Sebastian Vettel stand am Morgen dieses 25. August 2006 ganz normal auf, bahnte sich den Weg von seinem Hotel in Istanbul durch den "chaotischen" Verkehr bis zum Speed Park, legte sich seine Sachen zurecht, sowohl im Kopf als auch in der Box, zog seinen Rennanzug an, trank einen kräftigen Schluck, stieg ins Auto und gab Gas. So einfach verlief der F1-Einstieg des 19-Jährigen Formel 3-Piloten, der erst vor wenigen Monaten sein Abitur bestanden hat.

Von Nervosität war bei ihm nichts zu spüren. "Dabei hat mir wohl mein Naturell geholfen", gestand der ruhige, immer fröhliche und höfliche Heppenheimer. "Heute Morgen kamen alle zu mir und fragten mich, ob ich schon nervös sei. Da dachte ich mir nur: Wenn die alle so weiterreden, werde ich am Ende vielleicht tatsächlich noch nervös." Ganz der zweite Ice Man war er allerdings nicht. "Als der Motor das erste Mal angelassen wurde, war ich schon etwas aufgeregt, aber ich war ruhig genug, um mich auf meine Arbeit zu konzentrieren."

Wie es sich für den aktuell Zweiten der F3-EuroSeries gehört, gab er bei seiner ersten Ausfahrt an einem GP-Freitag gleich kräftig Gas. "Nachdem ich gleich bei meiner ersten Ausfahrt 4 km/h zu schnell war, habe ich mich etwas zusammengerissen", lachte der motorsport-magazin.com-Kolumnist am Nachmittag seines großen Tages. Seine Eltern muss er wegen der 1.000 Dollar Strafe für Pit-Lane-Speeding aber nicht wie zunächst befürchtet anpumpen. "Beim Macau F3-GP gab es 2.000 Dollar Preisgeld. Die Hälfte davon habe ich aufgehoben und noch immer zuhause herumliegen." Somit ist auch klar, dass Sebastian nicht nur ruhig und höflich ist, sondern auch sparsam.

Nur bei den Rundenzeiten geizte er nicht: Kurz vor dem Ende der zweiten Session drehte er die schnellste Zeit des Tages! Aus dem Boxenfunk kam dazu aber nichts. "Wir haben es ihm nicht gesagt", schmunzelte Mario Theissen, der lieber wollte, dass Sebastian sich auf seine Arbeit konzentriert und nicht auf Zeitenjagd geht. Aber da hat der Motorsportdirektor die Rechnung ohne den smarten Debütanten gemacht. "Als ich auf dem Pitboard meine Zeit als schnellste sah, habe ich es mir zusammengereimt."

Und wie fühlt sich so eine Bestzeit in der Königsklasse des Motorsports an? "Es fühlt sich schon gut an", gestand er ehrlich. "Ich habe einmal kurz auf eine Video-Leinwand geschaut und sah dort, wie jemand gegen meine Zeit gefahren ist. Das sieht schon sehr ungewohnt aus, denn normalerweise sitze ich um diese Zeit am Freitag vor dem Fernseher und schaue mir an, wie sich die Jungs schlagen. Diesmal selbst dabei gewesen zu sein, war schon ein tolles Gefühl."

Dabei war er von seiner Bestzeit "selbst überrascht", schließlich hatte ihm Mario Theissen noch am Vorabend ins Gewissen geredet ja keine zu großen Risiken einzugehen. Deshalb hatte Sebastian "nicht damit gerechnet", eigentlich hatte er "gar keine Erwartungen" an sein Freitagsdebüt. Schließlich war er bislang nur rund 500 Kilometer an zwei Formel 1-Testtagen gefahren und kannte die Strecke nur aus einem Computerspiel und von Onboard-Cockpitaufnahmen.

Bei so viel Freude über den ersten Arbeitstag in der Formel 1 konnte Sebastian selbst die Auslosung zur Doping-Kontrolle nicht den Spaß verderben. Immerhin hat er so schon an seinem ersten Tag das gesamte F1-Repertoire von Strafen bis zur Kontrolle hinter sich bringen können. Die Zukunft wird nun zeigen, ob dieser 25. August vielleicht nicht nur für ihn unvergesslich bleibt und er in 15 Jahren möglicherweise auf eine ähnlich erfolgreiche Karriere zurückblicken kann wie heute Michael Schumacher. Die Datums-Parallelen empfindet Sebastian ganz auf dem Boden geblieben als "reinen Zufall". "Der Türkei GP wurde nicht deswegen auf dieses Datum gelegt, damit ich mein F1-Debüt am gleichen Tag feiere wie Michael sein erstes Rennen." So bescheiden sprechen künftige Stars.