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Im Prinzip begann die zweite Halbzeit der Formel 1 Saison 2004 so, wie die erste Saisonhälfte zwei Wochen zuvor aufgehört hatte. Trotzdem wurden wir beim Großen Preis von Frankreich Zeitzeugen einer fantastischen Premiere – nämlich der ersten Vier-Stopp-Strategie in der Formel 1.
Diesen Schachzug hatten sich Ross Brawn & Co sicherlich schon am Vorabend im Bett einmal durch den Kopf gehen lassen, bevor sie ihn dann im Rennen zur Anwendung brachten. Der Grund hierfür war, dass die Roten einsehen mussten, dass man mit Jarno Trulli zwar kein Problem haben würde, aber Fernando Alonso mit dem eigenen Rennspeed nicht zu schlagen war.
Die Art und Weise auf welche diese Strategie dann umgesetzt wurde und wie akribisch die Italiener auch nach so vielen Erfolgen noch immer arbeiten sind aber einfach beeindruckend. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass Michael Schumacher auf dem Weg zum Sieg einen seiner härtesten Grand Prix bestreiten musste. Schließlich bedeuten vier Boxenstopps auch vier Rennstints mit absolutem Vollgas.
Wie oft sahen wir in der ersten Saisonhälfte Siege, welche sich Schumacher und Ferrari mit Cruising-Speed wie bei einer Spazierfahrt aus dem Ärmel schütteln konnten? Hier musste der Weltmeister endlich einmal an seine Grenzen gehen. Allerdings demonstrierte er dabei perfekt wie heiß und hungrig er auch nach so vielen Triumphen noch ist. Es war eine klare Demonstration der roten Stärke und eine phänomenale sportliche Leistung.
Nach dieser Leistung wird allerdings auch klar, warum Michael Schumacher nach dem Qualifying so enttäuscht war. Denn sein Wagen war leicht und deswegen kassierte er in der Qualifikation eine empfindliche Niederlage gegen Fernando Alonso.
Jemand anderes, der nicht auf den Namen Michael Schumacher getauft wurde, hätte den Spanier und Renault im Rennen aber nie und nimmer schlagen können.
Der verlorene Platz von Jarno Trulli im zweiten rot-gelb-blauen Duell ist unterdessen ganz und gar dem Italiener in die Rennschuhe zu schieben, passt jedoch in das verdiente rote Bild des Rennsonntags. Rubens Barrichello fuhr von Startplatz zehn kommend ein fantastisches Rennen und ich bin mir sicher: Gäbe es keinen Michael Schumacher, dann würden die Leistungen des Brasilianers noch viel mehr gewürdigt werden.
Ein entscheidender Faktor waren in Magny Cours wieder einmal die Reifen, wobei die Japaner von Bridgestone eindeutig das bessere Gesamtpaket zu bieten hatten. Denn der Rennverlauf verlangte einen Reifen, der jeweils gegen Ende eines Stints funktionierte und dann für konstante Topzeiten sorgte. Und diese Anforderung erfüllte der Bridgestone-Reifen mehr als sein Michelin-Äquivalent, welcher eher anfangs schneller war.
Für die Franzosen von Renault und Michelin stellte der rote Sieg eine herbe Niederlage dar, besonders da beide mit einem Erfolg bei ihrem Heimspiel geliebäugelt hatten. Die Kombination Schumacher-Ferrari-Bridgestone war aber einfach stärker und somit ohne Frage der verdiente Sieger.
Daran konnten auch die neuen Autos und Aerodynamikpakete der Ferrari-Rivalen, welche an diesem Rennwochenende debütierten, nichts ändern. Trotzdem konnte mich der überarbeitete McLaren Mercedes MP4-19B durchaus überzeugen.
Denn "nur" eine halbe Minute auf die rote Spitze zu verlieren ist für die Silbernen im Vergleich zur ersten Saisonhälfte schon sehr viel besser erträglich. Bei Williams sehe ich hingegen trotz der Neuerungen noch keinen wirklichen Schritt nach vorne. So blieben Juan Pablo Montoya und Marc Gené einfach zu blass als das man hier von einem ähnlichen Aufwärtstrend wie bei McLaren sprechen könnte – selbst da man bei den Weiß-Blauen immer wieder betonte, dass der Wagen noch nicht ausgetestet und abgestimmt sei.
Im weiteren Verlauf der Saison dürfte sich dieses Leistungsbild wohl kaum großartig verändern und in etwa so bleiben, wie es sich auch hier in Magny Cours gestaltete. Die Ferrari-Gegner werden zwar näher kommen, aber Ferrari wird auch weiterhin seine phänomenalen Möglichkeiten zu kontern und doch noch die Nase vorne zu haben ausnutzen können. Für die Italiener gilt das Motto: Immer wenn man denkt, dass man sie eingeholt hat, dann legen sie noch einmal eine Schippe drauf.
Deswegen wird die phänomenale Saison von Michael Schumacher auch in den nächsten Wochen und Monaten weiter gehen und werden wir alle in diesem Jahr noch sehr, sehr viele Michael Schumacher Siege erleben.
Trotzdem wird es schon am kommenden Rennwochenende in Silverstone für die Roten schwieriger werden, da Williams und McLaren auf der britischen Strecke viel getestet haben und sie dort zwangsläufig besser aussehen sollten. Entsprechend könnte sich Michael Schumacher auf der grünen Insel schwer tun, was auf einen sehr engen und spannenden Grand Prix hoffen lässt.

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