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Formel E / Hintergrund

Drive To Survive a la Formel E: Kritik zur Saison-Doku 2021

15 YouTube-Episoden namens 'Formula E Unplugged' nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise durch die Formel-E-Saison 2021. Hält die Serie, was sie verspricht?
von Robert Seiwert
Formula E Unplugged: Folge 1 der Formel-E-Doku 2021: (15:42 Min.)

'Formula E Unplugged' ist so etwas wie das 'Drive to Survive' der Formel E. Ganz im Stile des weltweiten Netflix-Erfolgs hat die Elektro-Rennserie in dieser Woche ihre eigene Dokumentation zur abgelaufenen Saison 2021 veröffentlicht. Und das sogar kostenlos: Fans erhalten in 15 Episoden mit einer Länge von jeweils rund 15 Minuten auf dem YouTube-Kanal der Formel E einen - laut eigener Aussage - "ehrlichen und ungefilterten" Blick hinter die Kulissen.

Ganz so aufwendig wie der Netflix-Hit zur Formel 1 ist 'Formula E Unplugged' natürlich nicht produziert. Ein Abklatsch ist es allerdings auch nicht, schließlich hat die Formel E in der Vergangenheit mehrfach ähnliche Behind-The-Scenes-Formate produziert und unter Anleitung von Hollywood-Star Leonardo DiCaprio sogar einen echten Film ('And We Go Green') auf die Leinwand gebannt.

Hält das englischsprachige 'Formula E Unplugged', was es verspricht? Wie ehrlich und ungefiltert die Doku tatsächlich ist, lässt sich nur bedingt belegen. Schließlich steckt hinter dem Projekt die britische Filmfirma Aurora Media Worldwide, die gleichzeitig für die Übertragung des Weltsignals der Formel E verantwortlich zeichnet.

Wenn man bedenkt, dass die FIA-Serie eine ganze Weile während der laufenden Saison nicht einmal einen Kommunikationschef hatte, kann man sich zumindest ausmalen, wie groß die Einflussnahme letztendlich ausgefallen ist. Festhalten lässt sich, dass manche der zwölf Teams einen größeren Zugang gewehrt haben als andere, wie auch der nicht allzu fachkundige Zuschauer leicht feststellen kann. Die Formel 1 lässt grüßen...

Foto: Formula E

Kein Spoiler-Alarm

Ohne zu viel verraten zu wollen: Ein Großteil der 15 Episoden von 'Formula E Unplugged' - eine pro Saisonrennen - ist sowohl für bekennende Fans als auch solche, die es noch werden wollen, absolut sehenswert. Kein Spoiler-Alarm: Jede Folge, in der die Fahrer von DS Techeetah (Jean-Eric Vergne und Antonio Felix da Costa) und Jaguar (Sam Bird und Mitch Evans) näher beleuchtet werden, ist ein Highlight!

Gerade die beiden Ex-Champions Vergne und Felix da Costa bieten erwartungsgemäß beste Unterhaltung mit coolen Sprüchen (Vergne: "Ich mag keinen Bullshit", Felix da Costa: "Wenn du einen kleinen Knochen hinwirfst, dann kämpfen die Löwen") und einer unnachahmlichen Rivalität - sowohl auf als auch neben der Strecke. Dass selbst die Teamverantwortlichen in Interviews keinen großen Hehl aus der manchmal höchst angespannten Lage machen, ist tatsächlich ehrlich und ungefiltert.

Bei Jaguar fliegen Fetzen und Lenkräder

Auch beim Jaguar-Werksteam, wo es stets etwas britisch zurückhaltender zugeht, erhalten selbst Hardcore-Fans ganz neue Einblicke. Die Anspannung in der Box, als Mitch Evans nach einem vorzeitigen Ausfall sein Lenkrad aus dem Cockpit schleudert und wutentbrannt in seinen Fahrerraum stapft, während sich sämtliche Teammitglieder wegducken, ist am Bildschirm förmlich zu spüren. Und auch bei Teamkollege Sam Bird ist die Kamera voll drauf, wenn er mit dickem Hals seine Rennfahrer-Utensilien quer durch die Garage feuert.

Gleichzeitig entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik, wenn parallel zu den Rennbildern die Reaktionen der jeweiligen Ingenieure gezeigt werden. So zertrümmert eine Jaguar-Ingenieurin vor Freude ihre PC-Maus, während das besondere Zusammenspiel von Weltmeister Nyck de Vries und seinem Renningenieur Albert Lau (De Vries: "Wir sind das Team der kleinen Männer") selbst für Zuschauer spannend sein muss, die mit der Formel E an sich nicht so viel anfangen können. Diesen im Motorsport so immens wichtigen und oftmals viel zu wenig gezeigten Direktaustausch zwischen Fahrer und Ingenieur hätte man sich noch häufiger gewünscht.

Keine Chance für Helden

Überhaupt hätte man sich einen noch größeren Fokus auf die Menschen unter den Helmen und hinter den Masken gewünscht. Denn leider waren die Rennen und ihre Ausgänge über weite Strecken in der Saison 2021 austauschbar. Geschuldet vor allem dem Qualifying-Format, das weder Helden noch einen im Sport unheimlich wichtigen Spannungsbogen im Meisterschaftskampf zuließ. Vor dem Saisonfinale hatten noch 18 Fahrer Titelchancen...

Prägende Szenen wie der wahnsinnige Überschlag-Unfall von Alex Lynn in Saudi-Arabien - mit zuvor nicht bekannten Funksprüchen -, das Überhol-Festival in Monaco oder das Ausfall-Fiasko beim Berlin-Finale dürfen aber natürlich nicht fehlen. Wobei die Energie-Farce von Valencia in der Rückschau ähnlich schlecht beleuchtet und aufgearbeitet wird wie zum Zeitpunkt des Rennens selbst.

Formel-E-Boss poltert gegen FIA

Auch beim Rennwochenende im mexikanischen Puebla, wo Pascal Wehrlein zuerst nachträglich den ersten Porsche-Sieg und einen Tag später im Nachgang ein weiteres Podium verliert, hätte man gern noch etwas mehr 'Mäuschen gespielt'. Dafür springt Formel-E-Boss Alejandro Agag höchstpersönlich in die Bresche, als er im Anschluss vor laufender Doku-Kamera im Gespräch mit FIA-Verantwortlichen austickt. Ob der heißblütige Geschäftsmann aus Spanien wusste, dass er in diesem Moment gefilmt wird?

Weitere Highlights von 'Formula E Unplugged': Susie Wolff wird im Venturi-Hauptquartier emotional, als sie von teilweise heftigen Journalisten-Fragen berichtet, die ihr kurz nach dem Antritt als Teamchefin gestellt wurden. Und natürlich darf auch Allan McNish, Teamchef von Aussteiger Audi, mit seinem kuriosen Protest-Lauf zu den Stewards in London nicht fehlen. Kaum eine Szene eignet sich besser, um die pure Hektik hinter den Kulissen während eines Autorennens zu verdeutlichen!

'Formula E Unplugged' ist eine durchaus kurzweilige Angelegenheit auch für Motorsport-Fans, die wissen wollen, was wirklich so alles an einem Renntag abgeht. Begeisterung oder Abneigung gegenüber der Formel E selbst spielt dabei gar keine so entscheidende Rolle. Und der fast ausschließliche Verzicht auf nerviges PR-Gewäsch - Vorlagen gäbe es genug - lädt zum Binge-Watching in bester Serien-Manier ein.


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