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Michael Schumacher gewinnt im achten Rennen, dem ersten zweier Grand Prix innerhalb von sieben Tagen, zum siebten Mal und jubelt zugleich bei seinem 77. Grand Prix-Triumph das siebte Mal in Kanada.
Die Sieben, eigentlich eine verteufelte Zahl, scheint dem Kerpener also Glück zu bringen. Denn obwohl er nicht auf der Pole Position stand, hat die Ferrari-Strategie die Gegner vor ihm mit einer Zweistoppstrategie zu überholen optimal gegriffen.
Allerdings hing der Sieg aus zwei Gründen am seidenen Faden: Zum einen glaube ich, dass Rubens Barrichello dazu in der Lage gewesen wäre schneller als Michael Schumacher zu fahren – er dies aber nicht durfte. Die Rundenzeiten des Champions waren im mittleren Abschnitt einfach nicht schnell genug, weswegen ich in Rubens Barrichello den eigentlichen Sieger des Grand Prix sehe.
Rubens hätte seinerseits auch eine gute Chance gegen den später disqualifizierten Ralf Schumacher gehabt. Michael Schumacher war hingegen nur genau so schnell wie er sein musste. Durch das Wissen, dass Rubens ihn nicht angreifen würde, konnte er seine Kräfte unglaublich gut einteilen und auf diese Weise seinen Bruder – wie schon im Vorjahr – abfangen.
Der zweite entscheidende Faktor wäre Fernando Alonso gewesen. Die Renault waren das gesamte Wochenende über konstant schnell und bei 1:14er Zeiten, welche der Spanier kurz vor seinem technisch bedingten Ausfall in den kanadischen Asphalt brannte, hätte er gegen Ende eine richtig gute Chance gehabt den Ferrari-Star zu bezwingen.
Somit müssen auch nach all dem Disqualifikations-Wirrwarr rund um den Zweitplatzierten Ralf Schumacher sowie Juan Pablo Montoya und die beiden Toyota-Piloten vor allem Rubens Barrichello und Fernando Alonso genannt werden, wenn man über mögliche andere Sieger des Kanada Grand Prix 2004 diskutiert.
Vom sportlichen Aspekt her muss jedoch die erstaunliche Leistung und Wiederauferstehung von Ralf Schumacher und Williams betont werden. Egal was dann nach dem Rennen noch wegen nicht regelkonformer Belüftungsschächte der Vorderradbremsen geschehen ist.
Die Begründung für diese Williams-Renaissance könnte im Abtrieb begraben liegen. Sobald man sich hier in Montreal erstmals in dieser Saison auf einem Kurs befand, auf welchem man mit flachen Flügeln fahren konnte, schien das Williams-Paket plötzlich gut genug zu sein. Was auf der anderen Seite natürlich ein Armutszeugnis für das Auto ist, wenn es Abtrieb benötigt.
Und diesen Abtrieb benötigen die Teams bereits am kommenden Wochenende in Indianapolis wieder, da man in Indy wegen des langen Infields mit sehr viel Downforce unterwegs ist. Deswegen neige ich zu der Annahme, dass Williams diese Performance aus Kanada schon am nächsten Rennwochenende nicht wiederholen wird können. Entsprechend dürften dort Renault und British American Racing stärker sein.
Bei diesem B·A·R Team war der erneute Motorschaden von Takuma Sato auffällig. Jene Gerüchte, wonach Honda beim Japaner stärkere, aber experimentelle Aggregate montiert, halte ich durchaus für möglich. Besonders da Sato in Kanada aus der Boxengasse startete und somit die Devise einfach "all or nothing" heißen musste. Jenson Button war hingegen in Montreal nur die dritte Kraft hinter Ferrari und Williams.
Die starke Leistung von Giancarlo Fisichella im Sauber kann man unterdessen gar nicht hoch genug einschätzen. Wer mit einem randvoll getankten Auto Sechster und nach den Disqualifikationen sogar Vierter wird, verdient abermals ein dickes Kompliment.
Aber auch McLaren Mercedes muss nach den vielen Prügeln der letzten Wochen einmal gelobt werden. Sie haben beide Autos ins Ziel gebracht, auch wenn Kimi Räikkönen dafür fünf Boxenaufenthalte und drei Lenkräder benötigte.
Insgesamt war es wieder einmal ein Grand Prix der Michael Schumacher als Sieger sah, dabei aber für eine Menge Action sorgte und am Ende auch die Glücksgöttin Fortuna auf seiner Seite hatte, als Felipe Massa bei rund 300 km/h heftig abflog. Dass dem Brasilianer nichts Schlimmeres passiert ist, spricht für die moderne Formel 1.
Der Große Preis von Kanada stellte also einen guten Auftakt zu den zwei Nordamerika-WM-Läufen innerhalb von sieben Tagen dar. In Indianapolis kommt die Streckencharakteristik aber trotz des verheißungsvollen Auftakts von Montreal wieder eher Ferrari entgegen, weswegen Michael Schumacher auch im Nudeltopf von Indianapolis als Topfavorit an den Start gehen wird.
Aber zumindest in Kanada haben es ihm die Gegner wieder einmal schwer gemacht. In Anlehnung an die Fußball-Europameisterschaft in Portugal bleibt wohl nur noch zu sagen: Formel 1 ist, wenn 20 Piloten antreten und am Ende Michael Schumacher gewinnt. Trotzdem bleibt die Königsklasse der schönste Sport der Welt.

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