Wenn man "es" tut, bleibt die Zeit stehen (und manche sind davon überzeugt, dadurch, so nebenbei, weniger zu altern). Wenn man "es" tut, ist man zu hundert Prozent auf die Tätigkeit konzentriert - es gibt keinerlei Nebengedanken, weil dafür einfach keine Zeit wäre und man vollkommen konzentriert ist. Wenn man "es" tut, steht der Rhythmus im Vordergrund, und eine möglichst runde Bewegung, man muss einfach nur "rund sein" - und man verinnerlicht den Ablauf.

Nein, es geht nicht um Sex (hier wird durchaus auch einmal an etwas gedacht). Es geht um das Musizieren und um das Rennfahren. Zwei gegensätzliche Tätigkeiten? Ganz und gar nicht - wie eingangs erklärt, handelt es sich um meditative Tätigkeiten, welche die vollste Konzentration abverlangen. Beispielsweise ist auch das professionelle Skifahren dazuzurechnen - auch hier geht es um Rhythmus, um stark reduzierte Reaktionszeiten, um vollste Konzentration. Deshalb können Skirennfahrer auch recht leicht in den Automobilrennsport wechseln. Und deshalb verwundert es auch wenig, wenn Profi-Rennfahrer in der Musik bestehen oder zumindest in ihr erfolgreich Befreiung suchen, und finden.

Slim Borgudd - der rasende Abba-Drummer 1981 im ATS., Foto: Sutton
Slim Borgudd - der rasende Abba-Drummer 1981 im ATS., Foto: Sutton

Jacques Villeneuve hat seine erste Single "Accepterais-tu?" ("Lässt du dir das gefallen?") veröffentlicht. Wer etwas Rasendes, etwas Schnelles erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Die Musik von JV ist ruhig, rund und akustisch. Auf der Akustikgitarre spielt der Kanadier eingängige, simple Melodien - kein Hochleistungswettbewerb und glücklicherweise keine Fingerverrenkungen. JV unterließ es auch, den Akustik-Rock neu zu erfinden, wofür ihm Dank ausgesprochen werden muss. Man könnte sagen: Die Musik ist nichts Besonderes. Sein Gesang ist ebenso wenig sensationell. Darum ist es ihm offensichtlich und glücklicherweise auch nicht gegangen. Was einem jedoch an der Stimme des Jacques Villeneuve sofort auffällt: Sie hat, wie ihr Besitzer, Charisma. Das hört man, das spürt man. Seine Musik scheint direkt vom Herzen zu kommen - und im Grunde erfüllt sie damit bereits alle Auflagen.

Und auch Damon Hill spielt gerne Gitarre., Foto: Sutton
Und auch Damon Hill spielt gerne Gitarre., Foto: Sutton

Musizierende Formel 1-Rennfahrer hat es auch früher schon gegeben: Der selige Elio de Angelis soll hinter dem Klavier genauso virtuos gewesen sein wie hinter dem Lenkrad seines Lotus. Cristiano da Matta spielte in einer Band Gitarre und wird es wahrscheinlich auch heute noch tun. Franck Montagny soll sich gern als Hobby-DJ betatätigen - auf seiner bunt-kreativen Website zählt er seine Lieblinge auf: Pixies, James Brown, Radiohead, Kool and the Gang, Placebo, Beastie Boys, Nirvana oder Rage against the Machine.

Im Jahr 1981 gab ein Schwede namens Slim Borgudd auf einem ATS-Ford in San Marino sein Formel 1-Debüt. Der Mann war bereits 35 Jahre alt - auf den Seitenkästen seines Boliden stand in großen Lettern: "ABBA". Ja, richtig, die schwedische Popgruppe, deren Songs die Karaoke-Hütten dieser Welt beherrschen. Borgudd war einer der Studio-Schlagzeuger der Band. Er begann erst mit 30 mit dem Motorsport, wurde dennoch 1979 Schwedischer Formel 3-Meister und Gesamt-Dritter der europäischen F3-Meisterschaft. Seinen größten Formel 1-Erfolg erlebte der Trommler, als er in seinem Debütjahr beim GP von England als Sechster einen WM-Punkt an Land zog. Im Jahre darauf war nach drei GP mit Tyrrell Schluss mit lustig - aber nur in der Formel 1. Borgudd nahm an Tourenwagenrennen teil, wechselte danach zu den Trucks. Dort wurde er 1994 Weltmeister. Seine Band wird daher wohl nie einen Konzerttermin versäumen...