Motorsport-Magzain.com Plus
Tipp
Formel 1

Formel 1 Test-Analyse 2020: Rennsimulation rettet Ferrari

Mercedes bestimmte die Formel-1-Testfahrten 2020. Doch es gibt Bedenken bei Silber. Red Bull erster Jäger. Eine Hoffnung für Ferrari. Die Analyse zum Test.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Wie sehr wir die Formel-1-Testfahrten doch lieben: Nach einer langen Winterpause endlich wieder Action auf der Strecke. Und jeder will nach den ersten Runden wissen: Wer hat in dieser Saison das schnellste Auto? So natürlich auch 2020. Motorsport-Magazin.com blickt deshalb auf die Daten von sechs Tagen Wintertests.

Qualifying-Runs, Reifendaten, Rennsimulationen und so weiter: Wir haben unzählige Daten gesammelt und versucht, sie einigermaßen in Form zu bringen. Wie immer ist bei der Interpretation der Zahlen höchste Vorsicht geboten. Wir wiederholen die Variablen gerne: Spritmengen, Motormodi, Reifenperformance, Fahrer. Wir wissen nicht, wie sehr die einzelnen Faktoren schon am Limit sind.

Deshalb könnte man nach den Testfahrten jedes Jahr sagen: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Das wäre im vergangenen Jahr womöglich auch besser gewesen, schließlich sahen alle Analysen Ferrari mindestens auf Augenhöhe mit Mercedes. Aber auch mit diesen Unsicherheitsfaktoren will jeder wissen, wie es nun vor dem Saisonstart in Melbourne aussieht.

Ungeachtet der Performance geht es beim Test natürlich darum, die Zuverlässigkeit zu testen. Nur ein zuverlässiges Auto kann überhaupt ausgiebig getestet werden, nur ein zuverlässiges Auto kann am Ende Punkte holen.

Und hier verbreitete Lewis Hamilton bei seiner Medienrunde am letzten Testtag etwas Panik: „Natürlich habe ich da Bedenken. Normalerweise haben wir beim Test viel mehr Zuversicht bei der Zuverlässigkeit, aber es lief nicht perfekt für uns. Wir haben bereits den dritten Motor eingebaut, es ist kein einfaches und entspanntes Szenario für uns.“

In Zahlen sieht das so aus: Lewis Hamilton legte die meisten Kilometer aller Piloten zurück, Mercedes die meisten Kilometer aller Teams. 903 Runden fuhren die Silberpfeile a nur sechs Tagen. Ferrari, das sich mit der Zuverlässigkeit zufrieden zeigte, absolvierte - in dieser Wertung auf Rang zwei - fast eine Renndistanz weniger.

Ganz aus der Luft gegriffen sind die Zuverlässigkeitsprobleme bei Mercedes aber nicht, vor allem am Motor. Die meisten Probleme trafen das Kundenteam Williams. Aber auch das Werksteam blieb einmal mit Elektronikdefekt und einmal mit Öldruckproblemen liegen.

Mit gravierenden Zuverlässigkeitsproblemen hatte 2020 kein Team zu kämpfen. Im Schnitt fuhren alle Rennställe mindestens 100 Runden pro Tag. Auch auf Motorenseite gab es keine größeren Probleme, die Zuverlässigkeit ist besser denn je.

Aber wer hat das schnellste Auto? Diese Wertung ist natürlich mit dem größten Unsicherheitsfaktor versehen. Wir haben alle von Pirelli zur Verfügung gestellten Daten in eine Tabelle geworfen, und die Zeiten, die auf unterschiedlichen Reifen gefahren wurden, anhand der Delta-Zeiten angeglichen.

Weil in Barcelona normalerweise der C3-Reifen im Qualifying zum Einsatz kommt, haben wir die Zeiten auf diese Mischung berechnet. Nach Analyse der Daten hat Pirelli die Delta-Zeiten zwischen den Mischungen nach dem ersten Test angepasst. Entsprechend haben wir auch die Zeiten aus der ersten Testwoche noch einmal angepasst. Die neuen Deltazeiten sind wie folgt:

Formel 1, Barcelona Testfahrten 2020 - Reifendelta

  • C1 - C2: Unbekannt
  • C2 - C3: 0,4 bis 0,5 Sekunden
  • C3 - C4: rund 0,3 Sekunden
  • C4 - C5: 0,4 bis 0,5 Sekunden

