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IMSA, Alex Zanardi: Besitze kein Talent als Teamchef

Unser Rückblick auf die Highlights unserer Printausgabe 2019. Heute: BMW-Pilot Alex Zanardi spricht im Interview über seine Karriere und sein Leben.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Alex Zanardi ist mehr als ein Rennfahrer. Er ist Inspiration und Vorbild. Ein Role Model, wie die Amerikaner sagen. Mit Motorsport-Magazin.com sprach der beinamputierte 53-Jährige am Rande des 24-Stunden-Klassikers von Daytona über seine Rolle im Rennsport.

Alex, ist es manchmal anstrengend, ein Held für die Menschen zu sein?
Alex Zanardi: Nein, weil ich ja nicht schauspielere. Ich bin so, wie ich bin. Ich sage nicht, dass es einfach ist, ein Vorbild für Menschen zu sein. Es ist nur einfach, man selbst zu sein - und wenn die Menschen mich dann als Vorbild betrachten, wow, dann ziehe ich meinen Hut und bedanke mich, führe gleichzeitig aber mein eigenes Leben weiter. Wenn sich Menschen an meinen Taten, die mir wichtig sind, ein Beispiel nehmen, dann ist das ja im Prinzip ihre Sache. Ich habe niemandem etwas vorgeschrieben. Natürlich bin ich aber stolz, wenn ich als jemand betrachtet werde, der für andere eine Inspiration darstellt.

Was ist deine Motivation, im Alter von 53 Jahren noch immer Rennen zu fahren?
Alex Zanardi: Meine Motivation ist heute größer als damals. Nicht in Sachen Quantität, sondern Qualität. Wenn du um die 20 Jahre alt bist, ist es einfach, eine komplette Leidenschaft für das zu entwickeln, was du machst. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Du bist nicht verheiratet, hast kein Eigenheim, kein eigenes Businessunternehmen, kein Kind oder einen verdammten Hund, der in deinem Garten bellt. Du wachst morgens auf und hast nur einen Gedanken im Kopf: Wie kann ich ein besserer Rennfahrer werden? Wie kann ich mich weiterentwickeln in diesem Film, der mein Leben zeigt? Alles andere ist egal. Wenn du in meinem Alter bist, kannst du diese Intensität nicht mehr 365 Tage am Stück aufrechterhalten.

Alex Zanardi bei 24h Daytona: Der Fahrerwechsel ohne Beine: (01:10 Min.)

Wenn du aber ein großes Unternehmen wie BMW im Rücken hast, das Wert legt auf eine gute Vorbereitung wie beim Rennen in Daytona, dann beginnst du, so viel Liebe für dieses Projekt zu entwickeln. Das ist etwas anderes, als wenn man das einfach als Job ausüben würde und es selbstverständlich wäre, solch eine fantastische Maschine fahren zu dürfen. Ich meine, als ich Mitte 20 war, bin ich einfach in ein Formel-1-Auto eingestiegen. Ja, und? Ich wollte einfach so schnell wie möglich fahren. Ich habe nicht daran gedacht, was für ein glücklicher Mensch ich bin bei jedem Mal, wo ich ins Auto geklettert bin. Jetzt ist es anders. Dadurch werde ich sicherlich nicht schneller, glaube aber auch nicht, dass mich das langsamer macht. Heute bin ich sehr engagiert, während ich früher einfach entschlossen war, ein professioneller Rennfahrer zu werden. Heute ist das quasi mein Beruf - aber es könnte mir kaum egaler sein. Ich mache das nur noch, weil ich es genieße.

Du solltest keine Sekunde deines Lebens vergeuden

Das heißt, Siege sind dir nicht mehr so wichtig?
Alex Zanardi: Es ist keine Überraschung für mich, wenn ich Rennen gewinne. Wenn dem so wäre, würde ich es gar nicht mehr probieren. Selbst, als ich noch meine beiden Beine hatte, dachte ich nie, dass ich der beste Fahrer bin. Ich wusste aber, dass ich überall gewinnen kann, wenn ich das richtige Material zur Verfügung habe. Das war immer so in meiner Karriere. Und in dieser Hinsicht bin ich immer noch derselbe Mensch. Heute spielt nur eher das Alter als meine Behinderung eine Rolle. Wenn die Leute mich fragen, warum ich noch Rennen fahre, dann sage ich: 'Warum denn nicht?' Das Leben bietet dir so viele Möglichkeiten. Da solltest du keine Sekunde vergeuden.

