Vor genau hundert Jahren, am 26. und 27. Juni 1906, fand in Le Mans der erste Grand Prix der Motorsport-Geschichte statt. Das erste jemals gefahrene respektive als solches registrierte Autorennen fand bereits zwölf Jahre zuvor, im Jahr 1894 statt. Doch die Veranstaltung im Juni 1906 war die erste, welche unter dem Titel "Grand Prix" abgehalten wurde - die Bezeichnung hielt sich bis heute, doch die Parameter des vom französischen Automobilklub veranstalteten Debüt-GP haben mit den heutigen so gut wie nichts mehr gemein.
Denn der erste Grand Prix der Geschichte war, verglichen mit den heutigen Renndistanzen, eine Mammutveranstaltung. Die Strecke - das war ein 103,2 Kilometer langer Rundkurs, ein "Straßenkurs", wobei ein Teil der Straßen noch keinen glatten Asphaltbelag aufwies, sondern losen Untergrund. Pro Tag wurden sechs Runden abgespult, die Fahrer saßen mehr als zwölf Stunden pro Renntag in ihren Boliden. Der Kurs, östlich von Le Mans, glich von oben betrachtet einem Dreieck, mit drei engen Haarnadelkurven und der langen Boulaire-Geraden. Weil es 1903 bei dem Rennen Paris-Madrid bereits Unfälle mit toten Zuschauern gab, wurden dort, wo die Rennstrecke durch Dörfer führte, entsprechende Palisaden errichtet. Die größeren Städte wie St. Calais oder Vibraye wurden umfahren. Der französische Klub spendete rund 65.000 Dollar, um einen großen Teil der Strecke zu teeren und Zäune am Streckenrand zu errichten.
Mechaniker am Nebensitz
Die Boliden - rein optisch könnte man sie grob als "Traktoren" oder "Kutschen mit Motor" bezeichnen. Riesengroße Lenkräder, dünne Reifen, kein Schalensitz, sondern eine Sitzbank aus Holz - auf der saßen der Fahrer und dessen Mechaniker (!). Nur diese beiden durften das Auto berühren. Die Autos durften nicht weniger als 1007 Kilogramm wiegen. Alle Teilnehmer traten mit einem Vierzylindermotor an, der Antrieb war eine Mischung aus Wellen- und Kettenantrieb, angetrieben wurden die Hinterräder. Die meisten Maschinen wiesen einen Hubraum von 12 Litern, der Motor von Panhard sogar satte 18 Liter auf. Der Gregoire war mit 7,4 Litern der kleinste Motor. Renault fuhr mit 13 Litern Hubraum, der Motor drehte 1.200 U/min und leistete nicht mehr als 90 PS. Als Höchstgeschwindigkeit wurden bei Renault damals 148 km/h gemessen.
Eine Sensation war damals ein neuer Reifen von Michelin. Denn ein Reifenschaden bedeutete in diesen Zeiten, dass man rund 15 Minuten mit dem Wechseln eines Pneus beschäftigt war - der Reifen musste von der Felge geschnitten und ein neuer montiert werden. Michelin sorgte für Aufsehen - mit einem fertigen Ersatzreifen, Felge inklusive, der die Wechselzeit auf damals unglaubliche zwei bis vier Minuten verkürzte.

Michelin und Renault - das Gespann feiert dieser Tage ebenfalls ein 100jähriges Jubiläum - denn die Franzosen konnten den ersten Grand Prix der Geschichte gewinnen. Hinter dem Lenkrad saß ein Ungar: Ferenc Szisz. Die 32 Teilnehmer - 25 französische, sechs italienische und drei deutsche Nennungen - starteten in 90 Minuten-Abständen - der erste Grand Prix war also auch nicht wirklich mit Überholmanövern gesegnet.
Zunächst übernahm Paul Baras in einem Basier die Führung, doch nach drei Runden setzte sich bereits Ferenc Szisz an die Spitze. Gleich in der ersten Runde gab es vier Ausfälle zu verzeichnen. Am Ende des ersten Tages führte Szisz mit 6:11 Stunden Fahrzeit, der Ungar war um 15 Minuten früher ins Ziel gekommen als der Zweitplatzierte. Der Letzte, der es am ersten Tag ins Ziel schaffte, Henri Rougier auf Rang 17, lag 2,5 Stunden zurück.
Parc Fermé und Pferde
Über Nacht wurden die Autos im Parc Fermé eingesperrt - wie heute war auch damals jede Arbeit an den Boliden verboten. Am nächsten Tag wurden die Autos von speziell abgerichteten Pferden an die Startlinie gezogen. Nach dem Führenden Szisz wurden die restlichen Bewerber exakt nach ihrem Abstand vom Vortag auf die Strecke geschickt.
Am Ende gewann Renault-Pilot Ferenc Szisz mit einer Zeit von 12:14.7 Stunden und einem erstaunlichen Schnitt von 101,17 Kilometern pro Stunde. Mit einem Rückstand von rund einer halben Stunde belegte Felice Nazzaro in einem FIAT den zweiten Platz, dahinter Albert Clément in einem Clément Bayard. Nur elf Fahrer sahen die Zielflagge.
Nach diesem ersten GP in Le Mans mussten die Fans einige Jahre warten, ehe dort wieder ein GP abgehalten wurde. Später wurde nur dreimal ein Grand Prix in Le Mans abgehalten: 1921 und 1929 auf einem Kurs, der in etwa dem heutigen 24 Stunden-Circuit entspricht, sowie 1963 auf der kurzen Version namens Bugatti. Bemerkenswert: Beim ersten Grand Prix siegte ein Renault vor einem FIAT - zuletzt waren es abermals Renault und Ferrari/FIAT, welche die ersten beiden Plätze belegten. Dazwischen lag ein ganzes Jahrhundert.

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