Welchen sportlichen Stellenwert besitzt die DTM wirklich im globalen Motorsport? Aus Sicht des Automobil-Weltverbandes ist die Angelegenheit inzwischen klar: genau den gleichen wie alle anderen international ausgeschriebenen GT3-Rennserien auch. Vor der Saison 2025 hatte die FIA die deutsche Traditionsserie in ihrer offiziellen Lizenzpunkte-Tabelle deutlich herab- und auf das gleiche Niveau wie etwa die GT World Challenge oder die GTD-Klasse der IMSA-Meisterschaft eingestuft.

Diese Abwertung blieb lange Zeit unbemerkt, bis nach dem Saisonende der 'Fall Güven' für großes Aufsehen sorgte. Der türkische Porsche-Werksfahrer ist nach seinem DTM-Titelgewinn mit Manthey in die WEC gewechselt, auch, weil es dort mehr Lizenzpunkte zu holen gibt - die benötigt Güven, um Ende 2026 möglicherweise mit Porsche in die Formel E einsteigen zu können. Die Situation hatten wir in diesem Artikel bereits ausführlich beleuchtet.

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ADAC-Boss: WEC und IMSA haben keinen höheren Anspruch als DTM

Die Konstellation rund um Güven könnte einmalig sein in der Geschichte der DTM, soll aber nicht ohne Folgen bleiben. Der ADAC als DTM-Promoter will sich gemeinsam mit dem Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) darum bemühen, der DTM wieder einen höheren Stellenwert in der Lizenz-Pyramide der FIA zu verschaffen.

Laut ADAC-Motorsportchef Thomas Voss sei die DTM weder mit der GT3/GTD-Kategorie der IMSA noch mit der LMGT3-Klasse der WEC vergleichbar. Zumal die FIA der unter dem eigenen Mantel ausgetragenen WEC-Weltmeisterschaft einen Sonderstatus zugeschustert hat und die GT3-Champions mit 12 Lizenzpunkten belohnt. Die Meister der DTM, GT3-IMSA, GT World Challenge und Co. erhalten nur 6 Zähler.

"Ich halte das für völlig falsch, weil ich glaube, dass die IMSA oder auch die WEC im GT3 Bereich keinen höheren Anspruch haben können als wir", sagte Voss zu Motorsport-Magazin.com. "Die DTM ist die einzige Rennserie mit dem Ein-Fahrer-ein-Auto-Prinzip. Das lässt für mich die Leistung eines Fahrers erst richtig sichtbar werden. Wenn sich in anderen Serien drei Fahrer bei mehrstündigen und taktisch geprägten Rennen am Steuer abwechseln, lässt sich die individuelle Leistung nur schwer herauskristallisieren."

FIA-Superlizenz-Tabelle 2025 (Auszug mit ausgewählten Rennserien)

RennserieP1P2P3P4P5P6P7P8P9P10
FIA Formel 24040403020108643
IndyCar4030252015108631
Formel E30252010864321
WEC (Hypercar)3024201612108642
Japanische Super GT50020161210753210
NASCAR1512107532100
WEC (LMGT3)121075321000
DTM6420000000
GT3-Rennserien6420000000
Kart-WM (Senior)4321000000

DTM-Abwertung durch FIA: Auch ein hausgemachtes Problem

Voss' Argumentation: Während die Fahrer in der DTM komplett auf sich alleine gestellt sind, bestreiten in allen anderen GT3-Serien auf der Welt stets mehrere Piloten ein Rennen zusammen. Meist - wie in der LMGT3-Klasse der WEC - handelt es sich dabei auch noch um einen Mix aus Profi-Fahrern und zahlungskräftigen Amateuren. In der DTM hingegen besteht das Starterfeld größtenteils aus reinen Profis bzw. Werksfahrern, was das sportliche Niveau in den Sprintrennen natürlich deutlich anhebt.

Gleichzeitig ist die FIA-Lizenz-Abwertung der DTM auch etwas hausgemacht: Die engagierten Hersteller betonen immer wieder gebetsmühlenartig, dass es sich ja um eine Kundensportserie handele. Dabei weiß jeder Branchenkenner, dass die Werke ihre Kundenteams speziell in der DTM mit finanziellen Mitteln unterstützen. Schließlich genießt die Serie mit ihrer über 40-jährigen Historie einen speziellen Stellenwert, der den einer GT World Challenge oder GT3-WEC deutlich übersteigt.

