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Audi weist Schuld von sich - Scheider vs. Mercedes: Wer sagt was?

Es war der Aufreger des Rennens: In der letzten Runde schob Timo Scheider nach einem Funkspruch sowohl Robert Wickens als auch Pascal Wehrlein raus.
von Sönke Brederlow

Motorsport-Magazin.com - Großer Eklat nach dem Sonntagsrennen der DTM in Spielberg. Ein Funkspruch und eine Kollision kurz vor Rennende überschatteten das Rennen in der Steiermark. Timo Scheider lieferte sich in der letzten Rennrunde ein hartes Duell gegen die Mercedes-Piloten Robert Wickens und Pascal Wehrlein. Bis ein deutlicher Funkspruch von Audi kam: "Timo, schieb ihn raus!", lautete die klare Ansage, die auch für die heimischen TV-Zuschauer deutlich zu hören war.

Ich habe keinen Funkspruch gehört
Timo Scheider

In der folgenden Kurve berührte Scheider den vor ihm fahrenden Wickens am Heck, der wiederum Pascal Wehrlein ins Aus riss. Für beide Mercedes-Piloten endete das Rennen in der letzten Runde im Kies, während Scheider auf der sechsten Position das Ziel erreichte. "Ich habe keinen Funkspruch gehört", gab sich Scheider wenige Minuten nach dem Rennende unschuldig.

Audi weist Schuld von sich

Woher der Funkspruch kam? Bei Audi konnte man diese Frage bisher offenbar nicht klären. "Ich habe mich bei der Aktion der Mercedes-Piloten geärgert und laut gebrüllt: "Jetzt schieb ihn halt raus!" Das war eine spontane Idee von mir. Vielleicht war dabei das Mikrofon vom Ernst Moser auf", versuchte Dr. Wolfgang Ullrich eine mögliche Erklärung zu finden. "Ich kann es nicht sicher erklären. Ich weiß nicht, wie der Funkspruch zum Auto gekommen ist."

Ich habe mich bei der Aktion der Mercedes-Piloten geärgert und laut gebrüllt: Jetzt schieb ihn halt raus!
Dr. Wolfgang Ullrich

Wenige Minuten später sah die Meinung Ullrichs in der offiziellen Pressekonferenz jedoch anders aus. "Es ist nur der Ingenieur, der im Rennen zum Fahrer spricht und ich kann mir nicht vorstellen, dass er das gesagt hat", erklärte Ullrich vor der versammelten Presse. "Es ist glaube ich keine Frage, dass wir am Boxenstand auch sehr emotional sind, aber es gibt - und das ist ganz klar gesagt - in so einer Situation keinerlei Ansagen zum Fahrer."

Von wem die Ansage an Timo Scheider stammt? Dr. Wolfang Ullrich war ratlos. "Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich kann Ihnen nur sagen, dass wir am Boxenstand heiß diskutiert haben über die Situation und da gab es sicherlich auch Worte wie - "mach was", aber keiner dieser Funksprüche geht zum Rennfahrer", versuchte Ullrich zu erklären.

"Ich weiß, dass wir ganz laut diskutiert haben und da sind natürlich auch laute Worte gefallen, aber sicherlich war der Funkspruch nicht von irgendwem von uns an Timo gerichtet", sagte Dr. Wolfang Ullrich im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Ich weiß, dass es immer nur der Fahrzeugingenieur ist, der zu unseren Fahrern redet. Es muss eine Stimme sein, sonst gibt es Chaos."

"Was soll ich jetzt tun? Gar nichts kann ich tun", stellte Ullrich gegenüber Motorsport-Magazin.com klar. "Wir werden uns jetzt zusammensetzen und werden schauen, was passiert ist. Aber für mich ist es ja eine Rennsituation gewesen, die durch gewisse Dinge hervorgerufen wurde und es ist was dabei rausgekommen, aber die Rennfahrer entscheiden selbst, was sie tun. Ich sage euch nur, dass der Timo sicherlich nichts, was man ihm irgendetwas ins Ohr sagt und nicht in Ordnung ist, tun würde. So würde ich es einschätzen."

Der Funkspruch kann garnicht von mir kommen, weil ich mit den Fahrern nicht direkt verbunden bin.
Dr. Wolfgang Ullrich

"Ich würde dem Timo die Möglichkeit geben, dass man sich seine Daten anschaut, weil für mich hat der Timo überhaupt nichts Böses getan", so Ullrich, der davon ausgeht, dass Scheider an derselben Stelle gebremst hat, wie in den Runden zuvor. "Und ich nehme auch an, dass die Herren davor, sich auch noch nicht einsortiert gehabt haben. So sehe ich das. Also ich sehe da keinerlei Absicht."

