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Formel E

Formel E, 50.000 Euro Strafe: Audis Boxstopp-Trick geht schief!

Audi wollte Lucas di Grassi beim London ePrix mit einem besonderen Trick zum Sieg verhelfen. Danach ignorierte das Team eine Strafe der Rennleitung.
von Daniel Geradtz

Motorsport-Magazin.com - Plötzlich lag Lucas di Grassi beim London ePrix am Sonntag in Führung. Die Audi-Strategen hatten ihn mit einem taktischen Kniff an die Spitze des Feldes gebracht. Während der zweiten Safety-Car-Phase rief das Team den auf Platz sechs liegenden Brasilianer in die Boxengasse. Während die anderen Piloten hinter dem Safety Car auf der Strecke blieben, nutzte er den schnelleren Weg durch die vergleichsweise kurze Boxendurchfahrt und machte so Positionen gut.

Di Grassi aus dem Nichts in Führung! In der Schlussphase des Rennens konnte sich der Formel-E-Champion der Saison 2016/17 eine ganze Weile auf Platz eins behaupten. Dann aber untersuchten die Stewards den Vorfall. Sie warfen di Grassi vor, nicht vor der Audi-Box angehalten zu haben. Dabei ist das vorgeschrieben, wenn ein Fahrzeug im Rennen durch die Boxengasse fährt.

Kurz darauf folgte die Entscheidung: Der 82-fache Formel-E-Starter sollte eine Durchfahrtsstrafe ableisten. Audi widersprach. Teamchef Allan McNish sprintete - im Fernsehen bestens zu sehen - zu den Sportkommissaren, um dort gegen das Urteil zu intervenieren. Der langjährige Rennfahrer blieb jedoch erfolglos.

Das Team entschied sich laut einem Schreiben der Rennleistung, di Grassi nicht über die anberaumte Durchfahrtsstrafe zu informieren. Das hat nun schwerwiegende Folgen: Die Stewards brummten dem Elektrorennstall des Ingolstädter Autobauers nach dem Rennen eine Strafe von 50.000 Euro auf. Davon sind 45.000 Euro zunächst ausgesetzt und werden nur dann fällig, wenn sich Audi in ähnlicher Weise noch einmal gegen das Regelwerk verhält.

In der Begründung der Stewards heißt es: "Der Wettbewerber dachte, dass die ausgesprochene Strafe falsch war. Er hat seinen Fahrer nicht über die Strafe und darüber, dass er diese befolgen muss, informiert. Dieses Verhalten ist nicht akzeptabel. Es liegt nicht am Wettbewerber, zu entscheiden, welche Strafe richtig und falsch ist."

Nachdem di Grassi seine Durchfahrtsstrafe im Rennen nicht angetreten hatte, wurde ihm zu Beginn der letzten Runde die schwarze Flagge gezeigt, die eine Disqualifikation bedeutet. Der Audi-Fahrer fuhr allerdings weiter und überquerte sogar als Erster die Ziellinie. Doch gewertet wurde er als Achter, da seine vorherige Durchfahrtsstrafe nachträglich in eine Zeitaddition von 19 Sekunden umgewandelt wurde. Entsprechend der Disqualifikation wurde er nach dem Rennen aus der Wertung genommen.

Das vermeintliche 'Missachten' der schwarzen Flagge war tatsächlich sogar regelkonform. Laut internationalem 'Sporting Code' der FIA kann sie einem Piloten in bis zu vier aufeinanderfolgenden Runden gezeigt werden, ehe weitere Konsequenzen drohen.

"Das war eine gute Strategie des Teams, das eine Möglichkeit im Reglement erkannt und genutzt hat. Angesichts der engen Konstellation im Titelkampf wollten wir keine Möglichkeit ungenutzt lassen", sagte di Grassi. In der WM-Wertung liegt er vor den beiden letzten Saisonrennen in Berlin auf dem 14. Platz mit einem Rückstand von 33 Punkten auf Nyck de Vries, der in der Gesamtwertung führt.

