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DTM / Analyse

Rennanalyse: Ein Crashkurs zum Norisring-Spektakel

Im Rennen auf dem Norisring waren nahezu alle Aspekte der Faszination DTM enthalten. Wir offerieren Ihnen dazu einige Crashkurse.
von Wolfgang André Schmitz

Motorsport-Magazin.com - Der sechste Lauf zur Saison 2005 sollte als eines der spektakulärsten Rennen in die DTM-Geschichte eingehen; nicht nur, weil "Crash" während des Nürnberger Spektakels zum wohl meistgebrauchten Wort des Rennwochenendes wurde...

Der Crashkurs zum Thema "Crash-Kurs, Teil I"

Einen umfangreichen visuellen Crash-Kurs boten viele der anwesenden DTM-Piloten den Zuschauern dar. Das möglichst exakte Abfahren des rechten Außenspiegels und kleiner Zusatzflügel an Schwellern und Stoßfängern war dabei noch die harmloseste Übung. Weniger harmlos, dafür jedoch umso spektakulärer war da bereits die Variante "Friendly Fire", besonders beliebt in den Reihen der Mercedes-Piloten: Man erblicke einen blauen Audi, unter Berücksichtigung eines beliebten Versprechers auch gern "Blaudi" genannt, sowie einen davor fahrenden Mercedes, man versuche, den Audi in der Grundig-Kehre zu überholen und lande prompt in der C-Klasse des Teamkollegen.

Der neue Audi-Singleframe-Kühlergrill in ungewohntem Design - Foto: Sutton

So lobenswert die kaum noch überschaubare Menge an Zweikämpfen und so unterhaltsam auch durchaus so manches Missgeschick gewesen sein mag: Schon allein die Vielzahl an Strafen, welche die Rennleitung während und in Folge des Rennens aussprechen musste, offenbarte zweifellos Verbesserungspotenzial in Sachen fahrerische Disziplin vor allem in den Reihen der Mercedes- und Opel-Piloten - obschon der Ehrgeiz der Piloten offenbar beim Saisonhighlight verständlicherweise ein besonders hohes Level erreichte.

Der Crashkurs zum Thema "Crash-Kurs, Teil II"

Der Norisring als Crash-Kurs? Dieser Gedanke war angesichts der Vielzahl an Unfällen unvermeidlich. In Bezug auf das Monaco der DTM stellt sich wie beim Grand Prix von Monaco in der Formel 1 die Frage, inwieweit die Strecke am Dutzendteich hinsichtlich der Sicherheit noch zeitgemäß ist. Und so war insbesondere in diesem Jahr zu beobachten, dass der Mangel an adäquaten Auslaufzonen nicht nur die nähere Bekanntschaft der Piloten mit den Leitplanken provozierte, die in den meisten Fällen noch sehr glimpflich verlief, sondern auch andere Gefahren zur Folge hatte:

Das Heck eines Audi nach dem Crashtest - Foto: Sutton

So wäre es durchaus nicht überraschend gewesen, insbesondere infolge des Crashs Rinaldo Capellos und der trotz aller Mühen nicht vollkommen zu beseitigenden Reste seines A4-Hecks, einige spektakuläre, durch herumliegende Karbonteile verursachte Reifenschäden zu sehen. Letztlich scheint es die Faszination von Stadtkursen und insbesondere der ganz eigene Charme des Norisrings zu sein, der den jährlichen Lauf in Nürnberg für die DTM rechtfertigt.

Der Crashkurs zum Thema "Taktik"

Neben den zahlreichen packenden Zweikämpfen entwickelte sich auch die Taktik angesichts zweier Safety-Car-Phasen zu einer höchst interessanten Komponente des Rennens. Anders als vom eher begrenzten Spielraum der Boxenstoppstrategie in der DTM sonst gewohnt entschied eine gute oder schlechte Taktik nicht nur über Gewinn oder Verlust maximal zweier bis dreier Positionen, sondern über unerwartete Triumphe und bittere Niederlagen, was insbesondere das Audi-Team mit einer gelungenen Taktik bei Christian Abt, die ihn bis auf Rang zwei brachte, sowie einer misslungenen Taktik bei Tom Kristensen, die den Pole-Setter bis auf Rang sieben rutschen ließ, demonstrierte.

