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Formel E - Porsche in Berlin: Le-Mans-Vorteil, Rookie-Nachteil

Formel-E-Neueinsteiger Porsche vor dem Saisonfinale 2020 in Berlin: Erfahrung von 24-Stunden-Rennen soll helfen. Wie groß wird der Rookie-Nachteil?
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - In 27 Tagen ist es soweit: Die Teams der Formel E erwartet beim großen Saisonfinale in Berlin die wohl anstrengendste Zeit ihrer Motorsportkarriere. Sechs Renntage innerhalb von nur neun Tagen - das dürfte noch kein Rennfahrer in einer hochklassigen Serie zuvor erlebt haben. Vom 05. bis 13. August 2020 wird die Rennwoche auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof - noch dazu mit drei unterschiedlichen Streckenvarianten - zur Nagelprobe für Fahrer und alle Teammitglieder.

Angesichts dieser Belastung dürfte die Erfahrung aus der Vergangenheit zum Tragen kommen. Stichwort: Le Mans. Der französische Langstreckenklassiker erstreckt sich üblicherweise über fünf Tage und fordert den Involvierten mental und physisch so ziemlich alles ab. Bilder völlig erschöpfter Fahrer und Teammitglieder nach dem Zieleinlauf am Sonntagnachmittag als Zeugnis der Belastung.

Die erlernten Routinen beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans könnten bald in Berlin hilfreich sein, wo zwischen den drei Doppel-Rennen (05./06., 08./09., 12./13. August) nur ein respektive zwei Tage Unterbrechung anstehen. Darauf hofft auch Formel-E-Neueinsteiger Porsche, mit 19 Gesamtsiegen der erfolgreichste Hersteller in der Geschichte von Le Mans.

Ein Teil der Teammitglieder aus alten LMP1-Zeiten, als Porsche von 2015 bis 2017 dreimal in Folge das 24h-Rennen entlang der Sarthe gewann, ist im Formel-E-Projekt weiter an Bord. Auch die Fahrer Andre Lotterer und Neel Jani mit jeweils elf Teilnahmen von 2009 bis 2019 am 24h-Klassiker sind bestens mit den Belastungen vertraut.

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Lotterer: Hoffentlich hilft Erfahrung aus Le Mans

"Hoffentlich hilft uns die Erfahrung aus Le Mans, um die Rennwoche in Berlin zu überstehen", sagte Lotterer in einem von Porsche produzierten Podcast. "Wir müssen dem mentalen und physischen Druck standhalten."

Während in Le Mans die konstant hohen Geschwindigkeiten im Vordergrund stehen, kommt es in der Formel E auf etwas anderes an, erklärte der erfahrene Lotterer: "Das Formel-E-Auto ist nicht das am physischsten zu fahrende Auto. Aber aus mentaler Sicht ist es super-herausfordernd, weil wir innerhalb eines Renntages so viele Dinge auf einmal managen müssen. Das macht dich noch müder als ein schnelleres Rennauto zu fahren."

Zustimmung von Teamkollege Jani, der 2016 mit Porsche die 24 Stunden von Le Mans gewann. Der Schweizer, der in seiner ersten vollen Saison in der Formel E noch auf die erste Punkteausbeute wartet: "Alle sind happy, wieder ins Auto zu steigen. Aber warten wir mal ab, wie happy wir sind, wenn wir nach den sechs Rennen in neun Tagen wieder aussteigen... Das wird sehr intensiv. Aus Sicht der Distanz kommt es nicht an die 24 Stunden heran, aber das wird eine riesige Herausforderung."

Wie sehen die drei Streckenvarianten aus?

Stressig wird es schon vor dem Auftakt des Berliner Sixpacks, das gleichzeitig den Abschluss der laufenden Saison 2019/20 bildet. Noch stehen die drei unterschiedlichen Streckenvarianten offiziell nicht fest. Die Streckendaten sollen die Teams so spät wie möglich von der Formel E erhalten, um für eine größere Spannung und Unwägbarkeiten zu sorgen.

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com soll das aktuelle 2,375 Kilometer lange Layout mit zehn Kurven ebenso gefahren werden wie ein Rennen mit umgekehrtem Streckenverlauf. In Berlin fuhr die Formel E zuletzt entgegen des Uhrzeigersinns. Beim dritten Doppel-Rennen wird von einer leicht abgewandelten Variante ausgegangen: 2,469 Kilometer (2015) beziehungsweise 2,250 Kilometer (2017) lange Layouts kamen schon in der Vergangenheit zum Einsatz.

"Normalerweise verbringen wir drei, vier Tage vor jedem Rennen im Simulator", sagte Lotterer. "Das müssen wir jetzt mit drei multiplizieren. Das ist mehr oder weniger der einzige Unterschied in der Vorbereitung." Teamkollege Jani fand unterdessen Gefallen an der Idee, die Möglichkeiten der Simulator-Vorbereitung mittels spät freigegebener Streckenlayouts zu beschränken: "Das wäre eine gute Challenge für alle. Ein bisschen wie früher, als man die Strecke zu Fuß ablaufen musste, um sie kennenzulernen."

Porsches Berlin-Nachteil

Porsches Nachteil in der deutschen Hauptstadt: als einziges Team in der Formel E kann der Neueinsteiger nicht auf Daten aus den Vor-Saisons zurückgreifen - und das gerade in Berlin, wo die unübliche Beschaffenheit des Rollfeld-Asphalts eine große Rolle beim Umgang mit den Allwetter-Reifen spielt. In diesem Aspekt kann besonders Lotterer seine Erfahrungen aus zwei Berlin-Rennen mit DS Techeetah 2018 (Platz 9) und 2019 (Platz 14) einfließen lassen.

In der Meisterschaft belegt das Porsche-Werksteam den neunten von zwölf Plätzen. Die bisherigen 25 Punkte gehen komplett auf Lotterers Konto, der in Saudi-Arabien einen frühen Podestplatz und in Mexiko-City die erste Pole Position eroberte. Jani, der nach der Saison möglicherweise von Pascal Wehrlein abgelöst wird: "Wir befinden uns in unserer Rookie-Saison, aber Punkte und Podestplätze in Berlin wären fantastisch."


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