Schaute man beim DTM-Saisonauftakt in Portimao auf Ferrari, schaute man auf Sebastien Loeb. Verständlich, der einmalige Einsatz des neunfachen Rallye-Weltmeisters war ein Meilenstein in der über 30-jährigen Geschichte der Tourenwagenserie. Dass Loeb mit seinen 48 Jahren und dem ihm größtenteils unbekannten Ferrari 488 GT3 von AF Corse auch noch höchst respektable Leistungen auf die Piste zauberte, verstärkte Aufmerksamkeit und allgemeinen Respekt zusätzlich.

Dass Loeb etwa im Qualifying am Samstag nur sieben Zehntelsekunden Rückstand auf seinen GT3-erfahreneren Teamkollegen Felipe Fraga aufwies, wurde einstimmig von Fahrern und Experten als Erfolg gewertet. Was dabei aber ziemlich unterging: Fragas Leistung selbst! Tatsächlich fehlten dem DTM-Debütanten im ersten Qualifying der Saison nur 0,06 Sekunden zur Pole-Zeit von Mirko Bortolotti (GRT-Lamborghini).

In Loebs langem Schatten

Fraga lief in Loebs Schatten nicht nur in Portimao zunächst unter dem Radar, sondern während der gesamten Saisonvorbereitung. Den 26-Jährigen kannten hierzulande höchstens Motorsport-Insider. 2015 startete Fraga erstmals bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps, 2016 gewann er die Brasilianische Stock-Car-Meisterschaft und trat seitdem in unterschiedlichen Kategorien und Rennserien an, meist auf Mercedes-AMG GT3 der Teams AKKA und Riley. Ausrufezeichen konnte er in dieser Zeit nicht unbedingt setzen.

AF-Corse-Sportdirektor Ron Reichert hatte schon vor dem Saisonauftakt große Stücke auf Fraga gehalten. Und Zweifel an seinem Talent dürften spätestens seit dem DTM-Auftakt in Portimao der Vergangenheit angehören. Nach dem starken Qualifying am Samstag mit einem unglücklichen Ausfall später im Rennen, konnte Fraga seine Performance auch am zweiten Renntag abrufen. Dem dritten Platz im Qualifying ließ er mit P2 seinen ersten Podestplatz in der DTM folgen. Und das, obwohl er wie Loeb über keinerlei Rennerfahrung mit dem Ferrari 488 GT3 verfügte.

DTM-Debütant Felipe Fraga -
DTM-Debütant Felipe Fraga -Foto: Red Bull

Fragas Talent: DTM-Boss Berger bekam 'Insider-Tipp'

Fraga knüpfte bei AF Corse zum Auftakt nahtlos an seine DTM-Vorgänger Liam Lawson und Alex Albon an, die dem Ferrari-Werksteam 2021 auf Anhieb die Team-Meisterschaft beschert hatten - obwohl beide nie zuvor in einem GT3-Auto gesessen waren...

Dass der Pilot aus dem großen Kader von Red Bull für eine Überraschung sorgen könnte, hatte übrigens DTM-Boss Gerhard Berger schon vor dem Saisonauftakt auf dem Zettel gehabt. Genauer gesagt war es dessen Neffe Lucas Auer, der 'Insider-Infos' weitergab. Denn: Auer teilte sich 2021 bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps einen AKKA-ASP-Mercedes mit Fraga. Zusammen mit dem Russen Timur Boguslavski erzielten sie den zehnten Platz beim Ardennen-Klassiker.

"Lucas kannte Fraga schon und erzählte mir: 'Der war bei mir in Spa im Auto. Der ist richtig schnell'", erinnerte sich Berger und ließ keinen Zweifel an seiner Meinung zum DTM-Starterfeld 2022: "Es sind einfach die Besten am Start. Da sind vielleicht fünf Fahrer, die noch reingehören, wie (Raffaele) Marciello."

Foto: DTM

Fraga: Erst Pech, dann Podium

Fraga hätte schon im Samstags-Rennen für Furore sorgen können. Als letzter Fahrer aus dem Spitzenfeld legte er in Runde 17 seinen Pflicht-Boxenstopp ein und kehrte als virtuell Siebter auf die Strecke zurück. Eine Runde später rückte das Safety Car nach dem Ausfall von Rolf Ineichen (GRT-Lamborghini) aus.

Pech für Fraga: Beim wilden Re-Start wurde er in eine Kollision verwickelt und fiel mit einem Reifenschaden aus. Irgendwie bezeichnend, dass auch von dieser Szene kaum jemand Notiz nahm, weil das Drama um den zurückgefallenen Spitzenreiter Mirko Bortolotti (GRT-Lamborghini) relevanter war.

Ins Rampenlicht trat Fraga schließlich am Sonntag, als er sich hinter dem Pole-Setter und späteren Rennsieger Nico Müller (Rosberg-Audi) und Bortolotti für den dritten Startplatz qualifizierte. Fraga fehlten nur 0,01 Sekunden auf den erfahrenen Lamborghini-Werksfahrer.

Im anschließenden Rennen schlug der Ferrari-Pilot zurück und sicherte sich mit einem frühen Überholmanöver den zweiten Platz. "Im Rennen habe ich die Position zunächst gehalten, merkte dann aber relativ schnell, dass der Ferrari die bessere Pace hat", erklärte Bortolotti im Anschluss. "Es hätte keinen Sinn gemacht, sich mit allen Mitteln gegen ihn zu verteidigen und dabei Zeit zu verlieren."

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Fraga: Jetzt wartet Cassidy

Fraga nahm die Position gerne mit und überquerte die Ziellinie in einem eher unspektakulären Rennen als Zweiter mit 3,4 Sekunden Rückstand auf Audi-Werksfahrer Müller. "Gestern lief es auch schon gut, aber dann gab es ein Problem beim Re-Start", blickte Fraga auf sein DTM-Debüt zurück. "Das Rennen hat Spaß gemacht, ich hatte einen schönen Kampf mit Mirko. Es ist hart, gegen Jungs wie ihn zu racen. Danach habe ich alles gegeben, um Nico einzuholen - keine Chance! Danach war ich happy mit dem zweiten Platz."

Hierzulande muss man Fraga spätestens seit dem Portimao-Auftritt auf dem Schirm haben. In Brasilien sieht das offenbar anders aus, wie er selbst erzählte: "Augusto (Farfus, BMW-Werksfahrer; d. Red.) war früher in der DTM ein Superstar. Jeder in Brasilien kennt die DTM und die Fans drehten durch, als ich meinen Einstieg bekanntgab. Das habe ich auch an meinen gestiegenen Social-Media-Zahlen bemerkt."

Fraga reist als Viertplatzierter in der Meisterschaft zum nächsten DTM-Rennwochenende auf den Lausitzring. Dort erwartet ihn die nächste Herausforderung: Anstelle von Loeb kehrt der als GT-Experte geltende Stammpilot Nick Cassidy in den AF-Corse-Ferrari zurück.