München. Der 22. Juni 2005 war gerade angebrochen, als fest stand: BMW startet erstmals in Eigenregie in der FIA Formel-1-Weltmeisterschaft, und zwar schon ab der Saison 2006. Am Nachmittag desselben Juni-Tages wurde die Vorstandsentscheidung der Öffentlichkeit mitgeteilt. Das Rennen vor dem Rennen hatte begonnen: Es blieben 262 Tage, um mit der Zugkraft von 600 Mitarbeitern aus dem Stand auf Renntempo zu beschleunigen.

Am 12. März 2006 startet das BMW Sauber F1 Team in Bahrain mit dem BMW Sauber F1.06 und den Piloten Nick Heidfeld und Jacques Villeneuve in seine erste Saison. Prof. Dr.-Ing. Burkhard Göschel, BMW Vorstand für Entwicklung und Einkauf, erklärt: "Dieses Projekt ist ein starkes und langfristiges Formel-1-Bekenntnis von BMW. Die Formel 1 wirkt für die BMW Group als High-Tech-Labor und Technologiebeschleuniger. Dieser Synergieeffekt hat sich bereits in den sechs Jahren als Motorenpartner sehr positiv ausgewirkt. Mit einem Motor allein lassen sich allerdings keine Rennen gewinnen. Deshalb wollten wir Einfluss auf alle Erfolgsfaktoren. Jetzt tragen wir analog dazu auch die Gesamtverantwortung. Die Formel 1 passt wie maßgeschneidert zu den Markenwerten von BMW. Und es gibt kein anderes Sportereignis, das regelmäßig und weltweit so hohe Aufmerksamkeit generiert. 2006 werden wir vor allem Erfahrung sammeln. 2005 hat Sauber den achten Platz in der Konstrukteurs-WM belegt. Das ist unsere Ausgangsposition. Ich sehe da viel Luft nach oben."

"Ein neues Team zu formen, ist eine große Herausforderung", sagt Prof. Dr.-Ing. Mario Theissen, der als BMW Motorsport Direktor für alle Rennsport-Engagements von BMW verantwortlich ist. "Unser Konzept umfasst die Aufstockung des Personals, den Ausbau der Fabrik in Hinwil, ein intensives Entwicklungsprogramm und die Vernetzung der Aktivitäten in München und Hinwil. Die Aufgabenverteilung lautet: Antrieb und Elektronik aus München, Fahrzeug und Renneinsatz aus Hinwil. Wir stellen in der Schweiz mehr als 100 neue Mitarbeiter ein. Schwerpunkte sind die Umstellung des Windkanals von Ein- auf Drei-Schichtbetrieb sowie die Einrichtung eines autonomen Testteams. Der Windkanal in Hinwil ist hervorragend. Die Fabrik insgesamt ist gut, aber noch nicht groß genug. Der Ausbauplan mit neuen Büros, Entwicklungs- und Produktionseinrichtungen steht, die Baugenehmigung erwarten wir im Frühjahr 2006. Komplett umgesetzt werden alle Maßnahmen bis Ende 2007. Die Saison 2006 wird ein Aufbaujahr. Das gilt auch für das technische Paket, dessen Konzeption in München und Hinwil zu großen Teilen bereits vor der Übernahme abgeschlossen war. Wir wollen 2006 zusammenwachsen und das Maximale aus unseren Möglichkeiten machen."

Peter Sauber und Mario Theissen beim Team-Launch., Foto: Sutton
Peter Sauber und Mario Theissen beim Team-Launch., Foto: Sutton

Nach 13 Jahren als Teamchef in der Formel 1 hat sich Peter Sauber aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Dem neuen Team steht der 62-Jährige als Berater zur Seite. "Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Sauber als Teil des Teamnamens erhalten bleibt. Ich werde die Fortschritte des BMW Sauber F1 Teams mit größter Aufmerksamkeit verfolgen. Ganz besonders freue ich mich für die Mitarbeiter in Hinwil, die nun mit der Unterstützung ihrer Kollegen von BMW die Möglichkeiten erhalten, ihr Können unter Beweis zu stellen."

Zwei Wahlschweizer im Cockpit.