"Wäre das am Schluss nicht passiert, wäre das heute im Großen und Ganzen ein sehr gutes Rennen gewesen", fasste der Audi-Motorsport-Chef zusammen. "Aber auf der anderen Seite, wenn sowas passiert, müssen wir in Zukunft schauen, dass sowas nicht mehr passiert. Der Funkspruch kann gar nicht von mir kommen, weil ich mit den Fahrern nicht direkt verbunden bin."

Mercedes: Toto Wolff sauer

Wenn es diesen Funkspruch gab, soll derjenige nie wieder auf eine Rennstrecke dürfen
Toto Wolff

Auch Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff vertrat seinen Standpunkt. "Wenn es diesen Funkspruch gab, soll derjenige nie wieder auf eine Rennstrecke dürfen", war Wolff sauer. "Vorher war es hart aber fair. Aber sollte das wirklich so gewesen sein, wäre es indiskutabel und unter jeder Würde. Das tut man nicht, jemanden rausschieben. Den Gesamtführenden so rauszuschieben geht gar nicht. Da werden wir reinhalten."

"Das war enttäuschend, dass zwei unserer Autos in recht guter Position aus dem Rennen genommen wurden", war auch Ulrich Fritz enttäuscht. Der vorherige Kampf ging seiner Meinung nach hart, aber fair über die Bühne. "Was danach passiert ist, ist aus meiner Sicht nicht fair", so Fritz. "Es war klar Absicht. Wir haben alle den Funkkommentar gehört von jemandem, der Timo gesagt hat, dass er den von sich rausschießen soll. Das wollen wir in der DTM nicht sehen. Davon sind wir enttäuscht."

"Was für mich definitiv zu weit geht, ist es, wenn Funksprüche platziert werden, in denen dem Fahrer ganz klar gesagt wird, dass er den vor ihm fahrenden abdrängen oder von der Strecke schieben soll", schimpfte Fritz weiter. "Das hat für mich nicht viel mit Fairness zu tun - im Gegenteil. Da gehören aber immer zwei dazu. Selbst wenn man so eine Anweisung bekommt, muss man das noch nicht durchführen. Das hat nichts mit fairem Sport zu tun."

Das ist für mich ein grob unsportliches Verhalten und das passt für mich zu keinem Reglement.
Ulrich Fritz

"Jetzt wird die Aktion erstmal untersucht und die Stewards müssen entscheiden, wie es weitergeht", so Fritz. "Aus meiner Sicht ist es aber nicht genug, nur darüber nachzudenken, ob Timo bestraft, weil es natürlich kein Rennunfall war. Es war Absicht, auf Anweisung." Stattdessen fordert der Mercedes-Teamchef eine härtere Bestrafung. "Das ist für mich ein grob unsportliches Verhalten und das passt für mich zu keinem Reglement."

"Nachdem wir gestern die Führung in der Gesamtwertung inne hatten, ist der Abstand jetzt natürlich schon extrem angewachsen", schaute Fritz auch auf die Folgen des Scheider-Remplers. "Auch für Robert [Wickens], der aus Mercedes-Sicht Zweiter in der Meisterschaft war. Von daher ist es sehr schwierig."

Scheider befürchtet keine Strafe

"Robert und Pascal haben sich an mir vorbeigedrückt und in Kurve drei so früh gebremst, dass ich sie dabei berührt habe", versuchte Timo Scheider die Situation aus seinen Augen zu berichten. "Das war Racing unter Kampfbedingungen, aber das sollte nicht passieren. Wir können uns gerne die Daten anschauen, aber ich denke, dass ich keine Strafe zu befürchten habe."

Wir können uns gerne die Daten anschauen, aber ich denke, dass ich keine Strafe zu befürchten habe.
Timo Scheider

"Ich habe mich natürlich gleich beschissen gefühlt", sagte Scheider. "Bei so einer Situation möchtest du den Meisterschaftsführenden nicht entsorgen. Es tut mir Leid, es war mit Sicherheit keine Absicht." Um sich nichts vorwerfen zu lassen, hat Scheider direkt auf die Daten geschaut. "Die Daten haben ganz klar gezeigt, dass ich weder später noch sonst irgendwie anders gebremst habe als vorher. Von daher bin ich ganz entspannt."