Formel E: Audi sorgt für Boxenstopp-Aufreger in London: (05:27 Min.)

McNish schwindelt bei Erklärung

Audi wollte zumindest während des Rennens die Karten nicht offenlegen. McNish sagte während des Rennens auf Nachfrage von Sat.1: "Lucas hatte eine kleine Berührung in der Anfangsphase. Er war sich nicht sicher, ob er einen Reifenschaden hat. Wir haben die Safety-Car-Phase genutzt, um das zu überprüfen. Das Safety Car war sehr, sehr langsam. Viel langsamer als wir erwartet hatten."

Diese Erklärung entsprach aber nicht der Wahrheit, wie der Schotte später immerhin selbst einräumte. "Ich entschuldige mich dafür, nicht vollständig offen gewesen zu sein. Es war mitten in einer sehr stressigen Phase", erklärte der dreifache Sieger des 24-Stunden-Rennens von Le Mans in einem Interview nach dem Rennen. "Lucas kam in die Box, hat gestoppt und fuhr wieder raus. Wir waren überrascht, wie groß der Vorteil war. Die Stewards glauben, dass er nicht vollständig gestoppt hat. Wir glauben, dass das der Fall war. Aber sie beurteilen die Situation."

Der Hintergrund: Die Rennleitung kann die Telemetriedaten der Fahrzeuge in Echtzeit einsehen. So lässt sich beispielsweise auch die Einhaltung der Regeln für eine Full-Course-Yellow-Phase (maximale Geschwindigkeit von 50 km/h auf der gesamten Strecke) überprüfen. Den Teams fehlt der Zugriff auf die Daten. Sie werden auf einem Datenträger im Fahrzeug gespeichert, den sie erst nach der technischen Kontrolle auslesen können. McNish sagte nach dem Rennen: "Wir haben noch nicht die Daten des Autos. Wenn es zurückkommt, können wir sie herunterladen."

Überholen in der Boxengasse erlaubt

Wie lange ein Boxenstopp dauern muss, ist im Reglement der Formel E nicht festgelegt. Lediglich der Fall einer Full-Course-Yellow-Phase ist in Artikel 39.2 beschrieben. Darin heißt es: "Die Einfahrt und die Ausfahrt der Boxengasse bleiben geöffnet. Die Fahrzeuge haben die Möglichkeit, einen Boxenstopp zu absolvieren, vorausgesetzt, sie halten für mindestens zehn Sekunden an."

Sat.1-Experte Christian Danner zweifelte McNishs erste Aussagen schon früh an. "Die haben gelogen. Wie soll man den Luftdruck kontrollieren, indem man auf die Reifen schaut? Zweitens: Wenn man stehen bleiben muss und er nicht stehen bleibt, gibt es an der Strafe überhaupt nichts auszusetzen. Und wir dürfen eine Sache nicht vergessen. In einer Safety-Car-Phase herrscht Überholverbot."

In diesem Punkt spricht das Reglement di Grassi allerdings frei. Dort heißt es unter der Überschrift 'Safety Car': "Beim Einfahren in die Boxengasse kann ein Fahrer ein anderes Auto, das auf der Strecke geblieben ist, inklusive dem Safety Car überholen, nachdem er die erste Safety-Car-Linie überfahren hat." Außerdem gilt: "Beim Verlassen der Boxengasse kann ein Fahrer ein Auto überholen oder von ihm überholt auf der Strecke werden, bevor er die zweite Safety-Car-Linie erreicht."

Auch wenn Audi sich grundsätzlich regelkonform verhalten hat, führt die Aktion das bestehende Reglement ad absurdum. Sat.1-Experte Danner findet: "Der Versuch war es wert und es war ja ganz lustig. Aber man kann eine Safety-Car-Phase nicht mit einer geschwindelten Kontrolle des Luftdrucks dazu missbrauchen, alles durcheinander zu bringen."


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