Fahrer Team Zeit Reifen Korr. Zeit Rückstand
Valtteri Bottas Mercedes 1:15,732 C5 1:16,482
Lewis Hamilton Mercedes 1:16,976 C2 1:16,526 0,044
Max Verstappen Red Bull 1:16,269 C4 1:16,569 0,087
Sergio Perez Racing Point 1:16,658 C3 1:16,658 0,176
Daniel Ricciardo Renault 1:16,276 C5 1:17,026 0,544
Alexander Albon Red Bull 1:17,550 C2 1:17,100 0,618
Charles Leclerc Ferrari 1:16,360 C5 1:17,110 0,628
Lance Stroll Racing Point 1:17,118 C3 1:17,118 0,636
Carlos Sainz McLaren 1:16,820 C4 1:17,120 0,638
Esteban Ocon Renault 1:16,433 C5 1:17,183 0,701
Daniil Kvyat AlphaTauri 1:16,914 C4 1:17,214 0,732
Romain Grosjean Haas 1:17,037 C4 1:17,337 0,855
Lando Norris McLaren 1:17,573 C3 1:17,573 1,091
Sebastian Vettel Ferrari 1:16,841 C5 1:17,591 1,109
George Russell Williams 1:16,871 C5 1:17,621 1,139
Pierre Gasly Alpha Tauri 1:18,121 C2 1:17,671 1,189
Robert Kubica Alfa Romeo 1:16,942 C5 1:17,692 1,210
Kevin Magnussen Haas 1:17,495 C4 1:17,795 1,313
Kimi Raikkonen Alfa Romeo 1:17,091 C5 1:17,841 1,359
Antonio Giovinazzi Alfa Romeo 1:18,035 C3 1:18,035 1,553
Nicholas Latifi Williams 1:17,313 C5 1:18,063 1,581

Mit oder ohne Reifendelta: Die kumulierte Bestzeit der beiden Testwochen geht so und so an Valtteri Bottas. Die C5-Zeit von 1:15,732 war nicht zu knacken. Lewis Hamilton blieb korrigiert mit dem C2-Reifen nur knapp dahinter. Auffällig nah dran war auch Max Verstappen, der kurz vor Ende des Tests noch eine schnelle C4-Zeit fuhr.

Mit 1:16,658 Minuten auf C3 kann Sergio Perez im Racing Point sogar noch im Konzert der Großen mithalten. Allerdings gehen die Topteams bei den Tests normalerweise etwas weniger ans Limit, wenn es um die absoluten Bestzeit geht.

Dahinter klafft eine Lücke. Ferrari findet sich erst im Mittelfeld wieder. Charles Leclerc fehlen schon sechs Zehntelsekunden. Sebastian Vettels Zeit ist wenig relevant, weil er an seinem letzten Testtag schlechte Bedingungen erwischte.

Die Frage ist: Wie sehr war Ferrari schon am Limit? Teamchef Mattia Binotto bestreitet einen Bluff. Der Italiener sieht klare Defizite. Das neue Auto hat zwar den erhofften Abtrieb, ist dafür aber auf der Geraden zu langsam. Luftwiderstand wird hauptsächlich dafür verantwortlich gemacht, aber spätestens nach der FIA-Aussendung bezüglich des Ferrari-Motors stellt sich auch die Frage: Ist Ferraris Power Unit durch die Anpassungen der Regeln nicht mehr Klassenprimus?

Formel 1: FIA-Hammer: Hat Ferrari doch beim Motor geschummelt!?: (09:12 Min.)

Die gute Nachricht ist: Das Mittelfeld ist erneut unfassbar eng. Und: Williams hat zumindest den Anschluss geschafft, so viel lässt sich bereits sagen. Für mehr Aussagen sind das Mittelfeld zu eng und die ungewissen Faktoren zu viele.

Interessant wird es dann bei den Rennsimulationen. Dort ist weniger Täuschen und Tarnen angesagt als auf eine Runde. Eine Variable fällt weitestgehend aus der Gleichung: Die Spritladung. Alle beginnen die Rennsimulation nahezu mit vollem Tank. Auch bei den Motormodi sind die Unterschiede geringer.

