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Formel 1

Analyse: Red Bull mischt Mercedes und Ferrari auf

Zwei Bestzeiten für Max Verstappen in Baku - kämpft Red Bull nun endlich mit Mercedes und Ferrari? Die Trainings-Analyse aus Aserbaidschan liefert Aufschluss.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Red Bull kommt immer mehr in Fahrt. Zuletzt stand Daniel Ricciardo dreimal in Folge auf dem Podium - allerdings mit großer Hilfe von Ferrari und Mercedes. Am Freitag des Aserbaidschan GP sorgte dann Max Verstappen für ein Ausrufezeichen: Der Red-Bull-Pilot holte sich in beiden Trainingssitzungen die Bestzeit. Doch ist in Baku wirklich mit Red Bull zu rechnen? Die Motorsport-Magazin.com Trainings-Analyse liefert Antworten.

Genau eine Zehntelsekunde lag Verstappen am Ende des Tages vor dem ersten Verfolger Valtteri Bottas im Mercedes. Direkt dahinter reihte sich Daniel Ricciardo ein - der das starke Red-Bull-Bild abrundet. Doch eines vorweg: Insgesamt 37 Gelb-Phasen sorgten für jede Menge abgebrochene Runden.

Aber auch Max Verstappen war vom Gelb-Chaos betroffen: "Das war definitiv der beste Freitag für uns in diesem Jahr. Ich hatte sogar das Gefühl, dass ich beim Shortrun wegen der gelben Flaggen und des Verkehrs noch nicht die maximale Pace aus dem Auto herausholen konnte - deshalb können wir umso glücklicher sein, mit Platz eins rausgekommen zu sein." Dass Verstappen am Ende selbst abflog sei geschenkt - das ändert nichts an der Pace.

Für den Red-Bull-Aufschwung gibt es mehrere Gründe: Seit dem Barcelona-Upgrade kommen ständig weitere Updates. Die Ingenieure verstehen das Auto nun, die Korrelation mit dem Windkanal stimmt wieder. Das Grund-Setup, das Red Bull für Baku im Simulator erfahren hat, scheint wie die Faust aufs Auge zu passen.

Red Bull startet mit richtigem Setup

Doch schon in Monaco erwischte Red Bull am Trainingstag das Setup besser als die Konkurrenz - verlor aber den Vorsprung über das Wochenende wieder. Aus eigener Kraft konnte Red Bull in Montreal und Spanien noch lange nicht mit Mercedes und Ferrari mithalten - nur Monaco war ein kleiner Ausrutscher nach oben.

Baku ist zwar wie Monaco ebenfalls ein Stadtkurs, allerdings deutlich schneller und mit der längsten Geraden im Formel-1-Kalender sicher nicht unbedingt Red-Bull-freundlich. Doch die Bullen haben an diesem Wochenende den Getriebe-Joker gezogen. Einmal im Jahr darf in dieser Saison die Getriebeübersetzung geändert werden. Red Bull und das Schwesterteam Toro Rosso - mit den gleichen Getriebe-Innereien unterwegs - zogen den Joker in Baku.

Dazu gibt es auch auf Motoren-Seite gute Nachrichten. Obwohl Renault ankündigte, in dieser Saison kein riesiges Update mehr zu bringen, gibt es in Baku mehr Leistung. Dabei müssen nicht einmal neue Power-Unit-Komponenten eingesetzt werden. Rund zwei Zehntel sollen die Neuerungen laut Renaults Cyril Abiteboul bringen. Vom Benzin kommt der Sprung wahrscheinlich nicht, denn Red Bull und Renault fahren unterschiedliche Treibstoffe. Wahrscheinlich gibt Renault leistungsstärkere Motor-Mappings frei.

Mercedes hadert mit Verkehr und Gelb

Auch wenn sich Verstappen selbst auf seiner schnellen Runde behindert fühlte, Verkehr und gelbe Flaggen hatten einen großen Einfluss. Das meint auch Mercedes' Technischer Direktor James Allison: "Diese Faktoren bestimmten heute allen voran die Positionen in der Zeitenliste."

