Nick Heidfeld und BMW-Williams: Es war das Thema auf der Weihnachtsfeier des Nick Heidfeld Fanclubs am Samstag in der Burg Wegberg. Nach den hervorragenden Testfahrten und dem exzellenten Feedback hat Heidfeld die besten Karten um neben Mark Webber als BMW-Williams Pilot 2005 an den Start zu gehen. Im Exklusiv-Interview mit motorsport-magazin.com-Redakteur Daniel Grosvarlet sprach Nick jedoch nicht nur über Williams, sondern blickte er auch ausführlich auf seine Jordan-Saison zurück, sprach über die Regeländerungen und mögliche Vorteile für ihn sowie noch vieles mehr.
Wie lautet Ihr Saisonfazit bei Jordan?
Nick Heidfeld: Das würde ich gerne unterteilen in mehrere Passagen. Zum ersten war mir vor dem Beginn der Saison klar, dass es keine einfache Saison werden würde und dass das Auto von vornherein nicht so stark sein würde, um damit in die Punkte zu fahren. Dementsprechend war es auch in den ersten Rennen. Ich habe mich dann sehr, sehr gefreut und war auch ein bisschen überrascht, wie stark sich das Team verbessert hat. Speziell im Bereich der Aerodynamik hatten wir in fast jedem Rennen kleine Änderungen. Die haben sich auch bemerkbar gemacht, denn wir sind deutlich näher an unsere Konkurrenten herangekommen. Ich denke, der Höhepunkt unseres Autos war der Nürburgring. Ich konnte zwei oder drei Autos hinter mir lassen, ohne dass sie einen Defekt gehabt hatten. Von der Rundenzeit her war ich schneller als der Felipe Massa und bin nur ein paar Zehntel hinter ihm ins Ziel gekommen. Dann war es mir zweimal gelungen in die Punkte zu fahren – in Monaco und Kanada – und das waren natürlich die Höhepunkte. Ich glaube, das hat gezeigt, dass wir gut gearbeitet haben. In der zweiten Saisonhälfte ist Sauber dann durch den neuen Windkanal mit riesigen Schritten nach vorne gestürmt, während bei uns genau das Gegenteil der Fall war. Das war bedingt durch finanzielle Probleme und außerdem haben wir fast gar nicht mehr getestet. Wir hatten keine neuen aerodynamischen Teile und auch in anderen Bereichen kamen keine Neuentwicklungen. Dementsprechend sind wir dann zurückgefallen.
Spielte da auch die Reifenentwicklung eine Rolle? Wenn ein Team nicht so viel wie die anderen testen kann…
Nick Heidfeld: Das ist auch ein Faktor, der sich aber von Saisonanfang bis Ende nicht stark verändert hat, weil wir auch zu Beginn der Saison nicht so viel getestet haben, um alle Reifenkonfigurationen auszuprobieren. Nach wie vor gibt da Ferrari den Ton an und dementsprechend war es für uns bei den Rennen oft schwer allein anhand der Aussagen von Bridgestone, "Ferrari hat dieses und jenes getestet und wir nehmen das", die Reifenwahl zu treffen. Wir sind oft in ein Rennwochenende gegangen ohne den Reifen jemals getestet zu haben, nur mit der relativen Gewissheit, dass es ein Fortschritt sein müsste.
Also kann ein Team wie Jordan nicht so viele Einflüsse auf die Reifenentwicklung nehmen?
Nick Heidfeld: Nein. Zum einen, weil wir viel zu wenig testen und zum anderen, weil sich Bridgestone auf Ferrari konzentriert. Das ist aber auch ganz klar, weil es das Weltmeisterteam ist und sich der Fokus darauf richtet.
Welches Wochenende war denn Ihr bestes und welches Ihr weniger gutes?
Nick Heidfeld: Ich würde das ganz einfach von den Punkten abhängig machen und da würde ich sagen, dass es Monaco war mit den zwei Punkten. Kanada betrachte ich eher mit gemischten Gefühlen, denn normalerweise hätten wir keine Punkte geholt. Wir sind durch das Glück der Disqualifikationen der anderen Autos in die Punkte gerutscht. Dann aber wiederum habe ich mich sehr geärgert, als es beim Rennen ein Problem beim Pitstop gab. Es wurde ein Fehler gemacht, durch den ich knapp eine Minute an Zeit verloren habe. Ohne den Fehler hätte ich einige Punkte mehr reinholen können. Bevor ich nicht wusste, dass ich nicht in den Punkten bin, habe ich mich nicht so geärgert, aber als ich es dann wusste, habe ich mich tierisch geärgert.
