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Formel E

Formel E als Testlabor für die Serie: Nicht nur ein Slogan

Der Motorsport als schnellstes Testlabor der Welt - gilt das auch in der Formel E? Der Leitspruch vor dem großen Saisonfinale in Berlin auf dem Prüfstand.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Noch gut 530 Kilometer unter Rennbedingungen, verteilt über sechs Läufe innerhalb von nur neun Tagen: Am 13. August 2020 steht nach dem spektakulären 'Renn-Sixpack' auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof der neue Champion der sechsten Formel-E-Saison fest.

Für das Team Audi Sport ABT Schaeffler war die deutsche Hauptstadt stets ein erfolgreiches Pflaster. 2018 durch Rennsieger Daniel Abt und 2019 mit Lucas di Grassi bildete das Werksteam aus Ingolstadt in den vergangenen beiden Jahren das Maß aller Dinge. Mit insgesamt fünf Podestplätzen seit 2015 war der Brasilianer obendrein so erfolgreich wie kein anderer Fahrer in Berlin.

"Wenn ich nur wüsste, woran das liegt", antwortet Audi-Teamchef Allan McNish mit einem breiten Grinsen auf die Frage von Motorsport-Magazin.com, wo die Stärken des Teams beim Heimrennen liegen. "Schau, das Auto wird mit Blick auf eine gesamte Saison als Kompromiss entwickelt. Es gibt aber manche Strecken, auf denen so ziemlich alles passt, da herrscht größere Harmonie als auf anderen Strecken."

Auf dem 2,375 Kilometer langen Kurs im Süden Berlins spielt der möglichst effiziente Umgang mit dem Energie-Management eine entscheidende Rolle. Der Antriebsstrang des Audi e-tron FE06, bestehend aus E-Maschine, Leistungselektronik und Getriebe, ist neben der Software der einzige Bereich eines Formel-E-Autos, den die Hersteller frei entwickeln dürfen. Audi und Schaeffler haben diesen wie in den Jahren zuvor gemeinsam entwickelt.

Die Formel E trägt ihr Saisonfinale 2020 mit sechs Rennen innerhalb von neun Tagen in Berlin aus - Foto: LAT Images

Der Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler mit Hauptsitz in Herzogenaurach und weltweit rund 86.500 Mitarbeitern an 170 Standorten engagiert sich seit dem Beginn der Formel E im Jahr 2014 in der ersten rein elektrischen Rennserie der Welt. In 63 Rennen erzielte das Team, das Audi 2017 werksseitig von der Abt-Mannschaft übernahm, 1.147 Punkte, zwölf Siege, 41 Podestplätze sowie je eine Fahrer- und Teammeisterschaft.

Schaeffler nutzt die Formel E als Testlabor für die Serienentwicklung, wie bei der Produktion von E-Achsgetrieben beim Audi e-tron Straßenwagen. "'Race to Road', das ist nicht nur ein Slogan. Das Know-how, das wir aus dem Motorsport-Engagement generieren, fließt tatsächlich in die Entwicklung von Serienlösungen ein", erklärt Dr. Jochen Schröder, Leiter des Unternehmensbereichs E-Mobilität bei Schaeffler, im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Dr. Jochen Schröder, Leiter des Unternehmensbereichs E-Mobilität bei Schaeffler, im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com - Foto: Motorsport-Magazin.com

Während beim Rennsport und in der Serienentwicklung unterschiedliche Anforderungen gefragt sind, finden sich ebenso viele Überschneidungen. So nimmt die Detailarbeit in beiden Bereichen eine wesentliche Rolle in der Entwicklung ein, in der Formel E vor allem aufgrund des aus Kostengründen eng gestrickten Regelwerkes.

"Es geht darum, den maximalen Wirkungsgrad, beziehungsweise die höchstmögliche Energieeffizienz zu erzielen", sagt Dr. Jochen Schröder. "Wir haben es geschafft, uns von Saison zu Saison immer weiter zu steigern. Vom Lager bis hin zum Leistungshalbleiter im Inverter haben wir uns kontinuierlich verbessert und damit den Wirkungsgrad weiter optimiert."

Den limitierenden Performance-Faktor in der Formel E bildet die 385 Kilogramm schwere Einheitsbatterie von McLaren, die zwischen Fahrersitz und Antriebsstrang sitzt und per Reglement über eine Kapazität von 52 kWh verfügt. "Wir bei Schaeffler sind besonders gut bei High-Performance-Antrieben. Wenn man die Leistung etwas weiter öffnen würde, wäre ich nicht unglücklich", merkt Dr. Jochen Schröder mit einem Augenzwinkern an.

Schaeffler bei der Formel E: Working for a reason: (02:53 Min.)

Was daraus potenziell entstehen kann, hat Schaeffler bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt mit dem Konzeptfahrzeug Schaeffler 4e Performance. Hier bringt es ein von vier Formel-E-Motoren angetriebener Elektro-Kraftmeier auf Basis des Audi A3 zu einer gigantischen Leistung von 880 kW, was rund 1.200 PS entspricht.

Schröder: "Dieses Auto zeigt, dass man Umweltbewusstsein mit dem Spaß am Autofahren kombinieren kann. Das schließt sich nicht aus. Der Schaeffler 4e Performance verkörpert genau das."

Spaß haben könnten auch die Audi-Teamkollegen Lucas di Grassi und René Rast, wenn der 250 kW (340 PS) starke Audi e-tron FE06 beim diesjährigen Berlin-Finale ähnlich abliefert wie seine Vorgänger. "Berlin hat unserem Team in der Vergangenheit immer gut gelegen und mit noch sechs zu fahrenden Rennen ist in der Meisterschaft für uns noch alles drin", sagt Audi-Motorsportchef Dieter Gass zu Motorsport-Magazin.com.


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