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Zum achten Mal heißt es beim neunten WM-Lauf dieser Saison: Herzlichen Glückwunsch Michael Schumacher! Es ist Halbzeit in der Formel 1 Saison 2004. Und so wie sich am Anfang des Jahres viele, und da schließe ich mich mit ein, täuschten, als sie der Meinung waren, dass Michael Schumacher in diesem Jahr locker zu schlagen sei, steht für mich zur Halbzeit fest, dass ihn jetzt niemand mehr schlagen wird. Auch wenn Rubens Barrichello in Indianapolis das Material und die Möglichkeit dazu hatte.

Doch bevor wir die sportliche Seite des Großen Preises der USA beleuchten, müssen wir noch zwei viel wichtigere Dinge ansprechen. Zunächst natürlich den Unfall von Ralf Schumacher. Dass der Kerpener diesen High-Speed-Horrorcrash überlebt hat, verdankt er einzig und allein den modernen Sicherheitsbestimmungen der Formel 1.

Hier haben die in den letzten Jahren immer weiter verbesserten und erhöhten Sicherheitsmaßnahmen durch Crashstrukturen, Überlebenszellen und vieles mehr Ralf das Überleben gesichert. Mit über 250 km/h in diesem äußerst ungünstigen Winkel genau an der Stelle, an welcher die SAFER-Barrieren aufhören, einzuschlagen war wirklich kurz vor dem Super-GAU der Formel 1.

Dass Ralf Schumacher danach rundenlang nicht geborgen werden konnte beziehungsweise die Hilfe erst sehr spät eintraf, ist für mich auch jetzt noch unverständlich.

Die Tatsache, dass sich Michael Schumacher unter diesen Bedingungen noch konzentrieren konnte und das Rennen dann letztendlich auch noch nach Hause gefahren hat, grenzt für mich schon an ein Wunder. Das ist einfach eine sensationelle Leistung, wobei ich mir sicher bin, dass er ausgestiegen wäre, wenn etwas Schlimmeres passiert wäre.

Die zweite gefährliche Situation des Rennens fand noch vor Ralfs Unfall statt. Denn auch der Unfall von Fernando Alonso hätte viel schlimmer ausgehen können. Eine gründliche und eingehende Reinigung der Strecke nach dem Vorbild der US-Rennserien wäre nach all diesen Zwischenfällen und bei den vielen scharfkantigen Karbonteilen auf der Fahrbahn, welche die Reifen aufschlitzen können und welche dies am Sonntag bei Fernando und Ralf auch tatsächlich machten, sicherlich von Nöten gewesen.

Bei all diesen unsichtbaren Gefahren auf der Strecke wurde die Formel 1 in diesem Rennen wirklich sehr vom Glück verfolgt. Oder anders herum ausgedrückt: Die Formel 1 ist an einer Katastrophe haarscharf vorbeigeschlittert. Das hätte ganz böse enden können.

Glücklicherweise ist aber weder Ralf, der mit einigen Prellungen, Blutergüssen und einer leichten Gehirnerschütterung davon gekommen ist, noch Fernando etwas passiert. Wer wie Alonso bei 340 km/h abfliegt und dann unverletzt aussteigt, der kann wahrlich von Glück sprechen. Mir ist während des Kommentierens das Herz jedenfalls zweimal stehen geblieben...

Nun aber zum Sportlichen: Der Move des Rennens stammte diesmal von Michael Schumacher. Und dieses Überholmanöver gegen Rubens Barrichello am Ende der ersten Safety-Car-Phase war wirklich Superklasse! Rubens erklärte sich diesen Platzverlust dabei durch abgekühlte Reifen und durchdrehende Räder. Und schon war er chancenlos.

Dies war auch jenes Überholmanöver, welches Michael Schumacher den Rennsieg einbrachte. Doch so einfach es auf den Fernsehbildern vielleicht ausgesehen haben mag, man muss diesen Move auch erst einmal setzen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sich ein Juan Pablo Montoya mit all seiner Re-Start-Erfahrung aus den USA nicht so hätte überrumpeln lassen.

