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Formel E / Interview

Der Autowechsel muss weg - Formel E in Tempelhof: Oberaffengeil

Was hält DMSB-Präsident Hans-Joachim Stuck von der Formel E? Motorsport-Magazin.com unterhielt sich mit Stuck über FanBoost, Autowechsel und Lieschen Müller.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Herr Stuck, Sie waren im Mai beim Deutschland-Rennen der Formel E auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin vor Ort. Wie hat es Ihnen gefallen?
Hans-Joachim Stuck: Das war mein zweiter Besuch bei der Formel E, beim Rennen in Miami war ich auch gewesen. Entschuldigung, wenn ich es so sagen muss, aber: Tempelhof war oberaffengeil. Das war der ideale Ort für das Formel-E-Rennen in Deutschland und die Zuschauer hatten ihren Spaß. Dass man die Strecke von praktisch jedem Platz aus komplett sehen konnte, war natürlich ein Glücksfall. Und noch etwas...

Ja, bitte?
Hans-Joachim Stuck: Viele Leute haben ja gesagt, dass die Autos keinen Sound machen. Aber wir haben uns 40 Jahre lang Ohrstöpsel reingesteckt, weil es sonst zu laut gewesen wäre. Und dort konnte man sich das Rennen anschauen und sich dabei unterhalten - ja, warum denn nicht? Motorsport muss nicht durch Krach definiert sein. Was alles in allem in Tempelhof geboten wurde, war erste Sahne und ein guter Beweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Über den Sound der Formel-E-Autos streitet man sich noch - Foto: FIA Formula E

Wie hätten Sie damals reagiert, wenn Sie aufgefordert worden wären, per Twitter die Fans zu mobilisieren, um den FanBoost zu bekommen?
Hans-Joachim Stuck:Schwierige Frage, Twitter gab es zu meiner aktiven Zeit ja nicht. Aber ich würde sagen, dass ich da voll dabei gewesen wäre. Ich war immer offen für neue Sachen. Und man sieht es ja aktuell an den Herren Formel-1-Fahrern: Sebastian Vettel und Co. haben die Fans darum gebeten, in den sozialen Medien Verbesserungsvorschläge für die Formel 1 anzubringen. Das war eine gute Geschichte. In den 70er und 80er Jahren haben wir ja auch auf die Fans gehört. Heute geht das dank Facebook und Twitter viel einfacher.

Läuft die Formel E wegen des FanBoost nicht Gefahr, als Show-Veranstaltung abgestempelt zu werden?
Hans-Joachim Stuck: Mit Show hat das nichts zu tun auf der Strecke. Wenn ich an den Unfall von Nick Heidfeld beim Saisonauftakt oder die Crashes in Monaco denke: die kämpfen schon richtig. Vor allem finde ich es cool, dass die Fahrer auf der einen Seite hart gegeneinander fahren, auf der anderen Seite aber auch das Hirn einschalten müssen, um ihr Energie-Management in den Griff zu bekommen. Das ist eine spannende Kombination.

Die Formel E setzt auf Nachhaltigkeit - Foto: FIA Formula E

Der Autowechsel ist einzigartig in der Formel E. Wie bewerten Sie das?
Hans-Joachim Stuck: Es gibt sicherlich ein paar Dinge, bei denen man mit Blick auf die Zukunft aufpassen muss. Zum einen die Entwicklung, damit es keine Ausreißer gibt, die sich den Erfolg mit viel Geld erkaufen. Zum anderen muss dieser Autowechsel weg. Das ist zu viel Aufwand und nicht nachvollziehbar. Aber das wurde ja auch in den Plan für die nächsten Jahre aufgenommen.

Schließlich wirbt die Serie mit Nachhaltigkeit - zwei Autos pro Fahrer klingen allerdings wie ein fauler Kompromiss.
Hans-Joachim Stuck: Ich habe mich mit Jean Todt darüber unterhalten. Zu diesem Zeitpunkt war es nicht anders lösbar. Die Batterie der Autos ist sehr schwer und es ist nicht möglich, sie innerhalb kurzer Zeit auszuwechseln. Vielleicht kann man es in Zukunft mit einer langlebigeren Batterie in den Griff bekommen, aber hier muss sich auf jeden Fall etwas ändern.

Was würden Sie persönlich noch an der Formel E verändern?
Hans-Joachim Stuck: Wünsche gibt es immer viele. Man muss jedoch dabei stets bedenken, ob sie umsetzbar sind und was das alles kostet. Ich finde aber, dass die Formel E nicht weit weg ist. Ein bisschen mehr Action im Rahmenprogramm fände ich gut, aber für den Beginn der Serie wurde hier sehr viel richtig gemacht.

Immer mehr Hersteller drängen in die Formel E. Dadurch wird der Wettbewerb ansteigen. Ist das die richtige Richtung?
Hans-Joachim Stuck: Ich denke, dass wir grundsätzlich im Motorsport darauf achten müssen, dass der Gedanke 'höher, schneller, weiter' nicht wirklich zielführend ist. Dem Zuschauer - ob in der Formel E, Formel 1 oder Le Mans - ist es doch egal, ob 1:40er oder 1:50er Rundenzeiten gefahren werden. Da steckt viel Geld und viel Entwicklungsarbeit drin, die eigentlich nichts bringt, außer dass der Fahrer seinen Spaß hat. Wichtig für die Zukunft wird sein, dass wir versuchen, die Rennen spannend und attraktiv zu gestalten. Dabei können dann die Hersteller ihre Technologien bewerben, wie eben den Hybrid- oder Elektroantrieb. Dinge wie verstellbare Heckflügel halte ich für völligen Quatsch. Das ist einfach nur künstlich. Mittels des Energiehaushalts kann man den Fahrern einiges an geistigem Grips abverlangen und das finde ich wichtig.

Ist die Formel E die Zukunft des Motorsports? - Foto: ABT Schaeffler Audi Sport

Also sind alternative Antriebe das Konzept der Zukunft auch im Motorsport?
Hans-Joachim Stuck: Es ist sehr interessant, das auch im Motorsport einzusetzen, weil es Dinge sind, die im täglichen Leben ebenfalls funktionieren. Man muss es den Leuten nur so verkaufen, dass sie es auch verstehen. Ein gutes Beispiel: Ich wohne ja in Tirol und mit meinen besten Freunden - ein Schreiner, ein Elektriker und ein Bäcker - schaue ich mir gern die Formel-1-Rennen an. Dann fragen die mich manchmal: 'Was machen die, was passiert denn da?' Heißt: Der normale Fan kapiert es nicht. Und davon müssen wir wegkommen. Wir müssen wieder dahinkommen, dass auch Lieschen Müller und Franz Huber Motorsport spannend finden und wissen, wie es funktioniert.

Ist es überhaupt Aufgabe des Motorsports, Werbung für Serientechnologie zu machen?
Hans-Joachim Stuck: Früher hieß es, dass der Rennsport das härteste und schnellste Prüffeld der Welt für ein Auto ist. Davon müssen wir wegkommen, denn das hat sich drastisch geändert. Heute wird aus der Serie in den Sport abgeleitet. Trotzdem müssen wir versuchen, die Technologie der Straße auch im Motorsport sinnvoll einzusetzen. Es gibt eine Fangemeinde und die möchte sich mit den Rennautos identifizieren. Die wollen sagen: 'Hey, die fahren da auch mit Hybrid - genau wie ich in meinem Privatauto'. Diese Botschaft müssen wir verkaufen.

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