Lewis Hamilton setzte auf den Supersoft-Reifen beispielsweise keine einzige relevante Rundenzeit. Erst verbremste er sich selbst, dann wurde sein Run von der Rot-Phase unterbrochen. Im Gegensatz zu Daniel Ricciardo ging er nach der Wiederaufnahme des Trainings nicht mehr auf Zeitenjagd. Laut Pirelli beträgt die Delta-Zeit zwischen Soft und Supersoft rund eine Sekunde. Reifen-bereinigt würden Hamilton also nur knapp zwei Zehntel auf die Bestzeit fehlen.

Und auch Vettel, eine viertel Sekunde hinter Verstappen, war mit seinem Run nicht zufrieden. "Der Shortrun war nicht ideal, wir haben nicht alles zusammenbekommen. Ich glaube nicht, dass uns viel fehlt, es ist sehr eng."

Verstappen warnt außerdem: "Du musst immer vorsichtig sein, weil du weißt, dass Mercedes im Qualifying den Motor aufdreht. Es wird richtig schwierig, auf eins zu bleiben - aber zumindest ist unsere Pace besser als normal."

Longruns auf Supersoft-Reifen

Fahrer Durchschtl. Rundenzeit Reifenalter
Sebastian Vettel 1:46,713 Minuten 22 Runden
Max Verstappen 1:46,745 Minuten 20 Runden
Daniel Ricciardo 1:46,917 Minuten 22 Runden
Valtteri Bottas 1:46,938 Minuten 25 Runden
Kimi Räikkönen 1:46,953 Minuten 22 Runden

Auch bei den Longruns muss sich Red Bull nicht vor Ferrari und Mercedes verstecken. Verstappen fuhr auf Supersoft fast exakt den gleichen Schnitt wie Vettel. Beide kamen auf 1:46,7 Minuten. Knapp dahinter landeten mit 1:46,9 Ricciardo und Bottas. Ein paar Tausendstel dahinter landete Kimi Räikkönen. Nur Lewis Hamilton schaffte auf den Supersofts keinen relevanten Longrun. Der Verschleiß scheint bei keinem der Top-Teams ein Problem zu sein: Bottas fuhr mit seinen Supersofts sogar 25 Runden und konnte konstante Rundenzeiten fahren.

Auf den Soft - dem Medium kommt nur eine Statistenrolle zu - gab es nur weniger Longruns. Vettel fuhr am Ende der zweiten Session einen Mini-Run auf Soft, kam mit zwei gezeiteten Runden auf einen Schnitt von 1:46,3 Minuten. Wirklich relevant erscheint die Zeit allerdings nicht. Verstappen beendete seinen Soft-Rund mit einem Schnitt von 1:47,9 Minuten, Hamilton fuhr zwei Zehntelsekunden langsamer.

Longruns auf Soft-Reifen

Fahrer Durchschtl. Rundenzeit Reifenalter
Sebastian Vettel 1:46,274 Minuten 13 Runden
Max Verstappen 1:47,900 Minuten 15 Runden
Lewis Hamilton 1:48,106 Minuten 17 Runden

Viel entscheidender als die Longruns-Pace scheint es, die Reifen schnell ins richtige Temperaturfenster zu bekommen - vor allem Vorder-und Hinterachse in gleichem Maße. Genau das könnte wieder das Problem von Lewis Hamilton werden: In Sochi und Monaco - wo ähnliche Probleme auftraten - gelang ihm dieses Kunststück nämlich nicht. Allerdings ist auch Montreal hier kein einfaches Pflaster und dort dominierte Hamilton bekanntlich vor zwei Wochen.

Fazit: Wenn Red Bull im Qualifying durch den Motor-Modi nicht komplett den Anschluss verliert, scheinen die Bullen Mercedes und Ferrari ärgern zu können. Es könnte tatsächlich erstmals in dieser Saison auf einen Dreikampf hinauslaufen. Lewis Hamilton macht uns allerdings etwas Sorgen: Ihn scheinen die Reifen-Probleme aus Sochi und Monaco wieder einzuholen. Dazu kommt das Baku-Déjà-vu aus dem letzten Jahr.


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