Glauben Sie, dass es für Jordan eine gemischte oder eher schlechte Saison war. Ich denke mir, dass man sich doch mehr als fünf WM-Punkte erhofft hatte.
Nick Heidfeld: Da müsste man Jordan selbst fragen. Aber ich denke, da wird die Bilanz ganz ähnlich ausfallen. Ich würde meinen, dass man am Anfang zufrieden sein kann und mit der zweiten Hälfte kann man nicht zufrieden sein. Aber unter den Umständen ist auch nicht mehr drin.
Können Sie etwas über die Zukunft von Jordan verraten? Ob Eddie weitermachen wird?
Nick Heidfeld: Da weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr als Sie. Vielleicht eher noch weniger. Im Moment liegt mein Fokus eher in der Zukunft – bei Williams und nicht bei Jordan. Natürlich interessiert mich das auch und informiere mich auch, aber ich bin da nicht permanent am Ball.
Letztes Jahr haben Sie für Jordan getestet und dann das Cockpit bekommen. Dieses Jahr haben Sie für Williams getestet. Wiederholt sich die Geschichte?
Nick Heidfeld: Das will ich hoffen. Ich hatte jetzt viel früher als bei Jordan die Möglichkeit ins Auto zu steigen, und von daher fühle ich mich besser als zu diesem Zeitpunkt im vergangenen Jahr. Ich hatte die Möglichkeit mich zu präsentieren und ich denke, dass das ganz gut funktioniert hat.
Wie sind Sie bei Williams aufgenommen worden, als Sie das erste Mal getestet haben?
Nick Heidfeld: Sehr positiv und ganz offen von allen Seiten, wie auch vom Antonio Pizzonia und allen Mechanikern und Ingenieuren. Das hat sich alles recht schnell eingespielt.
Stichwort Pizzonia: Es wurde viel über den Shootout geschrieben. Ist es tatsächlich so gewesen, dass es einen Shootout gegeben hat oder wurde das von der Presse hochgepusht?
Nick Heidfeld: Diese Frage müsste man an Frank Williams stellen, wie es aus ihrer Sicht geplant war. Ich hatte zumindest nicht den Eindruck, als ich da angekommen bin, dass es ein knallharter Shootout wäre. Für mich sah es eher so aus, als würde man einen recht normalen Test fahren, bei dem man wenig neue Teile testet und eher etwas über den Fahrer erfahren möchte um sich ein Gesamtbild zu machen. Wir waren zeitweise gleichzeitig mit identischen Bedingungen und gleichem Material auf der Strecke und das wird man sich mit Sicherheit genau anschauen.
Was meinen Sie denn zu den Michelin-Pneus im Vergleich zu Bridgestone? Im Regen waren Sie ja auch sehr schnell unterwegs.
Nick Heidfeld: Ja, gerade im Regen hat es mich verwundert, wie wenig Zeit es mich gekostet hat, mich sowohl an das Auto, als auch an die Reifen zu gewöhnen. Dementsprechend muss ich sagen, dass ich im Regen keine Probleme hatte. Vom Speed her waren wir auch sehr schnell und ich war eigentlich immer vorne im Vergleich zu den anderen und den Bridgestone bereiften Autos. Allerdings ist es im Winter immer ganz, ganz schwer Vergleiche zu ziehen, weil man nicht weiß, mit wie viel Sprit gefahren wird und speziell im Hinblick auf die kommende Saison mit welcher Aerodynamikkonfiguration gefahren wird. Im Cockpit muss man seinen Fahrstil etwas verändern. Man kann sich ins Auto reinsetzen und direkt schnell sein, aber um die letzten Zehntel herauszuholen muss man schon Erfahrung haben, speziell mit den Reifen, aber auch mit dem Auto gibt es noch Feinheiten.
