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Formel 1

Formel 1 Kanada Trainingsanalyse: Ferrari vor nächster Schlappe

Bestzeit für Charles Leclerc, P2 für Sebastian Vettel. Ist Ferrari in Kanada tatsächlich Favorit? Tatsächlich deutet viel auf die nächste Schlappe hin.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Kanada ist Ferraris letzte Chance für 2019 - außer Ferrari selbst sind sich die meisten darin einig. Die Formel-1-Strecke auf der Ile Notre-Dame ist dem SF90 wie auf den Leib geschneidert: Viele lange Geraden, auf denen Motorleistung und eine effiziente Aerodynamik gleichermaßen wichtig sind. Die Geraden werden nur durch wenige Kurven verbunden, die auch nicht besonders lang sind.

Das 2. Freie Training bestätigte die Theorie: Charles Leclerc fuhr Bestzeit vor Sebastian Vettel. Und trotzdem mag im Fahrerlager von Montreal die Euphorie nicht so richtig aufkommen. Denn ausnahmsweise war es die Konkurrenz, die patzte. Ferrari erwischte hingegen einen Freitag wie aus dem Lehrbuch.

Beim Hauptrivalen Mercedes gab es am Vormittag Probleme mit dem Benzinsystem. Valtteri Bottas konnte nicht sein geplantes Programm abspulen. Am Nachmittag patzte Lewis Hamilton und beschädigte sich dabei seinen Silberpfeil.

Hamilton nach Crash: Wie beim Direktor

Der Weltmeister gab sich anschließend reumütig: "Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine gesamte Session verpasst habe. Es ist definitiv nicht toll, das Training aus der Box verfolgen zu müssen. Es fühlt sich an, als ob man beim Schulleiter im Büro sitzt und sich wünscht, wieder in den Klassenraum zurück zu dürfen."

Und auch bei Red Bull lief es nicht nach Plan: Max Verstappen wurde vom eigenen Teamkollegen behindert und touchierte ebenfalls die Mauer. Nicht ganz so heftig wie Hamilton, aber genug, um ihn für die meiste Zeit des 2. Trainings lahmzulegen.

Red Bull: Ferrari kann nicht gewinnen

"Ich glaube nicht, dass Ferrari hier gewinnen kann", sagt deshalb Dr. Helmut Marko trotz der Bestzeit. "Denn Hamilton konnte nicht fahren und Bottas hat nicht alles gegeben." Auch wenn Bottas Hamilton in den ersten sechs Rennen Dampf machen konnte, in Kanada ist eher der Brite die Messlatte.

Und auch Bottas fehlte nur etwas mehr als eine Zehntelsekunde. Mit dem Wissen, dass Ferrari im Training traditionell etwas stärker ist, sieht das nicht nach der erwarteten roten Auferstehung aus. "Ich würde nicht sagen, dass wir im Moment die Schnellsten sind", meint sogar Vettel selbst. "Vor allem nicht über eine einzelne Runde, wo unsere Hauptrivalen einen kleinen Vorteil zu haben scheinen."

Zumindest stimmte eine Theorie: Ferrari ist auf den Geraden wieder schneller als Mercedes. Die absoluten Topspeeds sind irrelevant, weil sie durch Windschattenfahrten verfälscht werden. Doch auf den schnellsten Runden war Vettel an jeder Messstelle ein gutes Stück schneller unterwegs als Bottas.

Vettel: Nicht genügend Grip in langsamen Kurven

Trotzdem verliert Ferrari in den Kurven so viel, dass der Vorteil auf den Geraden egalisiert wird. "In den langsamsten Kurven haben wir nicht genügend Grip und ich bekomme nicht das Gefühl vom Auto, das ich brauche. Wir werden versuchen, einige Sachen zu ändern, um die richtige Balance zu finden, die uns im Moment fehlt", so Vettel.

Die Sektorzeiten zeigen das ganz eindrucksvoll. Im ersten Sektor, der noch am meisten Kurven beherbergt, ist Mercedes schneller. Im zweiten Sektor liegen beide fast gleichauf, im dritten Sektor kann sich Ferrari etwas absetzen. Er besteht nur aus der Spitzkehre, der ewig langen Geraden, der letzten Schikane und dem Sprint zur Ziellinie.

