Er ist der Erfinder des unter anderem aus der DTM bekannten Space-Drive-Lenksystems - und geht jetzt auch noch unter die Rennfahrer! Roland Arnold, CEO der Schaeffler Paravan Technologie GmbH & Co. KG, startet am kommenden Wochenende im Alter von 56 Jahren in der Rennserie GTC Race auf dem Lausitzring (15.-17. Juli 2022) mit einem Mercedes-AMG GT3.

Und das erstmals mit der eigens entwickelten Steer-by-Wire-Lenktechnologie Space Drive, die ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkeinheit und Lenkgetriebe auskommt. Die Übertragung der Lenkbefehle erfolgt stattdessen über Kabel - also 'by-Wire' - durch elektrische Impulse. Das System nutzt AMG-Pilot Maximilian Buhk seit 2021 in der DTM im GT3-Mercedes von Mücke Motorsport. Arnold sieht sich im Gegensatz zu einem GT3-Kaliber wie Buhk nicht als Rennfahrer, der um Siege kämpfen will, sondern vielmehr als Entwicklungsfahrer für seine eigens ausgetüftelte Technologie.

Foto: Schaeffler Paravan
Foto: Schaeffler Paravan

Im GTC Race, das im Rahmen des ADAC Racing Weekend gastiert, trifft Arnold auf der Rennstrecke auf bekannte Gesichter aus der DTM: Der amtierende Champion Maximilian Götz ist am Start, dazu der frühere Formel-1- und DTM-Pilot Markus Winkelhock, Tourenwagen-Ass Luca Engstler oder Nachwuchspilotin Carrie Schreiner. Rennsport-Debütant Arnold teilt sich den Space-Drive-Mercedes mit GT3-Routinier Kenneth Heyer.

Dass der vielfach ausgezeichnete und gelernte Kfz-Mechaniker Arnold längst Gefallen am Motorsport gefunden hat, ist bekannt. Die Space-Drive-Technologie, die auf den Straßeneinsatz für Menschen mit einer Behinderung zurückführt, ist seit 2019 unter anderem in der DTM ebenso wie im Rallyesport und beim 24h-Rennen Nürburgring im Einsatz.

Space Drive! Technologie-Revolution unter der Lupe: (12:19 Min.)

Wie kam Arnold nun auf die Idee, sich selbst ans Steuer eines der rund 550 PS starken Mercedes-AMG GT3 zu setzen? "Schon mehr als 60 Rennfahrer haben uns Rückmeldung zu Space Drive gegeben", sagt Arnold zu Motorsport-Magazin.com. "Ich persönlich möchte aber auch spüren, was die Fahrer uns erzählen. Wir nutzen den Rennsport ja als Beschleuniger, um die Technologie voranzutreiben und um die Software weiterzuentwickeln. Für mich ist es wichtig, das auch zu 'erfahren'."

Die 2019 vom DMSB genehmigte Technologie hat sich inzwischen im Renneinsatz bewährt. Nun geht es um die Feinheiten des mehrfach absicherten Systems, darunter das Gefühl des Fahrers am Force-Feedback-Lenkrad. Schließlich werden sämtliche Rückmeldungen von der Strecke (Über-/Untersteuern, Traktion, Regen, Fahren über Kerbs etc.) und dem Auto ausschließlich digital ans Lenkrad übertragen. Messgeräte registrieren Lenkwinkel, Querbeschleunigung, Gaspedalposition, Geschwindigkeit sowie die Bremskraft des Fahrers. Hunderte Parameter werden dabei erfasst.

