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DTM / Interview

Vanina Ickx: Ich finde es ganz schön mutig von mir, hier zu sein

Im Interview mit adrivo.com sprach Audi-Neuling Vanina Ickx über ihr mutiges Leben und den Schritt in die DTM.
von Juha Päätalo

Motorsport-Magazin.com - Frau Ickx, Ihr erstes DTM-Wochenende hat gerade begonnen. Wie fühlen Sie sich?

Vanina Ickx: Das ist schon spannend. Jedes mal wenn, ich ins Fahrerlager komme, schlägt mein Herz höher.

Sie haben bisher vor allem Langstreckenrennen bestritten. Ein DTM-Rennen muss Ihnen da wie ein Sprint vorkommen.

Vanina Ickx: Oh ja, das ist ein Sprint, aber nicht einer über 30 Minuten, sondern einer über eine Stunde. Und das auf sehr hohem Niveau. Eigentlich dem höchsten, das es gibt. Das ist eine ganz schöne Änderung für mich.

Wie fühlt sich denn Ihr Auto, das aus dem Jahr 2004 stammt?

Vanina Ickx: Es ist sehr schön zu fahren, ein wenig wie ein Einsitzer, aber mit einem Dach. Das ist für mich ungewöhnlich warm. Das heißt, dass ich mich an die Temperatur gewöhnen muss. Das Auto hat auch sehr viel Abtrieb und ist manchmal nervös und sehr sensibel. Aber für den Fahrer ein Riesenspaß.

Die DTM ist auch ein Kontaktsport. Haben Sie keine Angst davor?

Vanina Ickx: Angst habe ich keine, aber ich weiss noch nicht, wie weit ich da gehen kann, ohne das Auto zu beschädigen.

Hatten Sie keine Angst, dass die Jungs bei Audi Sie vielleicht nicht akzeptieren?

Vanina Ickx: Nein. Denn das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Aber ich bin froh, dass sie das tun.

Was denkt eigentlich Ihr Vater von ihrer Karriere in der DTM?

Vanina Ickx: Seit ich den Vertrag unterschrieben habe, ruft er öfter an. Er will alles ganz genau wissen. Ich denke, dass er auch stolz ist. Zumindest hoffe ich das.

Kommt er nach Hockenheim?

Vanina Ickx: Nein. Als ich mit Rennfahren anfing, war er immer da. Aber ich finde es besser, wie es jetzt ist.

Aber Sie waren schon mal zusammen in der Dakar-Rallye?

Vanina Ickx: Ja, ich war seine Beifahrerin. Drei Wochen lang. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Nicht nur als Vater-Tochter-Erfahrung. Das ist sehr schön, weil es das beste Team ist, das man haben kann. Aber es war das erste Mal, dass ich als Profi-Rennfahrer gesehen habe, wie er sein Rennen beherrscht, wie er mit dem Auto umgeht und mit seinen Mechanikern. Und wie er sich dabei fühlt. Das von innen zu sehen, war großartig.

Ist Ihr Vater ein Idol für Sie?

Vanina Ickx: Eigentlich nicht. Dass ich ein Mädchen bin, ändert unsere Beziehung ein wenig. Ich bin nicht der Junge, der seinen Vater übertreffen will. Diesen Konkurrenzkampf gibt es zwischen uns nicht. Der Vater wird immer mein Held sein.

Hat er sie zu einer Rennfahrerin gemacht?

Vanina Ickx: Nein, nein, das war alles ein Zufall. Ich hatte sehr viel mit Pferden zu tun, als ich jung war. Das hat meine ganze Freizeit in Anspruch genommen, die Nachmittage nach der Schule, die Wochenenden. Ich war immer in irgendwelchen Springreiten-Tournieren unterwegs. Als ich dann mit 18 den Führerschein machte, habe ich das Autofahren sofort gemocht. Mit 21 traf ich dann eine Rennfahrerin, die schwanger war. Sie brauchte einen Ersatz, und das war dann ich.

Hatten Sie nie den Gedanken, das zu tun, was Ihr Vater tat?

Vanina Ickx: Nie im Leben. Ich genieße einfach das Fahren. Ich lese auch nicht so viel über Autos, gucke mir die Autos auch nicht so sehr an wie andere Rennfahrer. Ich genieße einfach dieses Gefühl beim Fahren.