Kein Wunder also, dass man bei der FIA auf die Idee gekommen ist, die DTM mit den weiteren Kundensportserien auf ein Niveau zu setzen. Warum das dem Weltverband erst vor der Saison 2025 aufgefallen ist, obwohl die DTM schon seit 2021 mit einem GT3-Reglement fährt, dazu wollte sich die FIA auf Anfrage bisher nicht äußern. Unsere Vermutung: Den Damen und Herren ist der Reglementwechsel ebenso durchgerutscht wie der DTM die Lizenzpunkte-Abwertung...

Voss: FIA-Abwertung "ist uns offen gestanden durchgegangen"

"Das ist uns offen gestanden durchgegangen", räumte Voss offen und ehrlich ein. "Dass das jetzt zum Tragen gekommen ist, damit hätte wohl niemand gerechnet. Bisher bestand dazu auch keine Notwendigkeit. Es ist vorher allerdings auch nie ein Hersteller damit auf uns zugekommen. Wir versuchen jetzt, die DTM wieder dorthin zu bringen, wo sie schon einmal war. Da wo alle anderen GT3-Serien stehen, gehören wir meiner Meinung nach nicht hin."

Tatsächlich erfuhr die DTM bereits nach dem Class-1-Ende 2020 zur Saison 2021 - damals noch unter der Führung der ITR um Gerhard Berger - eine Abwertung: Für den Champion gab es statt zuvor 20 Lizenzpunkten nur noch 15 Zähler. Damit lag die DTM zwar schon nicht mehr auf dem gleichen Niveau wie die Japanische Super GT500, in der wie zu alten DTM-Zeiten mit Silhouetten-Prototypen gefahren wird, aber noch vor der damaligen GTE-Klasse der WEC (12 Punkte für Pro-Meister, 10 für Am-Meister) oder allen internationalen GT3-Serien (damals wie heute 6 Punkte für Meister).

Unter dem alten Punkteschlüssel hätte Porsche-Ass Güven mit dem DTM-Titelgewinn ausreichend viele Punkte für den möglichen Aufstieg in die Formel-E-Weltmeisterschaft zur Saison 2026/27 beisammen gehabt. Ein Fahrer benötigt 15 Zähler, um sich für den Erhalt der 'eLicence' - dem Superlizenz-Pendant zur Formel 1 - zu qualifizieren. "Es gab immer wieder Fahrer aus der DTM, die einen noch höheren Aufstieg geschafft haben", sagte Voss. "Das ist auch eines unserer Ziele. Deshalb müssen wir uns bei dem Lizenzpunkte-Thema wieder etwas annähern."

Ayhancan Güven feiert die DTM-Meisterschaft 2025 in Hockenheim
Ayhancan Güven holt den DTM-Titel beim irren Hockenheim-Finale, Foto: IMAGO/Gruppe C Photography

Güven geht: Porsche-Chef kann ADAC-Unmut nachvollziehen

Dass der 28-jährige Voll-Profi Güven trotz seiner nachweislich zahlreichen Erfolge nicht für eine mögliche Ausnahmegenehmigung der FIA in Frage kommt, liegt an seiner mangelnden Erfahrung im Umgang mit Formel-Fahrzeugen. Beim letztjährigen Rookie-Test der Formel E in Berlin saß er zum allerersten Mal in einem Single-Seater - und verblüffte die Porsche-Verantwortlichen auf Anhieb mit seinem Speed. Daraufhin reifte die Idee, Güven in die Formel E befördern zu wollen, wenn Porsche ab 2026/27 ein zweites Werksteam einführt. Am kommenden Wochenende bestreitet er auf dem neuen Kurs in Madrid seinen nächsten Test.

"Ich will die FIA nicht kritisieren, weil das Lizenzpunkte-System seit vielen Jahren besteht und vermutlich auch nicht schlecht ist", sagte Porsche-Motorsportchef Thomas Laudenbach zu Motorsport-Magazin.com. "Jetzt hat man einen Fall, bei dem sich ein Fahrer in einer sehr hochwertigen Meisterschaft bewiesen hat. Das wirft die Frage auf, ob in solchen Fällen nicht ein Fahrer mehr Punkte bekommen sollte oder ob es andere Regelungen gibt."

Dass der ADAC nicht allzu begeistert darüber ist, dass sich Güven mit dem Titelgewinn aus der DTM verabschiedet und sich diese Story nicht fortführen lässt, konnte Laudenbach nachvollziehen: "Aus Sicht der Serie kann ich das vollkommen verstehen, man möchte den Meister behalten. Aus Sicht des Herstellers und des Sportlers sagt man: 'Das habe ich erreicht, jetzt möchte ich mich weiterentwickeln'. Da gibt es verschiedene Sichtweisen. Und die sind beide vollkommen zulässig."

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