Mercedes hat die Formel 1 in diesem Jahr lange auf die Folter gespannt. Nach einem großen Upgrade beim Kanada-GP kam anschließend den gesamten Sommer nichts mehr. Nichts Bedeutendes jedenfalls. Während die Konkurrenz aufrüstete, wartete der Klassenprimus bis zum Bahrain-GP in Malaysia, ehe auch die Silberpfeile ein großes Paket ausrollten.

Womit allerdings kaum jemand in der aktuellen Formel-1-Saison, in der Modifikationen allerseits ziemlich rasch mit Performance-Gewinnen einhergingen, gerechnet hatte: Das Upgrade wird zum Problemfall. In Malaysia gab es mit den Nachbesserungen das "schlechteste Wochenende der Saison" (Zitat, Toto Wolff), weshalb man für Singapur schon einen Vergleichstest fährt. Ein Vergleichstest, bei dem im Sprint-Qualifying George Russell mit dem alten Paket fast sechs Zehntel besser abschnitt als Andrea Kimi Antonelli im neuen.

Neuer Mercedes unberechenbar - aber nicht langsamer?

Es war also nicht nur die Strecke in Malaysia, die mit extrem hohen Streckentemperaturen, starkem Reifenverschleiß und einem kaputten Asphalt alles andere als repräsentativ für einen Querschnitt der Saison ist. "Das neue Auto scheint ein bisschen schwieriger zu fahren zu sein", gestand in Singapur auch Wolff ein. Eine Analyse, die Antonelli nach dem Sprint-Qualifying teilte, der den aktualisierten W17 als unberechenbar bezeichnete.

"Das alte Auto ist stabiler und griffiger. Das ist aber nur ein Datenpunkt", sagte Wolff und will die Nachbesserungen nicht komplett abschreiben. "Das heißt nicht, dass [das neue] unbedingt langsamer ist. Da steckt auch etwas Gutes drin. Vielleicht haben wir nur noch keinen guten Weg gefunden, um alles zusammenzubringen und es abzustimmen."

Genau an diesem Punkt erweist sich aber die Upgrade-Strategie von Mercedes als hinderlich, denn ein schrittweises Ausrollen von Update-Paketen bietet den zentralen Vorteil, dass die Funktionstüchtigkeit einzelner Komponente leichter evaluiert werden kann und auch deren Auswirkungen auf das bevorzugte Setup leichter nachzuvollziehen sind. Bei einem ganzen Konvolut an gleichzeitig eingeführten Modifikationen lässt sich das weitaus schwieriger aussortieren.

Russell vierfach bestraft?! - Mercedes geht bei Update-Rätsel radikalen Weg (09:39 Min.)

Setzt Mercedes für 2027 auf eine neue Update-Strategie?

Die Mannschaft aus Brackley lieferte nicht nur einen runderneuerten Unterboden, sondern auch einen neu geformten Seitenkasten nach Malaysia. Die Hinterachse und die Hinterrad-Aufhängung mussten dazu auch ein bisschen umgebaut werden. Das sind viele Komponenten, die der Auslöser für den Stabilitätsverlust des Boliden sein könnten.

Das gesteht auch Toto Wolff ein und hinterfragte am Freitag deshalb offen die Update-Herangehensweise. "Wir hatten das Gefühl, dass es die richtige Strategie wäre, auf ein größeres Update hinzuarbeiten. Das ist etwas, das wir uns mit Sicherheit in Zukunft ansehen werden und uns vielleicht dazu entscheiden werden, kleinere Schritte zu machen", sagte er auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. "Wenn dann ein Warnsignal aufleuchtet, ist es leichter, das rückgängig zu machen."

Dabei gibt Wolff auch zu bedenken, dass in den letzten Jahren die Strategie der großen Upgrade-Pakete immer gut funktioniert habe und nur selten Korrelationsprobleme aufgetreten seien. Das letzte, an das er sich erinnert, ist der Saisonbeginn 2023. "Da dachten wir, dass wir 1,5 Sekunden an das Auto bringen können und das ging nach hinten los." Damals endete es damit, dass Mercedes die Sackgasse des Zero-Sidepod-Konzepts endgültig ad acta legte und damit die Entwicklungsrichtung von eineinhalb Jahren verwarf.

Für 2027 befindet sich Mercedes nun in einer Zwickmühle. Denn für das nächste Jahr bleiben die Aerodynamik-Regeln größtenteils unverändert, weshalb es umso wichtiger ist, die Basis zu definieren, von der ausgehend man weiterentwickelt. Nun fast fünf Monate Upgradearbeit komplett wegzuwerfen, klingt nach einem Horrorszenario. "Wenn wir zur Schlussfolgerung kommen, dass es die Erwartungen nicht erfüllt hat, dann müssen wir uns natürlich für die Zukunft Gedanken machen", so Wolff.

Noch ist die letzte Hoffnung für das Formel-1-Upgrade von Mercedes also nicht begraben. Heute hat Kimi Antonelli die nächsten Gelegenheiten, um Daten zu sammeln. Um 11 Uhr beginnt der Sprint von Singapur, um 15 Uhr startet das Qualifying. Hier der komplette Zeitplan: