Zwei Erwartungen bestimmten den Vorlauf zum Formel-1-Rennen in Madrid. Erstens, dass es chaotisch werden könnte. Zweitens, dass Überholen fast unmöglich sein würde. An der ersten Hypothese wurden manchmal Zweifel angemeldet, die Überholflaute prognostizierte eigentlich jeder.
Wie sich nun zeigt, zu Recht, denn das Rennen auf der 5,414-Kilometer langen Strecke war tatsächlich von einer Überholmanöverarmut geprägt. Chaos in Form von zahlreichen Unfällen, gelben Flaggen, Safety Cars, roten Flaggen und so weiter blieb größtenteils aus. Nur Lance Stroll sorgte nach einem Bremsdefekt in Kurve 14 für ein kurzes VSC, dass das Rennen an der Spitze entschied. Danach verlief es ruhig.
Ganz zum Bedauern von Charles Leclerc, denn Ferrari hatte bei ihm voll auf eine Renn-Neutralisierung gesetzt. Wobei gesetzt vielleicht nicht das perfekte Wort ist, denn von der vierten Position aus hatte er sowieso nicht viel zu verlieren und ein signifikantes Pace-Defizit auf älteren Reifen war auch nicht vorhanden. Ferrari hatte ihn nämlich auf der harten Mischung ins Rennen geschickt und dementsprechend den Monegassen auch bei der VSC-Phase nicht reingeholt.
Charles Leclerc führt in Madrid die meisten Rennrunden – und hofft auf Chaos
Auf diese Art führte Leclerc 32 der 57 Rennrunden den Grand Prix an. Eine realistische Chance auf den Sieg hatte er aber nur bei einer Renn-Unterbrechung, wie auch Teamchef Fred Vasseur weiß: "Mit einer roten Flagge wäre das der Sieg gewesen." Ein Safety Car oder eine VSC-Phase wäre in der ersten Hälfte des Stints immerhin noch mit einem Podiumsplatz vergolten worden, danach war Lando Norris zu nah dran.
Doch die anderen Formel-1-Fahrer benahmen sich viel zu artig, um den Roten bei diesem Glücksspiel einen Gefallen zu tun. Einen Versuch war es trotzdem wert, betont Leclerc: "Das war das Beste, was wir heute versuchen konnten. Wenn ich das Rennen nochmal fahren würde, würde ich exakt das Gleiche tun."
Vor allem, da entgegen der Prognosen der Trainings die harten Reifen eine beinahe unbegrenzte Lebensdauer aufwiesen und die Pace nur sehr langsam nachließ. Die Grainingphase der Reifen schien sich gut durchfahren zu lassen, danach waren die Pneus trotz einer dünneren Gummischicht immer noch performant. Erst in Runde 49 gingen Ferrari die Jetons aus, da sich George Russell langsam aber sicher dem Boxenstopp-Fenster näherte und Leclerc wurde an die Box beordert.
Alleine stand Ferrari übrigens mit der alternativen Strategie, einen Fahrer auf Hard starten zu lassen, nicht da. Ganz im Gegenteil: Red Bull, McLaren und Mercedes handhabten es jeweils mit ihren schlechter platzierten Piloten ähnlich. Doch Russell stoppte im Gegensatz zu Leclerc unter VSC, Piastri fiel schon nach einer suboptimalen Startphase inklusive eines Flügelschadens weit zurück und Liam Lawson konnte ohnehin die Pace der restlichen Spitzengruppe nicht mitgehen. Deswegen war Leclerc der einzige, bei dem der Hard-Poker bis auf das Podium hätte führen können.
Wer war in Madrid eigentlich der beste Fahrer? Hier könnt ihr abstimmen:
Ferrari sammelt wichtige Erkenntnisse: Rennpace ist da, warum im Qualifying nicht?
So konnte Ferrari sich auch ohne Verkehrsbehinderungen davon überzeugen, dass das Auto grundsätzlich zu einer guten Pace im Longrun in der Lage war. "Das Rennen war mehr als gut. Wir konnten einen 49 Runden langen Stint auf dem Hard fahren und die Pace war vorhanden", freute sich Vasseur.
"Charles zeigt, dass wir die Pace hatten, mit jedem zu kämpfen", ist der Franzose überzeugt. Die Daten stimmen diesen Aussagen zumindest insofern zu, dass Max Verstappen zwischen seinem und Leclercs Boxenstopp mit neueren Reifen im Schnitt nur etwa eine Zehntelsekunde pro Runde aufholte und Leclerc auch Kimi Antonelli auf Distanz halten konnte. Vor allem beim Italiener ist es aber naheliegend, dass er nur im Verwaltungsmodus wenige Sekunden hinter Leclerc unterwegs war und entsprechend kein Interesse hatte, direkt zu ihm aufzuschließen, bei Verstappen hingegen weniger.
Vasseur sieht darin den Beweis, dass das Hauptproblem der Scuderia nach wie vor die Qualifying-Performance ist. "Wir wissen, dass die Pace im Rennen da ist, wir müssen nur im Qualifying einen besseren Job abliefern", sprach er und kündigte an: "Morgen werden wir uns das anschauen." Auch Leclerc ist überzeugt davon, dass dort der Hund begraben liegt: "Wir zahlen immer den Preis für unsere [schwache] Qualifying-Pace."



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