Antonio Giovinazzi setzt beim Formel-E-Gründungsmitglied Dragon gleich mehrere Traditionen fort: Der Italiener ist nach Jerome D'Ambrosio, Felipe Nasr und Brendon Hartley bereits der vierte Fahrer mit Formel-1-Vergangenheit, der für den US-Rennstall an den Start geht. Gleichzeitig ist Giovinazzi der bereits der 13. unterschiedliche Pilot, der seit dem Serienbeginn 2014 ein Rennen für Dragon bestreitet.

Giovinazzi setzt die muntere Fahrer-Rochade im Team von US-Unternehmer Jay Penske nahtlos fort. Immerhin erhält der Noch-Sauber-Pilot mit Sergio Sette Camara einen Teamkollegen, der sich seit zweieinhalb Saisons beim Team hält. Nur D'Ambrosio, heute Teamchef bei Venturi, brachte es gar auf vier aufeinanderfolgende Saisons beim Rennstall mit Sitz in Großbritannien.

Dragon sorgte zumindest auf dem Fahrermarkt in den vergangenen Saisons immer wieder für Schlagzeilen. So warf der Schweizer Porsche-Werksfahrer Neel Jani in der Saison 2017/18 nach nur einem Rennwochenende das Handtuch. Der jetzige Nissan-Pilot Maximilian Günther wurde 2018/19 zeitweise durch Ex-F1-Fahrer Nasr ersetzt, was bei allen Parteien für große Verwirrung sorgte.

2019/20 verabschiedete sich Le-Mans-Sieger Hartley urplötzlich vor dem Saisonfinale und in der abgelaufenen Saison zog sich auch der zweifache DTM-Vizemeister Nico Müller während der laufenden Saison zurück, ohne, dass jemals offizielle Gründe genannt wurden. Der Schweizer habe sich voll auf die parallel laufende DTM-Saison konzentrieren wollen, sagte er einmal. Die erneut mangelnde Performance von Dragon dürfte ein entscheidender Mitgrund gewesen sein.

Darauf hat sich Giovinazzi eingelassen

Ob Giovinazzi weiß, worauf er sich bei seinem Debüt in der Formel E eingelassen hat? In den vergangenen vier Saisons belegte Dragon mit seinem Penske-Motor stets den vorletzten Platz in der Team-Meisterschaft, jeweils vor dem noch kleineren Team NIO. Der letzte Dragon-Sieg datiert auf das Jahr 2016, als D'Ambrosio in Mexiko den ersten Platz vom nachträglich disqualifizierten Audi-Piloten Lucas di Grassi erbte.

Von alledem will sich Giovianzzi aber nicht beirren lassen. Der 27-Jährige hofft weiter auf die Rückkehr zu Erfolgen, von denen er mit Alfa-Sauber nur wenige in seinen bislang 60 Rennen sammeln konnte. 19 Punkte erzielte er bislang, sein mit Abstand bestes Resultat war ein fünfter Platz 2019 in Brasilien.

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Giovinazzi: Man weiß nie, was passiert

"Sicherlich hatten sie (Dragon) schwierige Saisons. In der Formel E gibt es aber viele unterschiedliche Sieger. Man weiß also nie, was passiert", sagte Giovinazzi am Rande der aktuellen Formel-E-Testfahrten in Valencia zu The Race. "Ich habe erst im November erfahren, dass ich mein Cockpit verliere. Das war nicht ideal. Aber vor allem möchte ich in dieser Meisterschaft antreten, um motiviert zu sein und mit einem Team wie Dragon zusammenzuarbeiten."

Die Hoffnung wollte Giovinazzi nicht aufgeben und verwies auf vergangene Erfolge des Teams, das zu den Pionieren der Formel E zählt. In der ersten Saison 2014/15 holten D'Ambrosio und Teamkollege Loic Duval gar die Vize-Teammeisterschaft, 2015/16 dann den vierten Gesamtrang. Richtig abwärts ging es erst mit der Einführung des aktuellen Gen2-Autos. Dragons Eigenentwicklung samt Penske-Unterstützung, um den Status als Hersteller zu behalten, konnte nie auch nur ansatzweise mit den großen Herstellern mithalten.

Giovinazzi: In Formel E läuft es anders als in F1

In der letzten Saison mit den Gen2-Autos hofft Giovinazzi auf die Unberechenbarkeit, die die Formel E mit sich bringt. So konnten in der abgelaufenen Saison sage und schreibe elf unterschiedliche Fahrer ein Rennen gewinnen. Die Zufälligkeit resultierte allerdings auch aus dem schrägen Qualifying-Format, das ab 2022 durch eine neue und vermeintlich 'fairere' Variante abgelöst wird.

"In der Formel E läuft es anders als in der F1, wo du zu einem Rennen reist und weißt, dass entweder Mercedes oder Red Bull gewinnen wird", sagte Giovinazzi. "In der Formel E weißt du nie, was passiert. Warten wir also mal ab und arbeiten hart dafür."

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Schwierige Vorbereitung auf Formel-E-Debüt

Dabei könnten die Voraussetzungen deutlich besser sein für Giovinazzi vor seiner Debüt-Saison in der Elektro-Rennserie - ihm bleibt bis zum Saisonstart Ende Januar 2022 in Saudi-Arabien kaum Zeit zur Vorbereitung. Aus Valencia musste er vorzeitig abreisen, um rechtzeitig zum vorletzten F1-Rennen im arabischen Wüstenstaat anzukommen. Damit verpasst Giovinazzi den abschließenden Test-Donnerstag der Formel E.

Sein vorerst letztes Formel-1-Rennen in Abu Dhabi nur eine Woche später kostet weitere wertvolle Zeit. Und wegen der Weihnachtsferien verliert Giovinazzi noch mehr Möglichkeiten, um sich zumindest ausgiebig im Simulator auf seine Elektro-Rennpremiere einzuschießen.

Giovinazzi: "Das ist nicht toll, aber ich kann es nicht ändern. Ich fokussiere mich mehr auf den Simulator, um mich mit dem Auto vertraut zu machen. Vor dem ersten Rennen kann ich nicht viele Meilen sammeln. Für das erste Rennen versuche ich mein Bestes und spule im Dezember und Januar möglichst viele Runden im Simulator ab. Das wird sicherlich ein schwieriger Teil der Saison. Wir arbeiten aber hart, um so schnell wie möglich in Form zu kommen."

Giovinazzi: Zu Beginn etwas verwirrt

Giovinazzi gilt als absoluter Allrounder im Rennsport, saß neben Formel-Boliden auch schon im DTM-Auto, in GT-Fahrzeugen oder Le-Mans-Prototypen. Selbst auf Erfahrung in der Formel E kann er zurückblicken: Im Januar 2018 absolvierte Giovinazzi für das damalige Gespann DS Virgin den Rookie-Test in Valencia. Übrigens an der Seite des Schweden Joel Eriksson, den er jetzt als Dragon-Stammfahrer abgelöst hat.

Damals drehte Giovinazzi seine Runden noch im alten Gen1-Auto. Die aktuelle und leistungsstärkere Fahrzeug-Generation bedeutet eine neue Herausforderung, wie er am Montag und Dienstag bei den Testfahrten herausfand: "Zu Beginn war ich etwas verwirrt und musste viele Dinge lernen. Das Hauptproblem ist für mich die Bremse. In der F1 kann jeder sehr auf der Bremse attackieren, weil man auch so viel Downforce hat. Hier kannst du das nicht."

Am Montag landete Giovinazzi am Vormittag auf dem 21. Platz, nachmittags konnte er sich um eine Position verbessern. Am Dienstag belegte er die Plätze 15 und 17 in den beiden Sessions auf dem Circuit Ricardo Tormo, dessen Streckencharakteristik nur wenig gemeinsam hat mit den Stadtkursen, die ihn während der Saison größtenteils erwarten. Teamkollege Sette Camara verpasste ebenfalls in allen Sessions die Top-10.

Giovinazzi abschließend über den motorsportlichen Kulturschock, der ihn in der Formel E im Gegensatz zur Formel 1 erwartet: "Das ist eine völlig andere Kategorie. Ich bin schon so viele Autos gefahren, GT, LMP2, F1. Wenn du aber in dieses Auto steigst, fühlt sich alles ganz anders an."

Formel E: Alle Dragon-Fahrer seit 2014

SaisonFahrerTeam-Wertung
2014/2015Jerome D'AmbrosioP2
Loic Duval
Oriol Servia
2015/16Jerome D'AmbrosioP4
Loic Duval
2016/17Jerome D'AmbrosioP8
Loic Duval
Mike Conway
2017/18Jerome D'AmbrosioP9
Jose Maria Lopez
Neel Jani
2018/19Jose Maria LopezP10
Maximilian Günther
Felipe Nasr
2019/20Nico MüllerP11
Brendon Hartley
Sergio Sette Camara
2020/21Nico MüllerP11
Sergio Sette Camara
Joel Eriksson
2021/22Antonio Giovinazzi-
Sergio Sette Camara