Liebe motorsport-magazin.com-User,

Die Saisonvorhersagen vieler Experten und die Realität zehn Monate später sind mehr als nur gegensätzlich. Sie sind sogar völlig unterschiedlich. Wie die meisten Experten war auch ich zu Beginn dieses Jahres der Meinung, dass Ferrari mit diesem Auto, das man uns in Maranello präsentierte, noch nicht einmal einen einzigen Blumentopf würde gewinnen können.

Stattdessen hatte ich höchstens das Gefühl, dass die fahrerische Klasse eines Michael Schumacher für Saisonsiege ausreichen würde, aber ich war nie und nimmer der Ansicht, dass Ferrari mit diesem Auto um die WM-Krone würde mitfahren können.

Allerdings entpuppte sich der F2004, der nicht nur für mich aussah wie der alte Ferrari, als der absolute Überflieger der erfolgreichsten roten Saison aller Zeiten. Die Gründe hierfür sind rückblickend recht einfach zu konstatieren.

So lag es zum einen an der exorbitant guten Arbeit von Reifenpartner Bridgestone, welche sicherlich der Schlüssel zum Erfolg war. Die Japaner überwanden nicht nur die Schwächeperiode des Vorjahres, als man kurzfristig schlechtere Reifen als Michelin herstellte, sondern besaß man dank der typisch fernöstlichen Akribie das gesamte Jahr über den besseren Reifen, welcher exklusiv für Ferrari hergestellt wurde.

Und obwohl die Franzosen von Michelin einige Hochphasen beim schnelleren Aufwärmen der Gummis, beim Re-Start nach einer Safety-Car-Phase oder unter nur leicht feuchten Streckenverhältnissen hatten, war der Bridgestone der klar bessere Reifen. Der Schlüssel des Erfolgs war dabei die enge Kooperation und das perfekte Zusammenspiel zwischen Ferrari und Bridgestone.

Zudem verbesserte Ferrari alle Schwachpunkte eines im Vorjahr aufgrund der Bridgestone-Schwächen nicht so zur Geltung gekommenen Autos. Letztlich war der 2004er Ferrari also mindestens genauso gut wie jener des Jahres 2002, als die Roten schon einmal das gesamte Feld dominierten und beinahe alles gewannen.

Ein weiterer Grund für die Rückkehr der roten Dominanz war das System Schumacher. Denn bei Ferrari konzentriert sich alles auf den deutschen Superstar. Bis zum Titelgewinn in Belgien funktionierte dieses System wieder einmal einwandfrei. Die späteren Barrichello-Siege im letzten Saisondrittel waren hingegen in der Psychologie zu begründen, da Rubens mit mehr Unterstützung seitens des Teams und einer gewissen Entspannungsphase bei Michael plötzlich auch gewinnen konnte.

Dennoch wäre auch Rubens Barrichello ohne seinen deutschen Teamkollegen mit diesem Auto locker Weltmeister geworden. Denn ab Saisonmitte wurde Rubens immer stärker und fuhr er eine gute Saison.

Der dritte Grund für die rote Erfolgswelle war neben den Reifen und Michael Schumacher der politische Aspekt in der Formel 1, welcher sehr stark auf die Roten zugeschnitten ist. FIA-Präsident Max Mosley ist Ferrari freundlich, die Regeln sind Ferrari freundlich und die gesamte uneingeschränkte Testerei kommt den Roten sehr entgegen.

Somit kommen Politik, Mythos, hartes konzentriertes Arbeiten, das System Schumacher und Bridgestone als die Erfolgsfaktoren des Jahres 2004 zusammen. Dies führte dazu, dass das Endergebnis stark vom prognostizierten Saisonverlauf abweicht. Die Titelgewinne der Scuderia sind aber trotzdem zweifelsohne über alle Maßen verdient.

Die Saison im Schnelldurchlauf

Die ersten drei Überseerennen des Jahres zeigten eine klare Dominanz Michael Schumachers und die Konkurrenz erstarrte in Ehrfurcht. Dabei erkannte man nicht nur, dass Ferrari gut gearbeitet hatte, sondern auch, dass man selbst zu schlecht gearbeitet hatte.

Die Erfolge von Ferrari wurden also auch sehr stark durch die mangelnde Arbeit aller anderen Teams begünstigt, wobei insbesondere Williams und McLaren negativ herausgehoben werden müssen.

Die Franzosen von Renault konnten mit einem veralteten Motor und einem sehr schwierig zu fahrenden Auto erst in Monaco ihren ersten und einzigen Saisonsieg einfahren. British American Racing fand unterdessen in der Tat mehr und mehr zu einer guten Form und bewies damit, dass die Wintertestzeiten keine Showzeiten waren.

Bis zum sechsten Saisonlauf in Monaco hatte Michael Schumacher allerdings mit fünf Siegen bereits den Grundstein für seinen siebten Titelgewinn gelegt. Der Unfall in Monaco muss aber auch weiterhin als kurios bezeichnet werden, wobei es für mich nach wie vor eher die Schuld des Deutschen war.

Damit war die Serie gerissen, der Ferrari-Star machte danach aber trotzdem mit weiteren sieben Saisonsiegen am Stück genau da weiter wo er angefangen hatte. Bis zum Ungarn GP sahen wir dabei eine bislang noch nie da gewesene Dominanz der Roten, was die Fans aber anscheinend nicht zu stören schien. Denn sowohl die TV-Einschaltquoten als auch Print- und Internetzahlen zeigten deutlich, dass sich der Deutsche gerne alle vierzehn Tage an einem Schumacher Sieg erfreute.

Die wiederkehrende Zuverlässigkeit des deutschen Helden in einer schwierigen wirtschaftlichen Zeit war also ein kleines Jahreshighlight. "Wenigstens auf Michael Schumacher ist verlass", könnte man diese Phase zusammenfassen.

In Belgien gab es dann mit Schumachers siebtem Titelgewinn eine typische Geschichte für den Weltmeister zu bestaunen. Wir erinnern uns hierzu an das Vorjahr: Wenn der Deutsche um den Titel fährt dann fährt er nur genau das ein, was er muss. In Japan 2003 war das ein achter Platz, in Belgien 2004 reichte ihm Rang zwei hinter Kimi Räikkönen zum Titeltriumph.

Der Sieg des Finnen war aber nicht nur eine Folge von Schumachers eher defensivem Herangehen, in Folge dessen er sich ja sogar von Juan Pablo Montoya in der Bus-Stop-Schikane düpieren ließ, sondern auch vom modifizierten B-Modell des McLaren. B stand hierbei zuerst für "besser" und später für "brillant".

Räikkönen bewies dabei wieder einmal, dass er, wenn man ihm siegverdächtiges Material gibt, auch dazu in der Lage ist mindestens Zweiter zu werden – in Belgien reichte es dank eines hervorragend disponierten Fahrers, eines wirklich guten Reifens und wechselhafter Wetterumstände sogar zum einzigen Sieg.

Auf der anderen Seite muss man sich am Ende des Jahres dennoch fragen, was mit David Coulthard los war, dessen Karriere maßgeblich von finnischen Teamkollegen beeinflusst wurde.

Die Leistungen der beiden anderen Nicht-Ferrari-GP-Sieger dieses Jahres, Juan Pablo Montoya und Jarno Trulli, nehmen wir zusammen mit ihren Teams und den Zukunftsaussichten für 2005 im zweiten Teil des Saisonrückblicks 2004 am kommenden Dienstag genauestens unter die Lupe.