Alex Zanardi ist in diesem Jahr für BMW unter anderem bei den 24 Stunden von Daytona an den Start gegangen - Foto: BMW AG

Was würde dir ohne den Motorsport fehlen?
Alex Zanardi: Wir alle leben nur einmal... Es gibt so viele Dinge, die ich in meinem Leben hätte machen können. Vielleicht sogar etwas Besseres als Motorsport, wer weiß das schon? Allerdings habe ich teilweise mein Leben gezielt in diese Richtung gesteuert. Und wegen der Dinge, die passiert sind, bin ich heute der Mensch, der ich bin.

Wenn die Menschen irgendwann in der Zukunft einmal auf deine Karriere zurückblicken: Woran sollen sie sich erinnern, wenn du es dir aussuchen könntest?
Alex Zanardi: Ach, das überlasse ich den Leuten selbst. Ich werde oft als ein inspirierender Mensch angesehen. Und wow, das erfüllt mein Herz mit Freude und Stolz. Aber in Wahrheit ist es so: Wenn wir ein größeres Talent dafür hätten, mit unseren Augen diese Inspirationen zu suchen, dann würden wir so viele Quellen dafür finden. So vieles bleibt in dieser Hinsicht leider unentdeckt. Als ich damals in die Paracycling-Welt eingestiegen bin, habe ich so viele tolle Menschen getroffen, die unglaubliche Geschichten zu erzählen haben. Und die Probleme bewältigt haben, die in meinen Augen viel größer sind als meine. Natürlich habe ich meine eigene Geschichte. Eine gute, mit Resultaten, auf die ich sehr stolz bin.

Was meine Story aber so besonders macht, ist große Aufmerksamkeit, die sie genießt. Viele Menschen kennen sie und deshalb ist sie nicht nur inspirierend für Leute mit einer ähnlichen Behinderung. Auch andere Menschen können Kraft daraus ziehen, wenn sie etwa keine Motivation im Leben haben. Dann sehen sie, wie ich ohne Beine Motorsport betreibe und sie sagen sich: 'Verdammt, wenn dieser Kerl das schafft, dann mache ich auch weiter und aus meinem Tag das Beste!'

Im Paracycling gehört Zanardi zu den Besten der Welt - Foto: BMW Motorsport

Gewinn der Kart-Meisterschaft sticht in Karriere heraus

Was betrachtest du als den größten Erfolg deiner Karriere?
Alex Zanardi: Mit Blick auf all meine sportlichen Errungenschaften war das sicherlich eine Kart-Meisterschaft in Italien, die ich als Kind gewonnen habe. Ich fuhr damals für das beste Team mit Werksausrüstung, war aber nicht direkt Werksfahrer. Stattdessen wurde ich einem Satteliten-Team zugewiesen. Das bestand praktisch aus meinem Vater und einem Mechaniker. In der Saison 1985 gewann ich 23 der 24 Meisterschaftsrennen, während der eigentliche Werksfahrer immer Zweiter wurde. Der Teambesitzer hatte eine komische Mentalität, er war mehr ein Racer als ein Businessmensch. Er wollte, dass sein Fahrer gewinnt. Obwohl ich eigentlich viel bessere Werbung für das Unternehmen betrieben habe, weil man hätte argumentieren können, dass selbst ein Privatfahrer mit dem gekauften Werksmaterial gewinnen kann. In der darauffolgenden Saison gab es dann diese politischen Spielchen. Plötzlich fehlten mir mal Reifen oder Teile des Motors... Mein Mechaniker ärgerte sich und fetzte sich mit dem Team. Dann haben sie ihn einfach gefeuert und mir einen anderen Mechaniker zugewiesen. Das ging so bis Mitte 1986 und immer, wenn ich mich beschwerte, hieß es nur: 'Hey, Zanardi, halt die Klappe! Sonst schicken wir dich zum schlechtesten Team'.

