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DTM / Hintergrund

Protest-Finals 2021: Formel 1, DTM und WEC lassen grüßen

Die Formel 1 knüpft an eine liebgewonnene Motorsport-Tradition 2021 an: Proteste auch bei DTM und WEC. Die Argumente sind oftmals deckungsgleich.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Es ist das Motorsport-Jahr der Protest-Finals: Sowohl in der Formel 1 als auch in der DTM und der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC mussten sich die Verantwortlichen, zu denen am Sonntag in Abu Dhabi auch der frühere Vorsitzende der DTM-Sportkommissare, Felix Holter, gehörte, mit eingelegten Protesten während des jeweiligen Finalwochenendes herumschlagen.

Immer mit dabei: die berüchtigte 'Ankündigung einer Berufung' nach einem abgelehnten Protest. 96 Stunden bleiben dem Beschwerdeführer im Anschluss Zeit, diese formell einzulegen, anschließend innerhalb von sieben Tagen auch schriftlich zu begründen und damit vor ein unabhängiges Berufungsgericht zu ziehen.

Dort können sich die Verhandlungen - besonders ärgerlich beim offenen Ausgang einer Meisterschaft - im schlimmsten Fall wegen vorgegebener Fristen über Monate hinziehen, wie das DTM-Beispiel 2021 mit dem 'Fall Monza' und einer endgültigen Gerichtsentscheidung nach erst 82 Tagen beweist. Der DTM und der WEC blieb dieses Horror-Szenario erspart, das Mercedes-Kundenteam Winward (DTM) sowie das Porsche-GT-Werksteam (WEC) verzichteten darauf, formell Einspruch einzulegen und akzeptierten damit die Entscheidungen der Sporthoheit. 'Im Sinne des Sports', wie es in solchen Fällen dann immer gerne heißt.

DTM-Protest: Beinahe kein offizieller Meister

Nun wird sich der eine oder andere Motorsport-Fan sicherlich wundern, dass das Saisonfinale der DTM auf dem Norisring ebenso wie das der Formel 1 in Abu Dhabi von einem Protest durchzogen wurde. Schließlich ging der Krieg am grünen Tisch etwas unter, weil er von den Kontroversen rund um den Crash zwischen Liam Lawson und Kelvin van der Linde sowie natürlich der Mercedes-Stallregie überschattet worden war.

Doch tatsächlich sah es bis kurz vor dem Start zum letzten DTM-Saisonrennen 2021 stark danach aus, dass auf dem Nürnberger Stadtkurs zunächst formell kein offizieller Meister hätte gekürt werden können. Erst am Sonntagvormittag um 11:15 Uhr, also bereits nach dem Qualifying und rund zwei Stunden vor dem Rennstart, zog das AMG-Team Winward seine angekündigte Berufung zurück.

"Wir sind Sportsmänner und wollen, dass der Meister gekürt werden kann", sagte uns AMG-Kundensportkoordinator Thomas Jäger kurz nach der Entscheidung im Fahrerlager. "Deshalb haben wir gesagt, dass wir es im Interesse aller zurücknehmen. Weil beim Protest auch ein paar Formfehler drin waren, war die Aussicht auf Erfolg relativ. Aus diesem Grund hätte es keinen Sinn gemacht, das aufrecht zu erhalten."

Hat die FIA die Formel 1 WM 2021 entschieden?: (20:13 Min.)

Protest voller haarsträubender Fehler

Der frühere DTM-Fahrer Jäger betonte dabei, dass es sich um eine Angelegenheit des Winward-Teams gehandelt habe, die Entscheidung sei in "gemeinsamer Abstimmung gefallen": "Das Team hat den Protest eingelegt, nicht Mercedes-AMG. Wir waren in den Prozess nicht involviert."

Die von Jäger angesprochenen Formfehler gibt es häufiger bei den durchaus komplexen Protesten im Motorsport, doch in diesem Fall waren sie haarsträubend und auffällig: Abgelehnt wurde der Protest von den Sportkommissaren, weil das Event falsch benannt, Ort und Datum nicht richtig und obendrein der Grund für den Protest nicht klar und eindeutig angegeben war.

DTM-Champion 2021: HRT-Pilot Maximilian Götz - Foto: DTM

DTM-Gerüchte: Wer wollte den Protest wirklich?