Formel 1 Kanada GP 2019: Sektorzeiten 2. Freies Training

Sektor 1 Sektor 1 Sektor 2 Sektor 2 Sektor 3 Sektor 3
Bottas 19,794 Leclerc 23,034 Leclerc 29,068
Hamilton 19,978 Vettel 23,152 Vettel 29,101
Vettel 19,987 Bottas 23,155 Sainz 29,166
Verstappen 20,043 Sainz 23,266 Bottas 29,300
Leclerc 20,052 Hamilton 23,271 Magnussen 29,311
Sainz 20,121 Perez 23,322 Kvyat 29,324
Ricciardo 20,170 Hulkenberg 23,334 Norris 29,353
Gasly 20,171 Magnussen 23,351 Ricciardo 29,360
Grosjean 20,222 Gasly 23,371 Perez 29,417
Magnussen 20,244 Verstappen 23,372 Stroll 29,424
Perez 20,264 Stroll 23,375 Hulkenberg 29,485
Albon 20,310 Ricciardo 23,412 Raikkonen 29,509
Hulkenberg 20,313 Norris 23,437 Hamilton 29,566
Norris 20,355 Albon 23,456 Albon 29,588
Stroll 20,372 Kvyat 23,519 Gasly 29,594
Kvyat 20,385 Raikkonen 23,558 Grosjean 29,608
Raikkonen 20,475 Grosjean 23,604 Verstappen 29,644
Russell 20,847 Russell 24,000 Giovinazzi 29,909
Kubica 20,862 Giovinazzi 24,037 Russell 29,990
Giovinazzi 20,924 Kubica 24,179 Kubica 30,141

Interessanter Sidefact: McLaren ist im letzten Sektor überraschend stark. Während die Briten in der Vergangenheit riesige Probleme mit der aerodynamischen Effizienz hatten, ist der MCL34 nun deutlich schneller auf den Geraden.

Zurück an die Spitze: Wenn Mercedes den Motor im Qualifying erwartungsgemäß mehr aufdrehen kann als Ferrari, sollte die übliche Hackordnung auf eine Runde wiederhergestellt sein.

Muss Ferrari auf Red Bull achten?

Muss Ferrari sogar Red Bull fürchten? Schwer zu sagen. Pierre Gasly ist in Montreal völlig neben der Spur. Verstappen fuhr auf den harten Reifen fast so schnell wie der Franzose auf den Softs. Eine wirklich relevante Zeit vom Niederländer gibt es nicht. Auf den härteren Pneus sah er aber stärker aus als die Ferrari.

Ob das für das Qualifying reichen wird, ist aber fraglich. Denn der Honda-Motor verliert für gewöhnlich am Samstag etwas mehr. Dafür könnte die Streckenentwicklung helfen. "Heute war es sehr dreckig, das kommt uns nicht entgegen", meint Verstappen. "Ob Ferrari im Qualifying in Reichweite ist, weiß ich nicht", meint Dr. Helmut Marko.

Doch hat die Mercedes-Konkurrenz zumindest im Longrun eine Chance? Viele Daten gibt es leider nicht. Hamilton konnte nach seinem Mauer-Knutscher keinen Longrun fahren, Verstappen nach seinem Mauer-Kuss ebenfalls nicht. Gasly war so weit weg von der Musik, dass seine Daten wenig relevant sind.

Bleiben nur die beiden Ferrari-Piloten und Valtteri Bottas. Und auch da fällt der Vergleich schwer. Leclerc konzentrierte sich ausschließlich auf die Medium-Reifen, die Bottas gar nicht fuhr. Nur der Soft-Run von Vettel und der von Bottas sind einigermaßen vergleichbar.

Doch auch hier gibt es einen gewaltigen Unterschied: Vettel fuhr insgesamt 22 Runden auf dem C5-Pneu, Bottas nur 18. Vettels Run ging über 13 Runden, Bottas' über sieben. Gerade beim weichsten Reifen im Sortiment ein gewaltiger Unterschied. Deshalb fällt Vettels Rückstand mit 1,6 Sekunden auch gewaltig aus.

Ferrari im Longrun katastrophal

Doch auch wenn man nur die ersten sieben Runden aus Vettels Run betrachtet, sieht es nicht viel besser aus. Es bleiben satte 1,3 Sekunden Rückstand. "Wir hatten wieder mit den Reifen Probleme, vor allem bei der Performance im Longrun", gesteht Vettel.

Medium und Hard verhalten sich im Dauerlauf deutlich besser. Deshalb glauben manche, dass die Topteams alles daran setzen werden, sich im Q2 auf den Mediums zu qualifizieren. Im Freitagstraining waren die Abstände dafür aber etwas knapp.

Für Ferrari wäre es jedenfalls vorteilhaft, im Rennen den Soft gar nicht erst fahren zu müssen. Vettel und Leclerc fuhren Runs auf Medium, die deutlich besser aussahen. Trotzdem waren beide langsamer als Valtteri Bottas auf dem Hard-Reifen. Immerhin: Bottas holte die Zeit erst gegen Ende des Stints, also nach dem Crossover-Punkt. Beide Ferrari-Piloten waren zumindest zu Beginn des Stints auf Medium schneller als Bottas auf Hard. Es ist ein kleiner Trost.

Fazit: Wenn Montreal wirklich Ferraris letzte Chance ist, steht es schlecht um die Formel-1-Saison 2019. Die Zeiten von Leclerc und Vettel sind eher schmeichelhaft. Realistisch betrachtet ist Mercedes auf eine Runde schneller. Im Longrun sah Ferrari gar kein Land, muss eher wieder Verstappen fürchten.


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