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DTM

Die große D-Frage: Wie deutsch muss die DTM heute noch sein?

Rennen im Ausland, Hersteller aus Japan, England oder Italien: Wie deutsch ist die DTM der Zukunft noch? Oder anders: Wie deutsch muss sie überhaupt sein?
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Ach ja, die guten alten Zeiten... Damals, als die DTM/ITC auch im Ausland noch eine richtig große Nummer war. Man erinnere sich nur an die legendären Stadt-Rennen im finnischen Helsinki anno 1996. 123.000 Zuschauer saßen dicht gedrängt auf den Tribünen, ihre Mercedes-, Opel- oder Alfa-Fahnen schwenkend. Volksfeststimmung vom Feinsten.

Sie sahen Nicola Larini, der in einem roten Formel-1-Ferrari für die richtige Einstimmung kurz vor den DTM-Rennen sorgte. Sie sahen einen jubelnden Hans-Joachim Stuck, der seinen ersten Sieg im Tourenwagen nach fast fünf Jahren Durststrecke feierte. Und noch am selben Abend ordentlich einen über den Durst trank.

Oder einen Manuel Reuter, der im schwarzen Cliff Calibra eine Aufholjagd hinlegte und mit Platz zwei in beiden Rennen den Weg zum späteren Gewinn der Meisterschaft ebnete. Weil zuvor der junge Dario Franchitti mit seinem Mercedes in die Betonmauer gedonnert war beim Event, das passenderweise unter dem Namen 'Helsinki Thunder' firmierte. Es war mehr als nur ein Rennen, es war eine echte Show, ein moderner Gladiatorenkampf in der finnischen Arena.

Manuel Reuter in seinem ikonischen Cliff Calibra - Foto: Opel Motorsport

Zwangspause für die DTM

Und es war die letzte Saison der International Touringcar Championship (ITC), die aus der DTM hervorgegangen war. Das letzte Jahr der einst großen Tourenwagenserie, bevor die Hersteller endgültig in die Kostenfalle tappten und die DTM für drei Jahre eine Zwangspause einlegen musste.

Damals hießen die Stars Nannini, Larini, Tarquini. Die deutschen DTM-Fans juckte es nicht, dass diese Helden aus Italien stammten. Ob sie in der deutschen AMG Mercedes C-Klasse oder dem italienischen Alfa Romeo 155 V6 antraten. Ganz zu schweigen von den Rovers, Volvos, Mustangs der ersten DTM-Jahre.

Alfa war früher fester Bestandteil der DTM - Foto: Sutton

Die Zuschauer bekamen Tourenwagen-Action erster Klasse geboten und sahen, wie die Boliden nur so über die Kerbs flogen. Ob in Singen, Suzuka oder Sao Paulo. "Die Fans konnten den Sport leben und erleben", sagt der ehemalige Champion Manuel Reuter zu Motorsport-Magazin.com. "Davon hat sich die DTM aber mit den Jahren schleichend entfernt. Glaspaläste, Stellwände, übervolle Terminkalender der Fahrer an den Wochenenden. Die Fahrer huschen meist nur an den Fans vorbei und in die Boxen kann man auch nicht mehr reinschauen."

Ein schleichender Prozess über Jahre, der die DTM schließlich einiges an Glaubwürdigkeit kostete. Mehr Marketing-Instrument als echter Rennsport als böse Kritik, wie nicht zuletzt der Ausstieg von Mercedes nach 30 Jahren im Tourenwagensport belegt.

Mercedes-Ausstieg: Ende einer Ära: (02:34 Min.)

Wie deutsch muss die DTM eigentlich sein?

Die DTM lebt auch nach dem Ausscheiden des Autobauers aus Stuttgart weiter, aber sie lebt mit Zweifeln und Zweiflern. Vor allem mit Blick auf Rennen außerhalb Deutschlands. Denn da ist die Serie mit dem großen Namen schon lange keine so große Nummer mehr. Wie wenig Zuschauer kommen zu einem Rennen in Brands Hatch? Wie viele Urlauber finden in Misano den Weg an die Rennstrecke statt an den Strand? Seit Jahren wird jedes Auslandsrennen des Deutschen Tourenwagen Masters mit großer Skepsis beäugt.

Und das nicht ohne Grund: Auftritte von Dijon über Istanbul bis Moskau lösten nicht unbedingt Begeisterungsstürme bei den Zuschauern aus. Nicht beim dortigen Publikum und erst recht nicht bei den deutschen Fans, die 'ihre' DTM entgleiten sahen. Und mit jedem neuen Rennkalender schwingt dieselbe Frage mit: Wie deutsch ist die DTM beziehungsweise wie deutsch muss sie eigentlich sein?

Faktencheck: Zu wenige Rennen in Deutschland?

In dieser Saison gastiert die Serie fünf Mal in Deutschland sowie fünf Mal im Ausland. Viel zu wenige heimische Rennen, sagen die Kritiker. Die Fakten sagen: Mehr als maximal sechs deutsche Austragungsorte im Kalender gab es seit 2005, also seit 13 Jahren, nicht mehr.

Nur beim Comeback der DTM im Jahr 2000 wurden alle Rennen in Deutschland ausgetragen. In der Saison darauf ging es schon auf Reisen nach Österreich und in die Niederlande. Es folgten Rennen in Spa, Donington oder auf dem Adria International Raceway. Die DTM wurde wieder europäisch und die abenteuerlichen Ausflüge nach Shanghai unter Fehltritten abgebucht.