Sie kennen sich schon lange, sie fuhren beide schon für Sauber, sie leben beide in der Schweiz – aber sie waren noch niemals Teamkollegen: Die Piloten Nick Heidfeld und Jacques Villeneuve. Sie vereinen die Erfahrung aus 250 Grands Prix auf sich. Heidfeld (28) debütierte zum Saisonauftakt 2000 in der Formel 1. Von 2001 bis einschließlich 2003 fuhr er für den Schweizer Rennstall. Zwei zweite Plätze, die er für das BMW WilliamsF1 Team in der Saison 2005 erzielte, sind seine bisher besten Ergebnisse. Ein Mal, ebenfalls 2005, eroberte er die Poleposition. 98 Starts stehen für den Mönchengladbacher, der seit Juli 2005 Vater einer Tochter ist, zu Buche.

"Ich freue mich sehr auf die neue Saison und das neue Team, dessen Mitglieder ich ja schon größtenteils aus früheren Jahren kenne", sagt Heidfeld, "außerdem bin ich mit dem Auto in einer Viertelstunde in Hinwil, das ist auch positiv. Natürlich ist man als Rennfahrer eher ungeduldig, was den Erfolg angeht. Aber wir sollten realistisch bleiben. Für mich ist das Wichtigste, dass die Tendenz stimmt. Wir müssen viel arbeiten und uns kontinuierlich steigern."

Jacques Villeneuve und Nick Heidfeld mit dem neuen F1.06., Foto: Sutton
Jacques Villeneuve und Nick Heidfeld mit dem neuen F1.06., Foto: Sutton

Kein anderer Fahrer ist bisher in der Formel 1 so schnell Weltmeister geworden wie Jacques Villeneuve: 1996, in seinem Debütjahr, belegte der Kanadier bereits den zweiten WM-Platz hinter seinem damaligen Williams-Renault-Teamkollegen Damon Hill. 1997 gewann er mit Williams-Renault den Titel im Kampf mit Michael Schumacher. In 152 Grands Prix hat er elf Siege errungen, 13 Mal startete er von der Poleposition. Nach fünf Jahren für das British American Racing-Team schien seine F1-Karriere 2003 beendet. Doch dann erhielt er bei Renault die Chance, die letzten drei Saisonrennen 2004 zu bestreiten. Zur Saison 2005 wurde der Sohn des berühmten Ferrari-Piloten Gilles Villeneuve bei Sauber unter Vertrag genommen. "Der Aufbau eines neuen Teams ist eine sehr komplexe Aufgabe", sagt Villeneuve mit Blick auf 2006, "das habe ich in der Vergangenheit schon erlebt. Aber ich denke, hier treffen gute Voraussetzungen aufeinander. Ich will mein Bestes geben, um zum Erfolg des BMW Sauber F1 Teams beizutragen."

Neues Reglement

Die einschneidendsten technischen Änderungen für 2006 betreffen die Motoren: Die Formel 1 rüstet von Dreiliter-V10-Triebwerken auf V8-Motoren mit 2,4 Litern Hubraum um. Das Motorenreglement ist neuerdings sehr viel enger gefasst, der Spielraum für die Ingenieure ist geschrumpft. Der Umstieg auf die kürzer bauenden V8-Motoren hat auch augenfällige Veränderungen der Chassis zur Folge. Unter anderem kommen die Fahrzeuge mit schlankeren Seitenkästen aus, weil die Kühler kleiner ausfallen können.

Die Zuschauer dürfen sich bei den Rennen wieder auf das Schauspiel der Reifenwechsel freuen, die ab 2006 beim Boxenstopp wieder erlaubt sind. Neu ist auch das Qualifyingformat: In der WM 2006 werden die Startpositionen im Shoot-out ermittelt. Samstag von 14:00 bis 15:00 Uhr werden die schnellen Runden in drei Zeiteinheiten gefahren, wobei in den ersten beiden 15-Minuten-Abschnitten jeweils die Langsamsten ausscheiden und die verbleibenden Piloten zum Schluss die besten Startplätze unter sich ausmachen.

Chronologie - wie aus Sauber BMW Sauber F1 wurde...

Januar 2005: Erste konkrete Gespräche zwischen BMW und Sauber. Es geht um Motorenlieferungen für 2006.