Obwohl Rubens Barrichello sein Rennen an dieser Stelle verlor, hat der Brasilianer es im letzten Rennabschnitt nach seinem Boxenstopp auf frischen Reifen, im Gegensatz zu Kanada, wo ich felsenfest an meiner Meinung festhalte, dass er dort nicht überholen durfte, wenigstens versucht seinen Teamkollegen zu überholen.

Insgesamt wurde der seinem Teampartner fast gleichwertige Rubens Barrichello aus zwei zusammenhängenden Gründen geschlagen: 1. Wegen des Klasse-Überholmanövers am Ende der ersten Safety-Car-Phase und 2. wegen des taktisch cleveren ersten Boxenstopps von Michael Schumacher bei der zweiten Safety-Car-Phase, als Schumacher das Feld so einbremste, dass er trotz seines Stopps in Führung bleiben konnte und Barrichello, weil er sich genau vor unserem Kommentatorenfenster gelegen hinter dem Deutschen anstellen musste, von Rang zwei auf Platz sieben zurückfiel.

Diese Szenen zeigten wieder einmal wie nah Sieg und Niederlage beisammen liegen und wie oft nur Kleinigkeiten darüber entscheiden. Soweit die Analyse der roten Situation mit dem Ergebnis, dass Ross Brawn & Co hier wirklich Wort gehalten haben und sich Österreich oder Indianapolis 2002 nicht wiederholten. Im Gegensatz zum "Pseudo-Nichtangriffspakt" von Kanada gab es hier wirklich ein offenes Rennen und das wollen wir doch alle in Erinnerung an die großen Duelle Prost gegen Senna oder Mansell gegen Piquet sehen.

Takuma Sato zeigte unterdessen auch Großes. Denn sein erster Podiumsplatz bedeutete den ersten Podestrang für einen Japaner seit Aguri Suzuki in Suzuka 1990. Sato fuhr ein tolles Rennen und zeigte ein entschlossenes Manöver gegen Jarno Trulli.

Sein B·A·R Team wird dabei für Ferrari, die sehr mit Blasenbildung auf den Hinterreifen zu kämpfen hatten, zunehmend zu einer Gefahr. Der B·A·R war in Indy einfach besser abgestimmt als in Kanada, weswegen beide Piloten den Roten näher rückten. Der WM-Stand ist aber zu deutlich, als dass die Weißen der Scuderia noch ins WM-Süppchen spucken könnten. Allerdings wird B·A·R, wenn alles so weiterläuft, in diesem Jahr noch einen Grand Prix gewinnen können.

Phänomenal waren zu Beginn des US Grand Prix wieder einmal die Starts der Renault! Alonso fuhr von Neun auf Drei und Trulli profitierte vom Unfall in der ersten Kurve und kam auf Rang elf nach vorne. Auch wenn der Renault den Rennspeed der großen Zwei nicht mitgehen konnte, hätten beide Fahrer locker Punkte geholt.

Keine Punkte gab es auch beim zweiten Nordamerika-Rennen für Williams BMW. Während sich bei den Weiß-Blauen natürlich alle Augen auf den Gesundheitszustand von Ralf richteten, geht die Disqualifikation von Juan Pablo Montoya reglementtechnisch in Ordnung.

Aufgrund der zigtausend kolumbianischen Fans, die hier direkt unter unserer Kommentatorenkabine stundenlang Samba tanzten, war mir jedoch klar, dass sie Montoya fahren lassen und ihn nicht gleich nach drei Runden aus dem Rennen nehmen würden. Es war eine eindeutig politisch veranlasste Show-Entscheidung, die für mich absolut in Ordnung geht. Natürlich sind die Verantwortlichen bei Williams und BMW über die späte Disqualifikation sauer, aber die Formel 1 ist mittlerweile mehr Show als Sport.

Der Halbzeit Grand Prix in den USA war auf jeden Fall einer der spannendsten des Jahres und stellte das genaue Gegenteil zum eher müden, taktisch geprägten Augenschmaus in Kanada dar. Ich persönlich freue mich jedenfalls schon auf die zweite Saisonhälfte, an deren Ende Michael Schumachers siebter WM-Titel stehen wird.