Dann passierten noch ein paar Dinge, die für mich inakzeptabel waren. Ich hatte die Nase gestrichen voll und wechselte zu einem Team, das wesentlich schlechter war. Die ersten Testfahrten waren eine Katastrophe! Ich wollte überhaupt nicht mehr weiterfahren. Eines Tages habe ich aber angefangen, selbst in der Garage an dem Kart rumzuschrauben. Und ich war sicher, dass alles viel besser sei und wollte unbedingt weitermachen. Vor allem wollte ich meinen Titel verteidigen. Mein Vater erklärte mich erst für verrückt, 'Du bist ein Idiot', sagte er. Doch dann kam er wenig später zu mir und meinte: 'Alex, pack zusammen, wir machen weiter!' Um eine lange Geschichte abzukürzen: Wir fuhren zum Finale nach Empoli und ich habe alle Qualifyings, Heats und Rennen gewonnen - und wir waren wieder Meister!

Und wieso genau sticht dieses Erlebnis für dich heraus?
Alex Zanardi: Weil ich diese Emotionen mit den für mich zu diesem Zeitpunkt wichtigsten Menschen teilen konnte. Du kannst die größten Freuden deines Lebens erleben - wenn du sie aber nicht mit anderen teilen kannst, dann fehlt dieser Multiplikator. Das gilt für alles im Leben, daran glaube ich ganz fest.

Könntest du dir vorstellen, eine andere Rolle im Motorsport einzunehmen? Die des Teamchefs beispielsweise?
Alex Zanardi: Nein. Ich denke nicht, dass ich dafür das nötige Talent besitze. Ich würde es gern machen, aber für so einen Job wäre ich sicherlich nicht der Richtige.

Wenn du etwas für einen behinderten Menschen wie mich entwickelst, dann bin ich der Einzige, der wertvolles Feedback liefern kann.
Alex Zanardi

Du warst sehr stark in die Entwicklung der Fahrsysteme für deine unterschiedlichen BMW-Rennwagen involviert. Welche Rolle genau spielst du dabei und hat diese Entwicklung nun ihren Höhepunkt erreicht?
Alex Zanardi: Wann immer du etwas entwickelst, das den Fahrern einen Vorteil verschaffen soll, kannst du auf das Feedback sämtlicher Piloten zählen. Wenn du aber etwas für einen behinderten Menschen wie mich entwickelst, dann bin ich der Einzige, der wertvolles Feedback liefern kann. Ich und auch das gesamte BMW-Team dahinter sind in gewisser Weise Pioniere darin, einen Weg zu suchen. Wir sind seit den Anfängen schon weit gekommen. Ich bin aber sicher: Wenn ich noch weitere zehn Jahre fahre, könnten wir uns in technischer Hinsicht noch weiter verbessern.

Obwohl das Fahrer-Feedback im Motorsport heute sehr in den Hintergrund geraten ist...
Alex Zanardi: Früher waren die Ingenieure auf das Feedback der Fahrer angewiesen. Das war damals die einzige Referenz. Und dafür muss ich nicht viele Jahrzehnte zurückblicken. In der Formel 1 oder IndyCar war unser Feedback die einzige Quelle für Ingenieure, um das Auto schneller zu machen. Heute sitzen in den Meetings mehr Ingenieure als Rennfahrer. Und die kümmern sich um alles, sie wissen ganz genau, was mit dem Auto geschieht. Sie haben einfach all diese Daten und sie erkennen jedes noch so winzige Detail. Dann kommen sie zu dir und stellen Fragen - dabei kennen sie die Antworten eigentlich schon. Das ist manchmal verwirrend und führt dazu, dass die Fahrer zu Rede-Maschinen werden. Das ist nicht immer positiv. Denn am Ende geht es in diesem Sport doch darum, die Uhr zu besiegen. Und nicht, mit Worten zu beschreiben, was auf der Rennstrecke passieren könnte. Ich denke, es sollte auf den richtigen Mix aus Erfahrung der Rennfahrer gepaart mit Ingenieurswissen ankommen.

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