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DTM / Analyse

Das Chaos entschlüsselt - Chaostag in der Lausitz

Egal ob vor dem Fernseher oder auf der Tribüne: die Zuschauer des 3. DTM-Laufs hatten ein großes Fragezeichen über dem Kopf. Wir bringen Licht ins Dunkel.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Warum ging das Safety Car auf die Strecke?
Beim ersten Mal ist die Antwort einfach: um den Audi von Markus Winkelhock zu bergen. Allerdings schickte die Rennleitung das Führungsfahrzeug erst viel zu spät auf die Strecke. Schwieriger wird es beim zweiten SC-Einsatz. Durch die vielen vorgezogenen Pflichtboxenstopps kam einiges durcheinander; selbst die Fahrer. Noch schlimmer: Das Safety Car war beim ersten Einsatz nicht vor dem Führenden, sondern nur vor dem Dritten auf die Strecke gegangen. Zudem funktionierte die Boxenampel nicht bei allen Fahrern korrekt. Mit der zweiten Safety Car-Phase versuchte die Rennleitung dieses Chaos wieder zu bereinigen.

Es herrschte völliges Chaos.
Gerhard Ungar

Wem hat die zweite Safety Car-Phase am meisten geschadet?
Gary Paffett dürfte jetzt, egal wo er sein mag, laut "hier!" schreien. "Die Rennleitung hat mit der zweiten Safety-Car-Phase einen großen Fehler gemacht", sagte der Brite, dem dadurch seine Boxenstrategie zerstört wurde. "Ich habe keine Ahnung, warum sie das getan haben. Wenn das nicht passiert wäre, dann wäre Jamie Green Erster geworden und ich Zweiter, das waren ja die Positionen auf denen wir waren und das ist, was hätte passieren sollen. Wir haben sicher nicht verdient, nur Achter zu werden."

Ernst Moser sah die ganze Geschichte in einem Punkt anders. "Wie das Safety-Car rausging, wie die Boxen auf- und zu gemacht wurden, das war meiner Meinung nach falsch", sagte er. "Wir haben die Autos immer im richtigen Moment reingeholt, reglementgerecht. Aber sie wurden dann zum Teil im falschen wieder rausgelassen, manche wurden angehalten, manche durften sich im Feld wieder einreihen... Es war ein Chaos - und wir waren die Leidtragenden."

Wer liegt wo? Keiner kannte die Antwort. - Foto: DTM

Warum stand Bruno Spengler nach seinem Boxenstopp an der Ampel?
Die Antwort liefern die defekte Boxenampel und Norbert Haug: "Es ist ein Jammer für Bruno Spengler, der zehn Sekunden an der Boxengasse stehen musste, und dann, als die Ampel auf grün schaltete von zwei fliegenden Autos überholt wurde. Das hat ihm den möglichen Sieg gekostet."

Wer hatte noch den Durchblick?
Von den Fahrern niemand, von den Teamverantwortlichen niemand und von den Zuschauern schon gleich gar niemand. "Es herrschte völliges Chaos", sagte uns Gerhard Ungar stellvertretend für die rauchenden Köpfe an den Kommandoständen. "Ich habe nicht durchgeblickt und bin nur noch mein Rennen gefahren, schloss sich Martin Tomczyk an. "Es wäre also alles in Ordnung gewesen, wenn das Safety Car nicht gekommen wäre... Ab dem Zeitpunkt habe ich nicht mehr durchgeblickt." Selbst der spätere Sieger Mika Häkkinen war nicht immer im Bilde. "Zu einem Zeitpunkt war ich das einzige Auto da draußen, da fragte ich mich: was ist jetzt los?" Jamie Green bilanzierte folgerichtig: "Das war ein verwirrender Tag."

Das war ein verwirrender Tag.
Jamie Green

Was hat noch für Chaos gesorgt?
Das erste Opfer des Chaostages in der Lausitz war Mattias Ekström. "Ich kann nicht genau sagen, was passiert ist", war auch der Schwede überfordert, "aber ich bin zu früh an die Box gefahren, weil wir ein Problem mit dem Funk hatten. Dann habe ich den Überblick komplett verloren." Einen Teil des Rennens hat er überhaupt nicht verstanden. "Bruno Spengler war auf einmal 7 Sekunden vor mir und vor ihm war gar keiner, 5 Sekunden hinter mir war Bernd Schneider - ich wusste allerdings überhaupt nicht, wie das passieren konnte." Seine Versuche Aufklärung von der Box zu erhalten, schlugen wegen des Funkproblems fehl. "Also bin ich einfach gefahren." Ohne Einflüsse von außen, ohne Plan und ohne einen blassen Schimmer, was eigentlich um ihn herum vorging.

Hat das Chaos wirklich niemandem geholfen?
Doch, die beiden Damen im Feld waren zufrieden. Susie Stoddart bezeichnete das Rennen als interessant und für Vanina Ickx war es ihr bislang bestes DTM-Rennen. "Ich hatte von Anfang an viel Spaß. Es ist viel passiert und ich konnte die Pace der anderen Autos mithalten, was sonst nicht so oft der Fall ist", freute sie sich. "Ich konnte die Konzentration von Anfang bis Ende halten und das Rennen genießen. Ich bin sehr zufrieden."

Zum Chaos-GAU hätte nur noch gefehlt, dass Michael Ammermüller noch einmal mit dem Red Bull auf die Strecke gegangen wäre... - Foto: DTM

Was war bei den ganzen Kollisionen?
Die beiden auffälligsten Unfälle hatten zwei Audi-Piloten zu überstehen. Alex Prémat fuhr auf den Mercedes von Gary Paffett auf, Markus Winkelhock fuhr hinter Mathias Lauda in die Mauer. "Ich hab das als völlig unnötig empfunden", sagte ein angesäuerter Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich. "Lauda ist mir hinten drauf gefahren, ich musste korrigieren, er hat sich daneben gesetzt und wir sind nebeneinander aus der Kurve gefahren", beschrieb Winkelhock die Szene. "Er hat mir keinen Platz gelassen und mich dabei in den Reifenstapel gedrückt."

Ein eher unbeachtetes Duell Audi gegen Mercedes gab es im hinteren Feld zwischen Mike Rockenfeller und Susie Stoddart. Auch diesmal war der Audi der Leidtragende. "Irgendwann hat mich dann auch noch die Susie Stoddart getroffen, das war auch dämlich von ihr", klagte Rockenfeller. Ganz andere Töne schlug Adam Carroll an: "Jamie [Green] hat mein Rennen ruiniert, der braucht wohl eine Brille - oder er sollte wenigstens zugeben, wenn er Mist baut", schimpfte der Audi-Pilot, nachdem ihn Green umgedreht hatte. Bis Brands Hatch gibt es also noch jede Menge aufzuarbeiten...


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