Perfekte Taktik perfekt umgesetzt: Mr. Perfect - Foto: Sutton

Eine taktische Glanzleistung der spektakulären Art bot unterdessen das H.W.A.-Team dar, das mit zwei bei Gary Paffett unmittelbar hintereinander angesetzten Boxenstopps während der zweiten Safety-Car-Phase nach Runde 30 verblüffte. Eine hinsichtlich der Belastung für die Reifen riskante, allerdings äußerst kreative Taktik, die Gary Paffett perfekt umsetzte, indem er sich zunächst konsequent an die Spitze zurückarbeitete, dann jedoch ebenso konsequent die Reifen schonte. Das Rennen auf dem Norisring als Anregung, die taktische Komponente künftig durch liberalere Boxenstoppregeln aufzuwerten?

Der Crashkurs zum Thema "Kräfteverhältnisse"

Nicht nur angesichts des turbulenten Rennverlaufs hätte es auch für Audi und Opel zum Sieg reichen können; sowohl die Ingolstädter als auch die Rüsselsheimer präsentierten sich in Nürnberg stärker als erwartet. Hätte Opel auf einer Strecke wie dem Norisring, der innerhalb von 50 Sekunden angesichts der zwei Haarnadelkurven zweimal ein starkes Abbremsen von Geschwindigkeiten jenseits der 200 Kilometer pro Stunde fordert, mit dem Handling des Vectras zu Saisonbeginn noch arge Probleme bekommen, so präsentierte sich Opels DTM-Bolide nun trotz starker Bodenwellen ähnlich souverän wie die Konkurrenz. Nachdem die ausgiebigen Testfahrten in Oschersleben Wirkung zeigten, die Handlingprobleme größtenteils behoben und auch eine bessere Harmonie des Fahrzeugs mit den Dunlop-Reifen hergestellt werden konnte, sind es nun nur noch Nuancen, die Opel gewichtsbereingt am Aufstieg in die Liga der süddeutschen Premiumkonkurrenz hindern.

Vectra vs. C-Klasse - auf dem Norisring kein seltenes Bild. - Foto: Sutton

Sichtbar stärker als im Vorjahr präsentierte sich Audi, reichte aber dennoch nicht ganz an das Mercedes-Level heran. Schaffte man es im Qualifying noch, mit Hilfe einer geschickten abtriebsbetonten Abstimmung einen uneinholbaren Vorsprung im Schöller-S herauszufahren, so war es über die Renndistanz gesehen eindeutig Gary Paffett, der den Ton angab: Insbesondere sein rasches Enteilen während der ersten Runden deuteten dies eindrucksvoll an. Für das kommende Rennen auf dem Nürburgring lässt sich angesichts der Spezifität des Norisrings allerdings kein zuverlässiger Rückschluss bezüglich der Kräfteverhältnisse zwischen Audi und Mercedes ziehen.

Der Crashkurs zum Thema "Meisterschaftskampf"

Bereits die äußere Erscheinung der Fahrzeuge Gary Paffetts und Mattias Ekströms ließ darauf schließen, wer aus der sechsten Runde des Meisterschaftsduells als Sieger hervorgegangen war. Während Gary Paffetts C-Klasse auch im Ausstellungsraum eines Mercedes-Autohauses nicht unangenehm aufgefallen wäre, wäre Mattias Ekströms A4 wohl selbst als Gebrauchtwagen unverkäuflich gewesen.

Kristensen musste im Kampf um die Meisterschaft zurückstecken. - Foto: Sutton

Ihre Klasse bewiesen jedoch beide Titelkontrahenten: Mehr als meisterschaftswürdig erschien die Performance Gary Paffetts, der nicht nur das Potenzial seines Fahrzeugs am besten ausschöpfte, sondern überdies auch während seiner Aufholjagd im Anschluss an seine beiden Boxenstopps einen kühlen Kopf behielt und - abgesehen von einer vergleichsweise harmlosen Berührung mit Ekström - unbeschadet an die Spitze eilte. Auch Mattias Ekström blieb cool, wurde allerdings gleich dreimal in den Sog der zahlreichen Unfälle gerissen. Anders als Paffett bei Mercedes war Ekström allerdings nicht der dominierende Mann im Audi-Lager.

Dieser hätte Tom Kristensen angesichts seiner Pole Position und einer verglichen mit den Teamkollegen starken Performance werden können, allerdings bremste ihn eine unglückliche Boxenstoppstrategie. Nachdem der Däne in Oschersleben auf Pole stehend ohne technische Probleme den Motor abwürgte, musste der siebenfache Le-Mans-Sieger diesmal unverschuldet zusehen, wie die zwischenzeitlich aufgekommenen Meisterschaftschancen wieder schwinden.
Nicht nur für Tom Krisensen war der sechste DTM-Lauf in Oschersleben somit ein Crashkurs zum Thema "Emotionale Achterbahn im Motorsport".