Handelte es sich schlicht um Unvermögen der höchst erfahrenen Winward/HTP-Truppe mit Teamchef Christian Hohenadel, oder hielt sich das Interesse an einem Protest auf Teamseiten ohnehin in Grenzen? Im DTM-Fahrerlager waren nicht wenige Experten der Ansicht, dass der Protest indirekt auf Wunsch von Mercedes-AMG durch das Winward-Team eingelegt werden musste. Schließlich war in den Vorfall auch Liam Lawson involviert, der zu diesem Zeitpunkt Meisterschaftsführende aus dem Ferrari-Team AF Corse.

Der Neuseeländer, der die Saison schließlich hinter Maximilian Götz als Vize-Meister beendete, kollidierte im Samstagsrennen mit Winward-Pilot Philip Ellis. Die Rennleitung untersuchte den Vorfall während des Rennens, die Sportkommissare entschieden sich aber mit der Rennleitung gegen eine Bestrafung für Lawson. Eine nachträgliche Bestrafung für den Ferrari-Piloten am grünen Tisch hätte Götz theoretisch bessere Titelchancen gegen Lawson vor dem letzten Rennen eingeräumt.

"Das kann man auch anders auslegen", sagte uns Stefan Wendl, Leiter Mercedes-AMG Customer Racing. "Es hätte Kelvin van der Linde am meisten geholfen. Das wäre wiederum nicht in unserem Interesse gewesen, weil er in der Meisterschaft näher an Maxi herangerückt wäre. Man kann auch Argumente dafür finden, dass es nicht in unserem Interesse ist, dass es stattfindet (die Berufung; d. Red.). Das ist 50:50."

Protest aus Wunsch nach Klarstellung

Als Grund für die angekündigte Berufung führte unterdessen Jäger den Wunsch nach einer Klarstellung durch die Regelhüter an. Das liest man tatsächlich häufig bei derartigen Vorgängen im Motorsport. "Die Enttäuschung über die Rennleitung war der ausschlaggebende Punkt", so Jäger. "Der Rennleiter legt ja fest, mit wie viel Härte in der Meisterschaft gefahren werden darf. Das muss verlässlich sein und einen roten Faden haben. Und den konnte im Fahrerlager kaum jemand erkennen."

Diese Angelegenheit hat sich inzwischen von selbst erledigt. Der 2021 eingesetzte Rennleiter Niels Wittich verlässt die DTM nach nur einer Saison und orientiert sich nach Informationen von Motorsport-Magazin.com in Richtung der FIA. Auf ihn folgt Scot Elkins, zuletzt und weiterhin Rennleiter in der Formel E und mit ausgiebiger Formel-1-Erfahrung.

Wittichs selbst getroffene Entscheidung, die DTM wohl in Richtung FIA zu verlassen, habe nichts mit der Kritik an seiner Person zu tun gehabt. Wittich betonte, dass ein Renndirektor im Motorsport vergleichbar mit einem Schiedsrichter im Fußball sei - und die stehen bekanntermaßen an jedem Wochenende im Kreuzfeuer von Fans und Medien.

Was Wittich bezüglich der Kritik an seiner Person anprangerte, ist die Tatsache, dass viele Beobachter nicht einmal wissen, wer die angeblich umstrittenen Entscheidungen tatsächlich fällt - nämlich die Sportkommissare. Bestes Beispiel ist das WEC-Saisonfinale in Bahrain, wo Renndirektor Eduardo Freitas in Absprache mit den FIA-Stewards eine ursprünglich von ihnen getroffene Entscheidung zurückgenommen hatte, weshalb das Porsche-GT-Werksteam fristgemäß einen Protest angekündigt hatte, der später aber zurückgenommen wurde.

Proteste im Motorsport: Unverständnis bei Fans

Und als ob all die Aufregung hinter den Kulissen des DTM-Finales noch nicht gereicht hätte, spielten die Winward-Piloten auch auf der Strecke eine gewichtige Rolle beim Ausgang um die Meisterschaft. Sowohl Ellis, am Samstag das 'Unfallopfer' von Lawson, als auch dessen Teamkollege Lucas Auer nahmen im Sonntagsrennen entscheidend Gas raus, um den späteren Meister und Mercedes-Markenkollegen Götz vorbeizuwinken und ihm dadurch zur Meisterschaft zu verhelfen.

Egal ob Formel 1, DTM oder WEC: Die Saison 2021 hat eindrucksvoll bewiesen, dass bei einem extrem engen Meisterschaftskampf - lange Jahre nicht mehr Gang und Gäbe im Motorsport - mit den härtesten Bandagen sowohl auf als auch abseits der Rennstrecke gekämpft wird. Die Gründe mögen aus Sicht von Teams und Herstellern absolut nachvollziehbar sein - bei den Fans führen diese politischen und juristischen Vorgänge aber nicht selten zu Unverständnis.


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