Tony Scott Andrews erlangte in Monaco schlagartig große Berühmtheit. In seiner ersten wichtigen Entscheidung als permanenter Chef-Rennsteward schickte er Michael Schumacher nach einer achtstündigen Beratung ans Ende des Feldes. Nicht ganz so lange mussten er und seine beiden Kommissars-Kollegen beraten, um nun auch den zweiten Titelanwärter hart zu bestrafen: Fernando Alonso werden in jeder der drei Qualifying-Sessions zwei Sekunden auf seine Rundenzeiten aufgebrummt!
Damit dürfte es der Spanier schwer haben überhaupt die dritte Session zu erreichen, aber dem nicht genug: Mit den Chancen auf eine gute Startposition schwinden auf dem überholfeindlichen Kurs in Ungarn auch seine Chancen auf ein gutes Rennergebnis und somit den WM-Titel.
Die Ursache für die Bestrafung ist zweigeteilt: Einmal schnitt der Renault-Pilot den Freitagstester Robert Doornbos nach einem Überholmanöver und bremste diesen absichtlich aus, zum anderen soll er unter gelber Flagge überholt haben. Für jeden dieser Zwischenfälle erhielt er eine Sekunde Zeitstrafe.
11, 10, 9 - Der Countdown zum Titel läuft...
Dabei sah es für den Spanier gar nicht einmal so schlecht aus. Bevor ihm alle Chancen auf ein gutes Qualifying-Ergebnis geraubt wurden, beklagte er sich zwar, wie alle Fahrer, über den Grip und das Graining der Reifen, hatte aber sonst keine Probleme. "Die Zeiten scheinen konkurrenzfähig, also glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind." Das dürfte er nach der Bekanntgabe des Urteils der Rennstewards sicher anders sehen...
Michael Schumacher dürfte nach dieser Nachricht hingegen besser schlafen können. Denn ihm und seinem Reifenpartner Bridgestone scheint das Graining an den Pneus doch größere Kopfschmerzen zu bereiten, als sie womöglich Jacques Villeneuve derzeit hat. So ging Schumacher zwar offiziell davon aus "die richtigen Reifen" im Gepäck zu haben, aber intern dürften die Köpfe bei den Italienern doch gewaltig geraucht haben und noch immer rauchen. Schließlich beklagten alle Bridgestone-Teams bis auf Toyota große Reifenprobleme.

Durch Alonsos Bestrafung löste sich ein Teil dieser Sorgen nun aber urplötzlich in Luft auf - denn im schlimmsten Fall muss der Spanier von ganz hinten ins Rennen starten und verliert damit auf dieser Strecke beinahe alle Chancen auf WM-Punkte. Schumacher könnte dann beruhigt einer weiteren Reduktion des Minuspunktestandes entgegenfahren. Die Fans werden schon anfangen zu zählen: Elf, zehn, neun, acht...
"Ich hoffe, dass ich ganz vorne stehen kann", gab Schumacher schon vorher ein klares Ziel aus. "Dafür sieht es sehr gut aus. Entscheidend wird sein, wie konstant die Reifen sind. Da müssen wir sehen, wo wir im Vergleich zur Konkurrenz stehen. Wir haben ein starkes Auto und ein starkes Paket, dennoch weiß ich noch nicht genau, wie wir im Verhältnis zu unseren Konkurrenten aussehen."
Von Verschwörungen, Handzeichen & Waagen
Die Verschwörungstheoretiker im Fahrerlager wollen in der Strafe für Alonso natürlich einen absichtlichen Eingriff in den Titelkampf bemerkt haben: Nach dem Verbot der Schwingungsdämpfer und der damit verbundenen endlosen Kontroverse, wäre dies bereits der zweite Eingriff gegen Renault innerhalb weniger Wochen - allerdings darf die Schumacher-Strafe für dessen Parkplatzsuche in der Rascasse nicht vergessen werden. Auch das wäre unter diesen Gesichtspunkten ein harter Eingriff gewesen und zwar zu einem Zeitpunkt, da ihm niemand wirklich noch Titelchancen einräumte.
Abseits der Verschwörungstheorien gibt es jedoch wichtigere Fragen zu klären: Liegen bei Alonso nun doch die Nerven blank? Nachdem der Weltmeister bereits am letzten Wochenende im Boxenfunk über Michael Schumacher schimpfte, ließ er sich diesmal sogar zu einem solchen "Foul" gegen Doornbos hinreißen. "Fernando ist ein bemerkenswert ruhiger Charakter", verteidigt ihn sein Chefingenieur Pat Symonds. Machmal bricht ihn ihm jedoch der Südländer durch - etwa wenn er wie im Vorjahr in Kanada wütend im Boxenfunk fordert, dass ihn sein langsamerer Teamkollege vorbeilassen solle oder wenn er nicht nur wild gestikulierend, sondern auch Gegner schneidend durch die ungarische Puszta fährt. Aus seiner Sicht war die laut den FIA-Stewards "unnötige, inakzeptable und gefährliche" Fahrweise übrigens nicht so schlimm: "Solche Handzeichen sind doch nichts Besonderes", sagte er noch bevor ihm das Urteil wohl die Sprache verschlagen haben dürfte.
Dieser kleine Ausrutscher könnte Alonso noch teuer zu stehen kommen. Denn er machte aus dem heimlichen Gewinner des Freitags, den klar ersichtlichen Verlierer des Freitags. Somit erhält das Bild vom "Gummi an der Waage" durch die Bestrafung des Spaniers eine gänzlich neue Bedeutung. Es geht nicht mehr nur um die Reifen, bei denen Michelin möglicherweise - insbesondere auf Long Runs - die Oberhand haben könnte, sondern auch um jene Waage, die ein Schwert schwingender Tony Scott Andrews mit verbundenen Augen in einer Hand hält...



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