Dafür waren die Bedingungen recht unterschiedlich. Vor allem am fünften, dem vorletzten Testtag, war der Wind sehr stark. „Sebastian hat sich deshalb überhaupt nicht wohlgefühlt im Auto“, erklärt Binotto die schlechte Rennsimulation seines teuersten Angestellten.

„Aber insgesamt scheinen wir im Renntrimm besser zu sein als auf eine Runde“, so der Ferrari-Teamchef. An Lewis Hamiltons Rennsimulaton von Testtag zwei kam niemand nur annährend heran. Auch Teamkollege Valtteri Bottas nicht. Mercedes macht in allen Disziplinen schlichtweg den besten Eindruck.

Fahrer Team Tag Besonderheiten Reifen Durchschntl. Zeit Rückstand
Hamilton Mercedes 2 - C2/C2/C2 1:21,073
Bottas Mercedes 2 Defekt im 3. Stint C2/C2/C2 1:21,826 0,752
Leclerc Ferrari 6 - C2/C2/C2 1:21,828 0,754
Verstappen Red Bull 3 Rot-Phase C2/C2/C2 1:21,961 0,887
Sainz McLaren 6 - C3/C2/C1 1:22,676 1,603
Grosjean* Haas 6 Sessionende C3/C2/C3 1:22,770 1,696
Perez Racing Point 6 - C3/C2/C2 1:22,801 1,727
Vettel Ferrari 5 Rot-Phase C2/C2/C2 1:23,080 2,007
Ocon* Renault 4 Annahme C2/C3/C2 1:23,243 2,169
Kvyat Alpha Tauri 6 - C2/C2/C3 1:23,563 2,489
Stroll Racing Point 5 Rot-Phase C3/C2/C2 1:23,582 2,509
Gasly* Alpha Tauri 5 Annahme C3/C2/C2 1:23,684 2,611
Magnussen Haas 5 Sessionende C2/C3/C3 1:24,131 3,057
Giovinazzi Alfa Romeo 5 - k.A. 1:24,167 3,094
Latifi Williams 5 - C2/C3/C2 1:24,617 3,544

Ferrari schiebt sich mit Charles Leclerc immerhin auf Rang drei und damit deutlich vom Mittelfeld ab. Red Bull muss aber stärker erwartet werden, Alexander Albon konnte keine komplette Rennsimulation abspulen. Max Verstappen war fast genauso schnell wie Leclerc, und das noch mit einem Basis-Auto - in Woche zwei brachte Red Bull umfangreiche Upgrades.

Interessant: Während Ferrari den ganzen Test über von mehr Abtrieb sprach und viele vom starken letzten Ferrari-Sektor schrieben, verliert die Scuderia im Renntrimm vor allem im Schlussabschnitt. Vettel exorbitant, aber auch bei Leclerc fehlen im Schnitt noch mehr als fünf Zehntelsekunden auf Hamilton.

Fahrer S1 Durchschnitt S2 Durchschnitt S3 Durchschnitt
Vettel 23.294 30.967 28.852
Hamilton 23.296 30.123 27.707
Verstappen 23.240 30.552 28.171
Leclerc 23.217 30.369 28.242

Korrektur: Bei der Veröffentlichung wurde die Rennsimulation von Red Bull irrtümlich Alexander Albon zugeschrieben, wurde aber am Vormittag von Tag drei von Max Verstappen gefahren. Albon konnte hingegen am Nachmittag keine volle Simulation fahren. Die Zeiten waren allerdings korrekt, nur die Namen vertauscht.

Bei den Rennsimulationen ist die Lücke zum Mittelfeld wieder gewaltig. McLaren führt die Wertung knapp an, aber auch Haas und Racing Point machten einen guten Eindruck. Wegen Roter Flaggen und Defekten gibt es in dieser Wertung nicht ganz so viele aussagekräftige Daten. Die mit * gekennzeichneten Simulationen wurden nicht beendet. Wir haben deshalb Annahmen für die letzten Runden gemacht, basierend auf den ersten Runden des letzten Stints.

Fazit: Mercedes geht als Topfavorit in die neue Saison, erster Verfolger ist Red Bull. Ferrari ist die große Unbekannte, aber wohl ein ganzes Stück hinter den Bullen und doch deutlich vor dem Mittelfeld. Im Mittelfeld kann alles passieren, Williams hat den Anschluss wieder geschafft.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magzain.com Plus