Der Anthony Davidson sagte, dass man wegen der Reifen seinen Fahrstil für 2005 ändern muss. In welche Richtung wird man da gehen?
Nick Heidfeld: Ich bin mir sehr sicher, dass mir das entgegenkommen wird. Wenn ich mir die letzten Jahre und meinen Fahrstil anschaue, dann habe ich die Reifen immer sehr geschont. Ich hatte noch nie einen Teamkollegen, der einen niedrigeren Reifenverschleiß als ich hatte. Von daher freue ich mich auf die neuen Regeln, da sie mir ganz stark entgegenkommen werden. Was die Motorenseite betrifft, denke ich, dass man als Fahrer einen Einfluss haben wird, aber der größere Anteil liegt bei den Technikern, etwa bei welcher Phase des Rennens oder des Trainings mit wie viel Drehzahl gefahren wird.
Was halten Sie generell von den Regeländerungen? Ist das der richtige Weg? Würden Sie etwas anders machen?
Nick Heidfeld: Die Ziele, die verfolgt werden, sind definitiv die richtigen aus meiner Sicht. Die Kosten zu senken, den Speed einzubremsen oder zumindest auf einem Level zu halten, denn wenn es in den letzten 20, 30, 40 Jahren keine Regeländerungen gegeben hätte, wären die Autos heute unfahrbar. Es gibt immer Änderungen, auch wenn man sich als Fahrer am Anfang nicht immer darüber freut. Aber die Autos werden langsamer und das möchte man ja.
Sie sind dieses Jahr in Bahrain und China gefahren. Ihr Eindruck von den neuen Strecken?
Nick Heidfeld: Ich war von beiden positiv überrascht. In der Vergangenheit hat man oft gesagt, dass sich die neuen Strecken sehr ähneln sollen, alles Retortenkurse. Dem kann man teilweise beipflichten, aber vielleicht nicht so extrem wie es andere Fahrer getan haben. Diese beiden Strecken kann man jedoch nicht mit den anderen vergleichen, speziell Shanghai. Als ich vorher über die Strecke gegangen bin oder sie mit dem Roller abgefahren habe, kam es mir vor, als gäbe es sie schon lange.
Nächstes Jahr kommt die Türkei hinzu, d.h. es werden 19 Rennen stattfinden. Ist das eine zusätzliche Belastung für die Fahrer oder wird es eher die Teams treffen, die dadurch noch länger unterwegs sind?
Nick Heidfeld: Ich denke, das wird eher die Teams treffen. Für die Fahrer wird es vom Zeitaufwand keinen großen Unterschied geben, weil wir sonst eh immer testen. In der Woche vor den Rennen dürfen wir ja nicht testen und von daher ist das keine große Umstellung. Natürlich ist es etwas anderes, weil ein Rennwochenende deutlich mehr Druck bedeutet als ein Test.
Ein Wort über Ihren Bruder Sven, der dieses Jahr keine leichte Saison hatte…
Nick Heidfeld: Er hat vor ein paar Wochen einen Porsche Test bestritten, der ganz gut funktioniert hat. Ich hoffe für ihn, dass es nächste Saison gut weitergeht und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass er vom Talent her in die Formel 1 gehört. Aber das ist heutzutage nicht einfach. Dennoch bin ich derjenige, der sein fahrerisches Können besser als jeder andere einschätzen kann, weil ich gleichzeitig gefahren bin, speziell während meiner Kart-Zeit. Und von daher bin ich mir sicher, dass er vom Talent her woanders hingehört.
Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Haben Sie einen Wunsch für Weihnachten?
Nick Heidfeld: Ja, der größte Wunsch wäre natürlich die Gewissheit zu haben nächstes Jahr in einem Formel 1-Renner zu sitzen und natürlich bei BMW-Williams die Rennen zu fahren. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass am 24. abends, wenn ich unter dem Weihnachtsbaum sitze, der Frank anruft und sagt: "Trara – hier, du wirst die Rennen fahren." Aber das wäre schon mein größter Wunsch.
Und bis wann, glauben Sie, müssen Sie sich gedulden?
Nick Heidfeld: Das ist schwierig zu sagen. Keine Ahnung.
Gut. Dann vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall ein Frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2005. Wir drücken Ihnen für das Williams-Cockpit die Daumen.

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