Foto: Schaeffler Paravan
Foto: Schaeffler Paravan

Als 'Fahrlehrer' für Arnold bei den ersten Testfahrten im GT3-Auto diente Profi Marvin Dienst. Nach den ersten Runden zeigte sich der Firmengründer und Geschäftsführer der Paravan GmbH mit Sitz in Pfronstetten-Aichelau beeindruckt: "Wenn du 56 Jahre alt bist und dir so ein junger Kerl erklärt, wie du um die Kurve fahren, wie du bremsen und wo du Gas geben musst... Wir haben die Daten übereinandergelegt und wenn man sieht, was in so einem Profi steckt, habe ich jetzt noch zehnmal mehr Respekt vor deren Leistung!"

Arnold fühlt sich inzwischen gut vorbereitet auf das Renndebüt in der Lausitz: "Das ist eine völlig andere Liga als etwa ein schnelles Straßenauto! Und, ehrlich gesagt, bin ich saumäßig nervös. Mir ist schon klar, dass ich gegen die Profis keine Rennen gewinnen kann. Ich bin aber schon ganz gut unterwegs und kann später auf jeden Fall mitreden als Bindeglied zwischen den Ingenieuren und den Rennfahrern."

Foto: Schaeffler Paravan
Foto: Schaeffler Paravan

Für Arnold und sein Team bei Schaeffler Paravan hat sich der Motorsport als 'schnellstes Testlabor der Welt' bereits bezahlt gemacht. Für die Weiterentwicklung des Space-Drive-Systems - Arnold: "Damit haben wir Automobilgeschichte geschrieben!" - hat sich der Entwickler namhafte Unterstützung aus der Welt des Rennsports ins Haus geholt. Dazu zählen unter anderem der langjährige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, der frühere HWA-Technikchef Hubert Hügle oder der erfahrene Renningenieur und Teammanager Axel Randolph.

Arnold: "Du brauchst den Motorsport und musst den Mut haben, neue Wege zu gehen. Es ist nicht wichtig, wie viele Leute du hast, sondern, wen du hast. Du musst mit Profis sprechen, um voranzukommen. Ich habe immer Wert darauf gelegt, gute Leute an Bord zu haben, die über die nötige Erfahrung verfügen."

Natürlich soll das Engagement im Motorsport auch dazu dienen, eine größere Sichtbarkeit für die Space-Drive-Technologie zu erschaffen und die Glaubwürdigkeit durch den harten Wettbewerb auf der Strecke zu steigern. Nur Branchenkenner wissen, dass Space Drive bereits vor gut 20 Jahren aus der Behindertenmobilität entstanden ist und inzwischen mehr als 10.000 Menschen zu neuer Mobilität verholfen hat. "Damals haben neuneinhalb von zehn Leuten gesagt, dass das nicht geht", blickt Arnold zurück. "Du musst also erst mal Überzeugungsarbeit leisten."

Foto: Schaeffler Paravan
Foto: Schaeffler Paravan

Im Motorsport soll der Einsatz von Space Drive langfristig durch den Wegfall der traditionellen Lenksäule die Sicherheit erhöhen und auch die Performance steigern. Arnold: "Das ist keine Vision, sondern schon heute Realität. Space Drive bringt in Zukunft tausende von Vorteilen. Man fährt sicherer, schneller und genauer. Das ist eine ganz andere Welt als die Lenksäule. Die Challenge besteht darin, die Software so gut hinzubekommen, dass sich Space Drive genauso anfühlt wie das Fahren mit einer traditionellen Lenksäule."

Mücke-Pilot Buhk erzielte beim DTM-Saisonfinale 2021 auf dem Norisring seinen ersten Podestplatz, wartet in der laufenden Saison aber noch auf die nächste Punkteausbeute.

Die Anfänge von Space Drive liegen in der Behindertenmobilität, inzwischen dient der Motorsport als Beschleuniger, das große Ziel ist der Einsatz in künftigen Serienautos. Mit Blick auf das autonome Fahren sagt Arnold: "Wir wollen die gesamte Fahrzeugindustrie revolutionieren. Das Ziel ist, Space Drive in Serie zu bringen, damit später einmal jedes Auto mit Steer- und Brake-by-Wire fährt."