Shanghai war keine Reise wert - Foto: Sutton

"Die DTM ist in Deutschland und im benachbarten Ausland zuhause und wir brauchen keine Rennen in Südamerika oder Asien", stellte DTM-Boss Gerhard Berger bei seinem Amtsantritt vor gut eineinhalb Jahren fest. Dabei bleibt der Österreicher auch heute, wenn er in Misano die ersten Nachtrennen der DTM-Geschichte oder in Brands Hatch endlich auf dem langen Grand-Prix-Kurs fahren lässt.

Alles gute und richtige Stellschrauben, die Berger in seinem Ruf als Retter der DTM bestätigen. Auch, wenn der frühere Formel-1-Star diesen Begriff überhaupt nicht mag. Die Neuerungen gehen einher mit seiner Vision einer besseren DTM: werksunterstützte Privat-Teams und damit weniger Hersteller-Politik. Ein Rennauto wie ein Ritt auf der Kanonenkugel und Rennfahrer, die Poster in Kinderzimmern beziehungsweise Hintergrundbilder auf Smartphones zieren.

Reuter: Mit den Herstellern kamen die Maulkörbe

"Das ist die gleiche Geschichte mit Max Verstappen in Spa und Hockenheim, der die niederländischen Fans mobilisiert", sagt Reuter, der bei 200 DTM/ITC-Rennen an den Start ging. Und den Einfluss der großen Autobauer scharf kritisiert: "Früher standen die Fahrer in der DTM viel mehr im Vordergrund. Wir durften viel mehr, wir hatten kein Korsett. Jeder war ein Typ auf seine Art und Weise. Mit den Herstellern kamen dann die Maulkörbe."

Auch Berger lässt sich nicht viel vorschreiben, verfolgt konsequent seinen Weg. Auf diesem sieht er sich jedoch mit einem großen Schlagwort unserer Zeit konfrontiert. Internationalisierung. Ein Begriff, der nicht nur im Motorsport noch immer für Stirnrunzeln sorgt. Eine internationale DTM? Samt einigen Rennen im Ausland und ausländischen Herstellern wie Aston Martin, Honda, Maserati, Nissan oder Lexus, die seit Monaten als potenzielle Neueinsteiger gehandelt werden?

Die DTM zu Besuch bei der Super GT in Motegi - Foto: DTM

Berger: DTM-Wurzeln vor allem in Deutschland

Ist es dann überhaupt noch das Deutsche Tourenwagen Masters, fragen sich nicht wenige Fans. Selbst Berger kommt ins Grübeln. "Die DTM hat ihre Wurzeln in Europa, vor allem natürlich in Deutschland", sagte er zuletzt in Zandvoort. "Da stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit eine Internationalisierung gehen darf. Denn eine Internationalisierung birgt auch immer die Gefahr, dass Kosten explodieren und die eigene Identität verloren geht. Das müssen wir fein ausbalancieren."

Das 'D' im Seriennamen könne ein Hindernis bei Gesprächen mit interessierten Herstellern aus dem Ausland darstellen, räumte Berger sogar ein. Gleichzeitig sei die DTM auch eine Marke mit einem hohen Bekanntheitsgrad. Ganz ausschließen wollte er einen Namenswechsel in Zukunft jedenfalls nicht. Vor allem nach der mit langer Anlaufzeit vollzogenen Einführung des Class One Reglements zur Saison 2019 samt Turbomotor mit mehr als 600 PS.

Reuter: Es braucht viele unterschiedliche Bausteine

Dabei sollte der Name einer Rennserie doch keinesfalls über ihre Popularität entscheiden. Es gab einmal Zeiten, da genoss die DTM Bekanntheit weit über Deutschlands Grenzen hinaus, galt hinter der Formel 1 zeitweise als beste Rennserie der Welt. Fahrer wie Mika Häkkinen, Jean Alesi oder Giancarlo Fisichella waren froh, ein Cockpit zu ergattern. Dass die Basis der DTM in Deutschland war, interessierte hier nur zweitrangig.

So sollte es im Optimalfall auch gut 20 Jahre später wieder werden. "Die Frage ist nicht nur, wie deutsch die DTM sein muss", erklärt Reuter. "Es braucht ganz viele unterschiedliche Bausteine, um ein tolles Produkt zu haben. Wenn die Rennen so laufen wie beim Saisonauftakt in Hockenheim, dann funktioniert der Sport. Hingegen in Brands Hatch wieder die alte Leier: Es gibt dort kaum Überholmanöver, und das ist langweilig. Und die Freizeitgestaltung hat sich prinzipiell geändert: Wenn ich nicht das bekomme, was ich sehen möchte, dann gebe ich auch kein Geld mehr dafür aus."

Ein internationales Starterfeld gefüllt mit exotischen Rennwagen europäischer Hersteller hat die DTM einst zu dem werden lassen, wonach sich heute so viele sehnen. Die Pläne für eine Rückkehr zur guten alten Zeit mit neuen Zutaten liegen parat. Nun gilt es für alle Beteiligten, in den kommenden Jahren den Weg dorthin zu ebnen. Damit auch die Helden von heute wieder vor vollen Zuschauertribünen Rennen fahren. Ob in Helsinki oder Hockenheim.


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