung des 39-Jährigen haben laut einem Porsche-Sprecher "sehr persönliche Gründe" eine große Rolle gespielt. Unter Enzinger und Zurlinden gewann Porsche unter anderem dreimal die 24 Stunden von Le Mans in den Jahren 2015, 2016 sowie 2017.

Neue Spitze bei Porsche Motorsport

Zurlindens überraschender Abgang, dessen Nachfolgeregelung sich derzeit in Abstimmung befindet, dürfte eine weitere Herausforderung sein für den neuen starken Mann in Weissach: Thomas Laudenbach hat zum 01. Oktober 2021 als Enzingers Nachfolger die Leitung von Porsche Motorsport übernommen. Seit 1998 bei der Porsche AG angestellt, war der Diplom-Ingenieur unter anderem als Leiter Entwicklung Antriebe Motorsport an Rennsport- und Sportwagenprojekten wie dem 918 Spyder, 911 RSR, 911 GT3 R und dem 911 GT3 Cup beteiligt.

Bei Porsche Motorsport scheint die Zukunft für die kommenden Jahre geklärt zu sein. Neben dem bestehenden Kundensport und der Entwicklung des LMDh-Projekts, wird das Werksengagement in der Formel E fortgesetzt. Damit nimmt Porsche zunächst die Rolle des deutschen Einzelkämpfers in der Elektro-Serie ein, die ab 2023 einen neuen Rennwagen einführt: Audi und BMW haben sich nach der Saison 2021 verabschiedet, Mercedes-Benz folgt Ende 2022.

Audi und BMW haben den Stecker in der Formel E gezogen - Foto: LAT Images

Audis Dakar-Debüt nicht unumstritten

Bei Audi Sport folgt auf das Formel-E-Aus eine neue Speerspitze im Werks-Motorsport, die in der Szene nicht unumstritten ist: der Einstieg in die Rallye Dakar. Schon Anfang 2022 soll der Prototyp mit zwei Formel-E-Motoren, die per Energiewandler von einem DTM-Motor angetrieben werden, bei der härtesten Rallye der Welt antreten.

Mit Mattias Ekström, Stephane Peterhansel und Carlos Sainz hat Audi absolute Fahrer-Stars für das Einsatzteam von x-raid-Chef Sven Quandt verpflichtet, aber: Relevant ist die Dakar nur zwei Wochen lang während der eigentlichen Austragung (02.-14. Januar 2022), Todesfälle bestimmten in den vergangenen Jahren zumeist die allgemeine Berichterstattung, noch dazu gilt der Austragungsort seit dem Umzug nach Saudi-Arabien als politisch heikel.

Audi startet 2022 erstmals werksseitig bei der Rallye Dakar - Foto: Audi Communications Motorsport / Michael Kunkel

Audi verliert Werkssport-Leiter in wichtiger Phase

Zum Stolperstein könnte nicht nur der extrem knapp bemessene Zeitplan in der Entwicklung des sogenannten Audi RS Q e-tron werden, sondern auch ein prominenter Abgang in dieser entscheidenden Phase. Wie Motorsport-Magazin.com am 04. Oktober exklusiv berichtete, hat Andreas Roos Audi Sport zum 30. September 2021 verlassen. Damit hat das in Neuburg ansässige Unternehmen überraschend einen seiner wichtigsten Mitarbeiter der vergangenen Jahre verloren.

Roos war zuletzt Projektleiter für alle werkseitigen Motorsportaktivitäten von Audi Sport, darunter das Dakar-Engagement mit dem "technisch anspruchsvollsten Fahrzeug, das Audi Sport je in den Renneinsatz gebracht hat", wie es Julius Seebach, Geschäftsführer der Audi Sport GmbH und verantwortlich für den Motorsport bei Audi, zuletzt bezeichnete.

Über die Gründe für Roos' Abgang ist offiziell nichts bekannt. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com soll der langjährige Audianer nach einer Übergangszeit zur bayerischen Konkurrenz wechseln und sich BMW anschließen. Ob Roos zum Zeitpunkt seines Abschiedes schon wusste, dass bei der BMW M GmbH inzwischen ein neuer Geschäftsführer arbeitet?

Baker: Von der FIA zu Audi Sport

Audi Sport hatte kurz zuvor mit dem langjährigen BMW-Motorsport- und FIA-Mitarbeiter Adam Baker zum 01. September 2021 eine im Motorsport namhafte Personalie verpflichtet. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com hat Baker eine bisher nicht existierende Stelle, nämlich die als "Führungskraft für Sonderaufgaben", übernommen.

Vermutlich soll er den erst 38-jährigen Audi-Sport-Geschäftsführer Seebach unterstützen, der im Gegensatz zu den vorigen Motorsportchefs Dr. Wolfgang Ullrich und Dieter Gass nicht auf eine Vergangenheit im Motorsport zurückblickt.

LMP-Historie: Audi, Porsche und BMW bei einem Show Run in Spielberg - Foto: LAT Images