Frühjahr 2005: Die Gespräche vertiefen sich. Beide Parteien entdecken gemeinsame Vorstellungen und Ziele.

Mai 2005: Die erste Spezifikation des BMW P86 V8-Motors läuft in München auf dem Prüfstand.

21. Juni 2005: Die Verhandlungen dauern bis tief in die Nacht. Dann ist die Neuausrichtung des BMW Formel-1-Projektes beschlossen und unterschrieben.

22. Juni 20005: BMW Vorstand Prof. Burkhard Göschel, BMW Motorsport Direktor Prof. Mario Theissen und Peter Sauber geben bei einer Pressekonferenz in München die Mehrheitsbeteiligung von BMW am Sauber-Team bekannt. Credit Suisse verlängert das Sponsoring um weitere drei Jahre und ist ab 2006 offizieller Partner des BMW Sauber F1 Teams.

13. Juli 2005: Der BMW P86 Motor läuft erstmals im Fahrbetrieb in Jerez.

Juli 2005: Gemeinsame Arbeitsgruppen werden gebildet, und erste Treffen finden in München und Hinwil statt. Der Integrationsprozess beginnt.

September 2005: Der Personalbedarf ist festgelegt. Ab jetzt werden in Hinwil Einstellungsgespräche für über 100 neue Stellen geführt.

16. September 2005: BMW gibt die Unterzeichnung eines Dreijahres-vertrages mit Nick Heidfeld als Stammfahrer bekannt.

Nick Heidfeld hat einen Dreijahresvertrag in der Tasche., Foto: BMW
Nick Heidfeld hat einen Dreijahresvertrag in der Tasche., Foto: BMW

Ende September 2005: Die Konzeption des 06er Chassis ist abgeschlossen.

13. Oktober 2005: Anlässlich des GP China wird Peter Sauber zu Ehren gefeiert. Es ist sein 62. Geburtstag, und er zieht sich zum Saisonende aus dem operativen Geschäft zurück. Er wird Berater des Teams.

28. Oktober 2005: Nick Heidfeld kommt nach Hinwil zur Sitzanpassung im Interimschassis.

14. November 2005: Der Teamname wird bekannt gegeben.

15. November 2005: Der erste BMW V8-Motor für die gemeinsamen Wintertests kommt in Hinwil an.

November 2005: Die neue Lackierung des Fahrzeugs entsteht.

22. November 2005: Der BMW V8 wird in Hinwil im Interimschassis gezündet.

24. November 2005: Das BMW Sauber F1 Team und Petronas einigen sich in Kuala Lumpur auf einen Vierjahresvertrag. Die malaysische Öl- und Gasgesellschaft wird damit Hauptsponsor des Teams.

28. November 2005: Nick Heidfeld startet mit dem Sauber C24B und dem BMW P86 V8-Motor zum ersten Wintertest in Barcelona.

30. November 2005: Das erste 2006er Monocoque kommt aus dem Autoklaven.

1. Dezember 2005: Jacques Villeneuve wird als Fahrer bestätigt.

Mitte Dezember 2005: Nick Heidfeld und Jacques Villeneuve nehmen bei der Sitzprobe zum ersten Mal im 06er Chassis Platz. BMW und Intel geben eine umfangreiche Kooperation bekannt. Intel wird neuer offizieller Partner des BMW Sauber F1 Teams.

27. Dezember 2005: Der Aufbau des ersten 06er Chassis beginnt.

13. Januar 2006: Der BMW V8 läuft im Hinwiler Werk erstmals im 06er Chassis.

14. Januar 2006: Das Chassis BMW Sauber F1.06 geht auf den Transport zur Fahrzeugpräsentation nach Valencia.

16./17. Januar 2006: Das BMW Sauber F1 Team wird in Valencia der Öffentlichkeit vorgestellt. Der BMW Sauber F1.06 erlebt seine erste Ausfahrt.

Ende Februar 2006: Der Bauantrag für die Erweiterung in Hinwil wird eingereicht.

1. März 2006: Rund 30 Tonnen Fracht werden in Hinwil verladen und zum Grand Prix nach Bahrain transportiert.

12. März 2006: Das BMW Sauber F1 Team startet beim Großen Preis von Bahrain.