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DTM / Analyse

Der 8. Saisonlauf - deutsche Tourenwagen-Kolonie

Auch abseits der Balearen gab es am Wochenende spanische Ortschaften, die mehr deutsches denn südländisches Flair versprühten...
von Wolfgang André Schmitz

Motorsport-Magazin.com - Nach dem aufwändigen Istanbul-Gastspiel des vergangenen Jahres führte die längste Reise der DTM-Karawane in diesem Jahr zum Circuit de Catalunya in der Província de Barcelona. Südländisches Flair wollte im nordöstlichen Zipfel Spaniens dennoch nicht aufkommen: Ebenso wie in Deutschland prägten am Wochenende dunkle Wolken das Bild, Temperaturen von nicht weit mehr als 20 Grad und häufige Regenschauer trugen zum Bild einer deutschen Tourenwagen-Kolonie in Spanien bei, das sich am Sonntag noch verstärken sollte...

Auf die Hörner genommen

Eine Ausnahme gab es dennoch: Nach bester Tradition temperamentvoller spanischer Stierkämpfe nahm sich das hintere Mittelfeld schon in der ersten Runde gegenseitig auf die Hörner. Christian Abt, Nicolas Kiesa, Vanina Ickx, Pierre Kaffer, Jamie Green - so lautete die Reihenfolge einer scherbenreichen Kettenreaktion. Trotz des Zandvoorter Statements Christian Abts, in den letzten drei Jahren nie einem Konkurrenten aus eigenem Verschulden ins Fahrzeug gefahren zu sein, fiel der Verdacht zunächst - überraschenderweise - auf den Allgäuer...

Ingolstädter Familienzwist: Christian Abt unschuldig am Pranger? - Foto: Audi

"Das ist schon mehr als nur enttäuschend, das ist einfach nicht fair. Ich glaube nicht, dass man dann ein solches Verhalten akzeptieren kann - aber manche Leute kommen eben immer wieder damit durch, und das ist nicht normal", zeigte sich die involvierte Vanina Ickx verbittert, nachdem ihr hervorragender 14. Platz aus dem Qualifying aus ihrer Sicht von Abt zunichte gemacht worden war. Der Phoenix-Pilot konterte im Ingolstädter Familienzwist: "Die Kommissare haben festgestellt, dass es nicht meine Schuld war, sondern die von Kiesa." Nicolas Kiesa wollte sich zu den Vorwürfen öffentlich nicht äußern - schließlich war er schon längst über alle Pyrenäen...

Zerfall der Audi-Kolonne

Wie schon in Zandvoort hatte Audi im Qualifying eine überzeugende Mannschaftsleistung dargeboten, wohingegen bei Mercedes am Samstag nur Bernd Schneider und Mika Häkkinen fahrerisch zu überzeugen gewusst hatten. Am Start verteidigte das Audi-Trio aus Martin Tomczyk, Heinz-Harald Frentzen und Tom Kristensen die Dreifachführung souverän - bis wie drei Wochen zuvor kurz darauf bereits der Zerfallsprozess der Audi-Kolonne eintrat. Während sich Pole-Mann Tomczyk absetzte, wurden Kristensen und Frentzen rasch von HWA-Routinier Schneider unter Druck gesetzt - ein Druck, dem sie nicht lange standhielten.

Bei Kristensen gelang nicht viel mehr als die Boxenstopps... - Foto: Audi

Ein skurriles Wechselspiel begann: Nachdem Frentzen ohne Gegenwehr Kristensen und dann Mattias Ekström passieren ließ, musste schließlich Kristensen erkennen, dass er dem Speed Ekströms nichts entgegenzusetzen hatte - und ließ ihn nach langen Runden des unnötigen Zeitverlusts für den Schweden endlich ziehen. Während Ekström zur Hochform auflief und den zweiten Saisonsieg in Angriff nahm, zeichnete sich ab, dass sich Kristensen im Titelkampf in Barcelona selbst ein Bein stellte: Nach der unnötig harten Gegenwehr gegen Schneider, mit dem einiger Kohlefaserverlust einherging, schienen der Däne und sein A4 DTM mehr und mehr nachzulassen:

Die letzten verzweifelten Versuche, das Blatt zu wenden, endeten in zwei Fahrfehlern Kristensens, die nicht seiner sonstigen Klasse entsprachen. Insbesondere das erste Missgeschick, ein durch zu optimistische Benutzung der inneren Kerbs der Campsa-Rechts hervorgerufener Dreher, löste bei so manchem Beobachter nur Kopfschütteln aus. Einem rabenschwarzen Tag für den siebenfachen Le-Mans-Sieger stand eine umso glanzvollere Leistung Bernd Schneiders gegenüber: Als einziger HWA-Pilot gelang es dem Saarländer uneingeschränkt, das Tempo der Audi-Neuwagen mitzugehen und zeitweise gar Martin Tomczyk unter Druck zu setzen. Eine Leistung, an die mit Blick auf den Rennspeed selbst Bruno Spengler nicht heranreichte: Zwar fuhr der HWA-Youngster von Startplatz 19 aus zwischenzeitlich auf Rang drei, Frentzen und Ekström hatte er in der Endphase des Rennens jedoch nicht viel entgegenzusetzen.