Sie haben viele verrückte Sachen in Ihrem Leben getan, sind etwa als erste Frau überhaupt mit einem Leichtflugzeug über den Ärmelkanal geflogen. Warum?

Vanina Ickx: Das war nicht meine Idee. Ich wurde nur gefragt, ob ich es tun würde, und ich war verrückt genug, die Chance zu nutzen. Wir fanden Sponsoren für die Aktion und haben das Geld einer Stiftung in Belgien spendiert.

Und dann sind Sie die Olympiaschanze in Courchevel mit alpinen Ski herunter gebrettert. Das ist ja noch verrückter.

Vanina Ickx: Auch das war ein Zufall, ich war dort im Urlaub. Es gab dort eine Fernseh-Show. Und ich kannte den Trainer dort.

Wie war es dann?

Vanina Ickx: Das war schon beeindruckend. Meine Knie haben gezittert, als ich da oben war. Dann bin ich die Schanze herunter gestürzt. Allerdings nicht sehr weit geflogen, denn darum ging es gar nicht. Ich sollte nur so schnell wie möglich sein.

Wie schnell war es dann?

Vanina Ickx: 136 Stundenkilometer.

Ein neuer Weltrekord?

Vanina Ickx: Ja, aber man braucht dazu keine Technik, keine besonderen Eigenschaften, sondern nur Mut.

Warum tun sie sich das eigentlich an?

Vanina Ickx: Ich glaube, ich bin sehr neugierig von Natur aus. Ich will alles wissen.

Waren Sie schon immer so?

Vanina Ickx: Nein. Ich war als kleines Mädchen sehr schüchtern und ängstlich.

Und was bringen Ihnen diese Herausforderungen?

Vanina Ickx: Ich mag die Routine nicht. Ich will die ganze Zeit etwas Neues lernen. Gerade jetzt habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Das ist auch eine Herausforderung, nur nicht ganz so verrückt.

Und die DTM?

Vanina Ickx: Das ist mit Abstand die größte Herausforderung in meinem Leben, denn das hier braucht Technik, Fähigkeiten, physische Fitness. Ich finde es ganz schön mutig von mir, hier zu sein.

Was wollen Sie in dieser Saison erreichen?

Vanina Ickx: Mir fehlen noch die Informationen, um mir ein konkretes Ziel für die ganze Saison zu setzen. Ich will jetzt Rennen für Rennen schauen, versuche alles so zu nehmen, wie es kommt. Hoffentlich kann ich Ende der Saison dann zurückblicken und sagen, ich habe das Beste daraus gemacht. Dieses Wochenende wird noch eine Übung für mich. Ich muss lernen, wie alles funktioniert. Ich bin die Qualifikation nicht gewöhnt. Und auch nicht den Start von der Startaufstellung.

Bisher hat Ellen Lohr als einzige Frau ein Rennen in der DTM gewonnen. Trauen Sie sich das zu?

Vanina Ickx: Ich weiss es nicht. Ich würde es liebend gerne tun, aber es gibt nicht nur den Fahrer, sondern auch das Auto, das Team, ein wenig Glück. Alles muss zusammen kommen, um zu gewinnen. Aber sicher werde ich es versuchen.

Sie sind Biologin. Haben Sie je in diesem Beruf gearbeitet?

Vanina Ickx: Nein. Ich habe mein Biologiestudium mit einem Experiment im Labor beendet. Das hat sechs Monate gedauert. Ich musste mit Zellen arbeiten und in deren Rhythmus leben. Also nachts aufstehen. Auch am Wochenende. das war schon ein Albtraum. Und am Ende hat das Experiment nicht mal funktioniert. Daher war ich froh, dass ich die Biologie hinter mir lassen konnte.

Was bedeutet Rennfahren für Sie?

Vanina Ickx: Es ist eine Möglichkeit, mich auszudrücken, von mir etwas zu lernen, und hoffentlich um besser zu werden. Es ist nicht mein ganzes Leben, denn das möchte ich nicht. Aber im Moment ist es ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

Wie schon bei Ihrem Vater. Er hat ja gesagt, dass er nur an Wochenende ein Rennfahrer war.

Vanina Ickx: Hat er das echt gesagt? Das ist sehr interessant. Denn er hat es trotzdem geschafft, der Beste zu sein. Aber ich glaube, dass das heute nicht mehr möglich ist. Um der Beste zu sein, muss man Rennfahren atmen, essen, träumen.


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