IMSA

IMSA-Serie mit den 24 Stunden von Daytona: Hickhack zum Saisonstart

Eigentlich bot Daytona eine gute Show, doch die US-Fans sind sauer, und zwar nicht nur wegen des Taylor-Remplers. Das Debüt der neuen Prototypen ging daneben.
von Yannick Bitzer

Motorsport-Magazin.com - Was hat das gegossen in Daytona! Die Sonntagnacht war dermaßen verregnet, beinah hätt's die Camper im Infield oben aus dem Nudeltopf rausgeschwemmt. Und kaum hatte am frühen Nachmittag sich endlich die Sonne durch den grauen Himmel gedrückt, da schlug's unten überm IMSA-Fahrerlager plötzlich Blitz und Donner. Vom 55. 24-Stunden-Rennen standen noch sieben Minuten auf der Uhr, da kreiselte sich Filipe Albuquerque im bis dahin führenden Prototyp von der Strecke. Verfolger Ricky Taylor hatte sich mit einem Hauruckmanöver am Portugiesen vorbeigerempelt, um anschließend als Erster über den Zielstrich zu rasen. Das prompte und mehr oder minder überraschende Urteil der Rennleitung: kein Foul, no further action.

Die Kollision der beiden Cadillac-DPi von Action Express und Wayne Taylor Racing war der buchstäblich krachende Höhepunkt eines aufreibenden Schlussspurts in Daytona. Typisch amerikanisch hatten die Safety-Cars das Feld auch in der letzten Stunde noch dicht beisammen gehalten, sodass in allen Klassen Alarm war wie beim Großbrand. An der Spitze beschränkte sich der Alarm allerdings auf die beiden Cadillacs, die unter den neuen DPi- und LMP2-Prototypen klar am schnellsten waren. Pro Runde waren's zwar nicht drei Sekunden, wie manche gleich polterten, und auch waren der Haltbarkeit wegen nicht alle der geschlagenen Teams mit Dauervollgas unterwegs gewesen, doch dass eben die Cadillacs überlegen waren und nicht ein anderes Fabrikat, das war schon das erste Problem.

Boni für die Cadillacs?

Die allgemeine Sorge: Nach der Dominanz durch die Daytona-Prototypen von Chevrolet könnte die Dominanz nun mit den Cadillac-DPi weitergehen. Schon seit Längerem wird der IMSA nachgesagt, sie bevorzuge die heimischen US-Fabrikate gegenüber den P2-Prototypen aus Europa. Problematisch in Daytona war daher auch die Teilnahme von Jeff Gordon: Als NASCAR-Star und dreifacher Daytona-500-Champion ist dessen Sieg mit Wayne Taylor natürliche prächtige PR für alle Beteiligten, weshalb Kritiker auch hier einen möglichen Bonus für Cadillac sehen, und zwar nicht nur in puncto BoP, sondern auch bei der Stewards-Entscheidung zum Last-Minute-Clash zwischen Taylor und Albuquerque. Gordon fuhr im Rennen übrigens nicht länger als das Minimum von zwei Stunden.

Als hätte das Ergebnis vom Sonntag damit nicht schon Geschmäckle genug, kommt durch die zweifelhafte Aktion von Mike Conway beim vorletzten Neustart noch mehr dazu. Der Toyota-Werksfahrer saß für Action Express im zweiten Cadillac des Teams und agierte nach dem Ende der Gelbphase offensichtlich als Blockade gegen Taylor und für Teamkollege Albuquerque. Conway lag beim Neustart zwischen den beiden, war jedoch längst 20 Runden zurück. John Dagys, Gründer von Sportscar365 und Spezi für die US-Seite der Sportwagen-Dinge, platzte ob der Untätigkeit der Rennleitung gar der Kragen. Er twitterte: "Wie immer erlaubt sich Action Express fragwürdige Dinge und wird nur nicht bestraft wegen der Person, der das Team gehört. Ich hab die Nase voll von diesem Bullshit."

Dass sich ein anerkannter Journalist wie Dagys solch ein Statement erlaubt, sagt so manches aus. Eigner von Action Express Racing ist Bob Johnson; der Geschäftsmann arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der mächtigen France-Familie zusammen, die sowohl die NASCAR als auch die IMSA gegründet hat und heute noch über beide Verbände die Vorherrschaft besitzt. Da erst Conways Blockade nicht bestraft wurde und dann ebenso nicht der Rempler von Taylor, könnte man natürlich von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen und die ganze Schose abhaken. Nur kann's unabhängig voneinander betrachtet nicht sein, dass man zwei Manöver solcher Güte durchgehen lässt und damit für die Zukunft automatisch gutheißt. Prost Mahlzeit, wenn das zum neuen Standard wird!

Sicher ein low percentage move

Sieben Minuten vor Schluss: Taylor trifft Albuquerque: (00:59 Min.)

Klar kann man Taylor zugutehalten, dass Albuquerque nicht wasserdicht gecovert hat, indem er die in der ersten Daytona-Kurve übliche bauchartige Linie gefahren ist, die zwei Scheitelpunkte berührt. Doch selbst mit gängigen Tourenwagen-Maßstäben kommt Taylor letztlich nicht gut weg: Angenommen, man muss die Nase mindestens bis zur (gedachten) B-Säule daneben haben, dann war das wohl knapp nicht der Fall, und somit war's Albuquerques gutes Recht, die Kurve für sich zu reklamieren, also wie üblich einzulenken. Und hätte Albuquerque so nicht eingelenkt, dann wäre genau das seine Einladung für alle zukünftigen Duelle gewesen: "Haltet nur rein, wenn's eng wird, mach ich auf." Auf die Gefahr hin einzulenken, dass es knallt, mag albern erscheinen, aber so ticken Rennfahrer.

Wie auch immer man zur Schuldfrage steht: ohne Zweifel ein low percentage move, wie die Amis ein Manöver nennen, das nicht gerade Extraklasse war. Rickys Papa und Chef Wayne drückte sich da weniger blumig aus, sprach gar von einem "dummen Manöver". Seiner Reaktion am Kommandostand nach hatte der wohl sowieso fest mit einer Strafe gerechnet. Im Reglement der IMSA ist übrigens auch nur das Bauchgefühl als Maßstab verankert; es heißt, ein Auto müsse reasonably daneben sein, also halbwegs. Der vielleicht treffendste Beitrag kam von TV-Kommentator Jeremy Shaw, der aus all seiner Erfahrung seit den Siebzigern folgenden Satz formulierte: "Als Ricky reingestochen hat, war er drauf vorbereitet, dass es zur Berührung kommen würde." Und das könne nicht die Art und Weise sein.

Unterm Strich ist in Daytona alles zusammengekommen: Die amerikanischen Cadillac-DPi fuhren der Konkurrenz aus Asien und Europa auf und davon, blockten einander unsportlich und räumten sich gegenseitig ab, woraufhin die Rennleitung nicht nur in zwei Einzelfällen fraglich urteilte, sondern womöglich auch noch das eine mit dem anderen aufwog. Obendrein fielen genau diejenigen Teams übereinander her, denen sich auf die eine oder andere Weise Boni bei der IMSA unterstellen ließen. All das ist umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, welch tollen Sport in den GT-Klassen die Kontroverse um den Gesamtsieg überschattete. Die US-Fans jedenfalls sind sauer, und das durchaus zu Recht. Denkbar, dass für die der fiese Regen in der Nacht das kleinste Ärgernis war.


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