"Wenn man sich den Rennverlauf anschaut und sieht, wie viele Autos da im Kies waren, dann sieht man, wie schnell das an dieser Stelle geht", erklärte der Audi-Pilot. "Wenn man meinen Bremspunkt sieht, dann weiß man, dass ich nichts anders gemacht habe als in den Runden zuvor auch." Die Schuld an der Kollision sieht Scheider sogar bei Wehrlein selbst. "Er fühlte sich sicher, weil er von Robert abgeschirmt wurde und hat daher Speed rausgenommen", so Scheider. "Das hat sich dann ein bisschen wir eine Dominoeffekt herauskristalisiert, was am Fernseher natürlich doof aussah."

Foto: DTM

Während Pascal Wehrlein sich zunächst nicht zu dem Vorfall äußern durfte, hatte Robert Wickens unmittelbar nach dem Rennen eine klare Meinung. "Ich bin getroffen worden, das war unfair", erklärte der Kanadier enttäuscht. "Ich habe einen Fehler gemacht und Timo ist an mir vorbeigefahren. Dann konnte ich wieder überholen. Ich verteidige mich natürlich in der letzten Runde, aber blockiert habe ich ihn nicht."

Wenig später äußerte sich Pascal Wehrlein auch noch. "Ich habe meinen Ingenieur gefragt wer es war, weil es offensichtlich war", verriet der Mercedes-Youngster gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Es war nicht nur ein kleiner Schubser oder kleine Berührung, sondern komplett hinten drauf gefahren und für mich war keine Chance irgendwie das Auto zu halten. Im Endeffekt musste ich dann mein Auto auch abstellen, weil ich mich gedreht habe."

"Nachdem ich die Situation jetzt im Fernsehen gesehen habe und den Funkspruch gehört habe, finde ich sehr sehr dreckig von Audi", war Wehrlein sauer. "Das war sehr unsportlich, aber es kriegt jeder seine Strafe, es kommt alles wieder zurück. Das hat auch Folgen für Titelkampf, aber das ist mir jetzt eigentlich relativ egal. Heute ist der Tag, an dem Timo Scheider seine Vorbildfunktion für unseren Sport verloren hat."

Wie geht es weiter?

Die Sportkommissare untersuchen die Situation momentan. Dafür wurden Daten gesammelt, Fernsehbilder angeschaut und die beteiligten Personen angehört. Eine Entscheidung steht allerdings noch aus. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com könnte den Audi-Piloten noch heute eine sportliche Strafe - etwa eine Zeitstrafe oder ein Ausschluss - erwarten. Bezüglich des Funkspruchs könnte Audi vor dem DMSB-Sportgericht in Frankfurt eine deutlich härtere Strafe bevorstehen.

Wir sind derzeit dabei, alle Daten zu dem Fall zusammenzufügen
Michael Kramp, DMSB

"Wir sind derzeit dabei, alle Daten zu dem Fall zusammenzufügen", erklärte DMSB-Pressesprecher Michael Kramp im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Dazu gehören technische Daten der Fahrzeuge, wie Bremsdruck, Bremspunkt, Lenkradeinschlag, Gasstellung und ähnliche Dinge." Auch die Onboard-Kameras aus den beteiligten Fahrzeugen werden im Laufe der Untersuchungen ausgewertet.

"Dazu gehört auch, dass die Fahrer natürlich befragt werden, wie ihre Meinung zu dieser Situation ist", so Kramp. "All diese Dinge will man zusammenführen." Auch der Funkspruch, der den TV-Zuschauern in der ARD deutlich zu hören war, liegt den Sportkommissaren vor. "Dann muss man aufgrund dieser Daten entscheiden, was dem Fahrer und dem Team nachweisbar ist."

"Ich will jetzt nicht über das Strafmaß spekulieren, das werden wir sicher nachher noch im Detail hören", verriet Kramp gegenüber Motorsport-Magazin.com. Von der Durchfahrtsstrafe bis zum Wertungsausschluss oder kleineren Geldstrafen, die vor Ort verhängt werden können, ist alles möglich. "Dann besteht auch noch die Möglichkeit, dass der Fall an das Sportgericht des DMSB weitergeleitet wird, was eine Verhandlung in einer paar Wochen zur Folge hätte. Dort können dann auch größere Strafen verhängt werden - bis zum Lizenzentzug für Fahrer oder Team." Das hängt aber stark davon ab, wie sich Team und Fahrer letztendlich äußern ...


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