In Barcelona ging das Temperament mit Jean Alesi durch - Foto: Sutton

Deutsche Genauigkeit

Von den Diskussionen über das in Zandvoort gewählte Strafmaß für übermotiviertes Zweikampfverhalten ließen sich die Sportkommissare offenbar nicht irritieren. Auch in Spanien herrschte statt sprichwörtlicher südländischer Lässigkeit deutsche Akribie. Ob das jedoch unbedingt von Vorteil war, sorgte erneut für Gesprächsstoff... Was die Strafen für Jean Alesi anging, bestand zwar kein Grund zur Diskussion. "Ich kann es nicht verstehen, da ich mit Jean auf der Strecke eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht habe. Aber diese Aktion war so was von überflüssig...", resümierte Timo Scheider, nachdem er von Jean Alesi in eine Kollision verwickelt worden war, die auch Mika Häkkinens C-Klasse in Mitleidenschaft zog.

Auch dass ein völlig unnötiges Bremsmanöver des Franzosen auf der Start-/Ziel-Geraden, das nur durch das Geschicks Häkkinens nicht in einem Unfall endete, mit 7.000 Euro Geldstrafe geahndet wurde, erschien verständlich. Stattdessen war es die Durchfahrtsstrafe für Mattias Ekström, die die Meinungen spaltete. Als zu jenem Zeitpunkt schnellster Mann im Feld war der Schwede nach seinem zweiten Boxenstopp erneut auf Schneider aufgelaufen - und schob ihn beim Überholversuch augenscheinlich deutlich an. Bevor der DTM-Meister von 2004 versuchen konnte, auch Tomczyk zu überholen und so seinen enormen Speed in seinen zweiten Saisonsieg umzusetzen, endeten die Siegträume des 28-Jährigen mit der Ankündigung seiner Drive-through-Penalty.

Hoher Speed trotz schwedischer Kampfspuren... - Foto: Sutton

"Du versuchst, innen zu überholen, dann, wenn du schon fast neben dran bist, tritt der Kerl neben dir auf die Bremse, du kriegst eine Durchfahrtsstrafe und er ist fein raus", zeigte sich Ekström erzürnt, wohingegen Mercedes-Sportchef Norbert Haug ankündigte, ein ernstes Wort mit dem Abt-Piloten reden zu müssen. Zwar führten die Ermittlungen der Sportkommissare zum Ergebnis, dass Schneider durch den Stoß seitens Ekströms zum plötzlichen Bremsen gezwungen war. Ob das Manöver jedoch einen Eingriff in den Kampf um den Sieg rechtfertigte, wird weiterhin munter diskutiert werden...

Schwarz-rot-goldenes Podest

Mit Auslandsrennen auf den wichtigsten westeuropäischen Märkten stellt sich die DTM dem Vorwurf deutscher Provinzialität glaubwürdig entgegen. Doch ausgerechnet beim im Saisonvergleich exotischsten Austragungsort waren es - erstmals seit genau fünf Jahren und einem Tag - durchweg deutsche Piloten, die das Podest für sich beanspruchten: Während Bernd Schneider nach einer souveränen Leistung zum vierten Mal in Folge Platz zwei einnahm, war es insbesondere Martin Tomczyk, der für eine Überraschunug sorgte. Der Aufwärtstrend des 2005 noch so enttäuschenden Rosenheimers scheint nicht zu stoppen zu sein. Mit einer Souveränität, wie sie Stammgästen auf der obersten Stufe des Podests in nichts nachstand, setzte Tomczyk eine gelungene Taktik seines Kommandostands um und ließ sich am Ende auch von schleichenden Bremsproblemen nicht aus der Ruhe bringen.

Für Martin Tomczyk hat das Warten ein Ende - Foto: DTM

Auch drei weitere Deutsche verschafften sich einen Befreiungsschlag: Während Heinz-Harald Frentzen mit einem zwar nicht überragenden, aber dennoch mehr als nur soliden Rennspeed endlich noch einmal das Podest erklomm, nachdem er sich zuvor im Regen als tendenziell stärkster Abt-Audi-Vertreter erwiesen hatte, beendeten auch Frank Stippler und Daniel La Rosa in ihren Jahreswagen auf den Plätzen sechs und sieben ihre Punktedurststrecke und stimmten sich so auf ein versöhnliches Ende einer problematischen Saison ein. Auch abseits des 2005er-Lagers rückt das Saisonende zwei Rennen vor Schluss nach subjektivem Empfinden in rasender Geschwindigkeit näher - wozu ein Blick auf die Meisterschaftstabelle beiträgt...

5. Streich des deutschen Rekordmeisters?

Während in der Formel 1 dem deutschen Rekordmeister Michael Schumacher auch angesichts einer eher unglücklichen Parkplatzwahl in Monaco sowie übersehenen roten Flaggen in Budapest zumindest im Ansatz Verschleißerscheinungen unterstellt werden, gibt sich der fünf Jahre ältere Bernd Schneider in der DTM keine Blöße: Nach zwei eher enttäuschenden Jahren demonstriert er eindrucksvoll, dass er seinen Zenit auch mit 42 Jahren noch nicht überschritten hat. Auch wegen des Pechs seines Rivalen Kristensen in Brands Hatch, aber trotz des Verzichts auf Stallregie zu seinen Gunsten bei den vierten bis sechsten Saisonläufen hat Bernd Schneider seinen Vorsprung auf nahezu uneinholbare 18 Punkte bei 20 noch zu vergebenden Punkten ausgebaut. Dass Audi in Le Mans ohne Gewichtsvorteil antreten muss, bevor zwei Wochen später in Hockenheim die traditionellen Mercedes-Festspiele folgen, erhöht die theoretischen Titelchancen des Dänen nur bedingt...