Die Formel 1 steckt im Fußballfieber - zwar fahren die 22 Piloten noch nicht hupend und grölend über die Rennstrecke, doch konzentrierte sich das gesamte Fahrerlager seit dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft nur auf zwei Dinge: Die Trainings und Rennen so schnell wie möglich zu beenden und danach die Fußball-Spiele anzuschauen. In Montreal war dies nicht anders - bis zum Samstagabend. Dann kamen Gerüchte über illegale BMW Sauber-Heckflügel, Proteste seitens Honda und noch jede Menge andere schräge Dinge auf...

1. - S wie Startaufstellung

Die Startaufstellung hat aber auch ohne die Flexi-Wing-Saga viele Überraschungen zu bieten - eine davon ist BMW Sauber, allerdings im negativen Sinne. Die Hinwiler kamen nicht wie erwartet unter die Top-Teams, sondern scheiterten mit beiden Autos an den Top10.

Viel besser machte es Jarno Trulli. Der Italiener war richtig gehend überrascht, wie gut es für den bisherigen Pechvogel des Jahres lief. "Meine Reifenwahl war sehr konservativ, deshalb war ich wirklich überrascht so weit oben zu stehen", staunte Jarno über Startplatz 4.

Renault gibt auch in Montreal den Ton an., Foto: Sutton
Renault gibt auch in Montreal den Ton an., Foto: Sutton

Ebenso überrascht war Kimi Räikkönen, der neben dem Italiener von Rang 3 starten wird. "Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir mussten einige kleinere Veränderungen für das Rennen vornehmen, die nicht so gut waren und das Auto mehr zum Rutschen brachten." Aus diesem Grund war auch Kimi "überrascht" so gut abgeschnitten zu haben. "Das Auto hat sich nicht schön fahren lassen."

Gleiches galt für Nico Rosberg - er war jedoch nicht überrascht, sondern enttäuscht "nur" 6. geworden zu sein. Am liebsten hätte er die vier Zehntel, die ihm auf Jarno Trulli und Michael Schumacher fehlten, auch noch weggeraspelt. Ganz vorne blieb alles beim Alten: Fernando Alonso und Giancarlo Fisichella bestätigten die Überlegenheit von Renault mit einer klaren Doppelpole.

2. - S wie Start

Angesichts der Raketenstarts der Gelb-Blauen sollte an der Spitze nichts anbrennen. Nichtsdestotrotz hat es sich Norbert Haug zum Ziel gesetzt mindestens einen der Renault "zu knacken". Die Starts der Chrompfeile verliefen zuletzt "gut" genug, um dieses Unternehmen zu wagen.

Für Jarno Trulli wird es hingegen schwierig seine Position zu halten. "Der Start wird schwierig, da die erste Kurve so eng ist", prophezeite er. "Außerdem hatten wir bei den letzten Rennen ziemliche Probleme mit den Starts." Jetzt wird sich zeigen, was die Testfahrten auf diesem Gebiet gebracht haben.

Für die beiden BMW Sauber geht es ebenfalls eng zu: "Wir starten mitten im Gewühl und müssen darin durch die erste Kurve", klagte Jacques Villeneuve. "Wenn das Rennen erstmal richtig im Gange ist, werden wir gut sein. Wir müssen uns nur in der ersten Ecke aus allem Ärger raushalten."

3. - S wie Setup

Wenige schnelle Kurven, lange Geraden, entsprechend anspruchsvolle Bremszonen mit vier Verzögerungen aus über 300 km/h pro Runde - der Circuit Gilles Villeneuve erfordert ein Auto, das dem Fahrer Vertrauen zum Spätbremsen und frühen Beschleunigen vermittelt.

Da der Kurs mehrere lange Geraden, aber kaum schelle Kurven aufweist, nutzen die Teams eine aerodynamische Abstimmung mit wenig Downforce. Ziel ist es, auf den Geraden wettbewerbsfähige Höchstgeschwindigkeiten zu erzielen. Die Minderung des Luftwiderstandes erzielen die Techniker durch speziell für diese Strecken konstruierte Flügel. Nur zu flexibel dürfen diese nicht sein...

