DTM-Rennen werden heutzutage nicht ausschließlich auf der Rennstrecke gewonnen. Zweikämpfe und Siege sind eines, Boxenstopps, Strategien und Psychospielchen etwas anderes. Gerade im Titelkampf greifen die Fahrer und Teams gerne auf gezielte Wortgefechte zurück. Nicht umsonst sagte uns der DTM-Anwärter Jan Seyffarth einmal: "Rennfahren ist zu 70% Kopfsache und zu 30% im Kreis fahren."
In diesem Sinne versuchte der Meisterschaftszweite Gary Paffett vor dem Finale den Druck auf den Tabellenführer Timo Scheider zu erhöhen - denn der Brite wusste: Er hat unter normalen Umständen keine Chance, die wollte er nutzen. "Wir werden unser Bestes geben, wollen das Rennen gewinnen, aber der Druck liegt bei Timo und Audi", sagte Paffett. "Sie können nur verlieren."
Scheider ließ das nicht auf sich sitzen und konterte: "Das kann ich so nicht unterschreiben. Wir sind Tabellenführer, also können wir den Titel nur verlieren, aber andererseits ist er derjenige, der etwas riskieren muss, um die notwendigen Punkte zu holen."
Teil 1 dieser Aufgabe erledigte Paffett im Qualifying: Er verpasste die Pole nur knapp, startete aber vor Scheider. "Unsere Chancen das Rennen zu gewinnen, stehen sehr gut", sagte er Motorsport-Magazin.com am Samstag. "Unsere Chancen den Titel zu gewinnen, stehen allerdings sehr schwierig." Somit war er nicht allzu enttäuscht, dass es am Sonntag nicht reichte - obwohl er seine Pflicht mit einem Sieg erledigte.
"Wir wollten das Rennen gewinnen und das ist uns gelungen", sagte Paffett. "Wir haben an diesem Wochenende die beste Arbeit abgeliefert." Und dann schob er nach: "Es lag an Timo, die Meisterschaft zu gewinnen oder zu verlieren." Der Audi-Pilot entschied sich dazu, sie zu gewinnen. "Wir hätten ein weiteres Rennen wie in Dijon gebraucht, das passiert aber nicht jede Woche."

Im Nachhinein konnte Scheider dann auch zugeben, dass er sich aller Gelassenheit zum Trotz durchaus hin und wieder Gedanken machte, was passiert wäre, wenn er nicht den Titel gewonnen hätte. "Mir war klar, wenn wir den Titel nicht gewinnen würden, hätten wir ihn unter dem Strich verloren", gestand Scheider einige Tage nach dem Titelgewinn gegenüber Motorsport-Magazin.com.
Von Paffett gab es ehrliches Lob: "Er hat fantastische Arbeit geleistet, sie haben gepunktet, als wir Probleme hatten." Auch Scheider habe schlechte Rennen gehabt, "aber sie haben dann mehr Punkte geholt. Er ist ein würdiger Champion. Er war sehr schnell und konstant und hat sich aus Problemen herausgehalten."
Diese Konstanz ging Paffett ab. "Ich habe vier Rennen gewonnen, als Hersteller haben wir sechs Rennen gewonnen und wir haben die Teammeisterschaft gewonnen, es gibt also keinen Grund, enttäuscht zu sein, aber einige Rennen wie in Barcelona und am Nürburgring waren nicht so gut."
Vor allem der Nürburgring blieb Paffett als Desaster im Gedächtnis hängen. "Ich startete von Platz 16 und wurde in der ersten Runde von Legge umgedreht. Dort haben wir die meisten Punkte verloren." Mit ein paar mehr Punkten vom Ring und ohne den Audi-Platztausch von Brands Hatch hätten Paffett vor dem Finale nur zwei statt sieben Punkte gefehlt. Alle Psychospiele beiseite geräumt sagt Paffett klar: Man habe die Meisterschaft nicht in Hockenheim verloren, sondern vier oder fünf Rennen vorher.
Dabei weiß er genau, wie es sich anfühlt, den DTM-Meisterpokal in die Luft zu strecken. "Ich habe fantastische Erinnerungen an meinen Titelgewinn 2005", verriet Paffett gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Wir sind dieses Jahr ziemlich nah herangekommen. Es ist fantastisch, den Titel in einer so engen Meisterschaft zu gewinnen. Ich hoffe, dass ich das wieder schaffen kann." Das Titelrennen für 2010 ist eröffnet. Spätestens dann werden auch die Psychospielchen zurückkehren.



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