Kimi peilt das Podium an., Foto: Sutton
Kimi peilt das Podium an., Foto: Sutton

Wegen des geringen Abtriebs fühlt sich das Auto leicht und nervös an. Die Piloten sind gefordert, sanfter mit Gas und Bremse umzugehen und gefühlvoller einzulenken. Um die Stabilität beim Bremsen zu steigern und ein gefährliches Blockieren der Hinterräder bei den harten Bremsmanövern zu vermeiden, wird das Aufhängungs-Setup angepasst. Eine steife Vorderachse ermöglicht präzise Richtungswechsel in den Schikanen. Die weichere Hinterachse verbessert die Stabilität beim Bremsen ebenso wie die Traktion beim Herausbeschleunigen.

Wenn die Techniker davon sprechen, dass die Bremsen in Montreal hart gefordert werden, meinen sie nicht nur das Überhitzen. Die Bremskühlung stellt wegen der langen Geraden nur ein geringes Problem dar. Großes Augenmerk gilt stattdessen dem Verschleiß der Bremsscheiben und -beläge, da sie erhebliche Energiemengen abbauen müssen. Der Bremsverschleiß wird in Echtzeit gemessen und überwacht. Je nach Ergebnissen dieses Monitorings empfehlen die Ingenieure den Fahrern, die Bremsbalance im Rennen weiter nach vorn oder hinten zu verstellen.

Der Reifenverschleiß spielt in Montreal keine besondere Rolle, da die Fahrbahnoberfläche nicht besonders abrasiv ist. Die hohen Anforderungen an die Traktion bringen es jedoch mit sich, dass die Hinterreifen stärker beansprucht werden als die vorderen. Bei heißer Witterung könnte daher Blasenbildung auftreten.

Das immer wiederkehrende Wechselspiel von hartem Bremsen und kräftigem Beschleunigen ist ein signifikantes Merkmal des Circuit Gilles Villeneuve. Die Motoren werden daher im Stop-and-Go-Rhythmus gefordert. Daraus ergibt sich ein Rundenanteil von 66 Prozent bei voll geöffneten Drosselklappen. In Verbindung mit den langen Vollgas-Geraden gehört Montreal zu den anspruchsvollsten Strecken für die Motoren. Neben der Spitzenleistung ist ein gutes Drehmoment zum Herausbeschleunigen aus langsamen Ecken gefragt.

Die Übersetzungsverhältnisse und besonders die Übersetzung des siebten Gangs müssen sehr akribisch vorgenommen werden. Dabei berücksichtigen die Ingenieure nicht nur die Auswirkungen eventueller Windschattenfahrten auf den langen Geraden, sondern auch die Windrichtung. Vor allem auf der Gegengeraden kann der Wind die Geschwindigkeiten spürbar erhöhen oder senken. Auf die Strecke gewehtes Gras und Blätter können die Kühlung in Kanada ernsthaft beeinträchtigen. Die Teams beobachtet die Motortemperatur ständig und reinigt die Kühler in den Seitenkästen bei jedem Boxenstopp

4. - S wie Strategie

70 Runden erwarten die Fahrer und ihre Arbeitsgeräte auf der Ile de Notre Dame. Die Strategien werden aber wie üblich größtenteils ähnlich sein - aber schon einige wenige Runden können bekanntlich den Unterschied ausmachen.

Ralf konnte nicht mit Jarno mithalten., Foto: Sutton
Ralf konnte nicht mit Jarno mithalten., Foto: Sutton

Bei Renault hofft man darauf, dass man wie in Silverstone die Pole nicht auf Kosten eines frühen Boxenstopps einfahren musste, sondern besonders lange draußen bleiben kann. "Wir sind mit unserem Qualifying-Ergebnis sehr zufrieden", sagte Motorenmann Denis Chevrier, "insbesondere angesichts dessen, dass wir dafür unsere Rennstrategien nicht anpassen mussten." Es sollte uns also nicht überraschen, wenn Fernando und Giancarlo im Rennen erneut als letzte zum Tanken kommen.

An der Reifenfront schwören beide Hersteller gute Reifen für die Long Runs zu besitzen. Bislang erweckte das Kräfteverhältnis aber den Eindruck, dass die Franzosen klar die Oberhand haben. Norbert Haug glaubt dies übrigens nicht: "Bridgestone wird im Rennen stark sein - das waren sie hier schon immer."

5. - S wie Sonntagswetter

Mit den Reifen hängt das Wetter zusammen: Die Vorhersage der Team-Wetterfrösche ist eindeutig - alle erwarten "warme" bis "heiße" Temperaturen. Nick Shorrock von Michelin sagt: "Unsere Reifen sollten den Bedingungen, die wir erwarten, liegen - das Wetter sollte ähnlich wie heute sein, vielleicht ein, zwei Grad wärmer." Sein Bridgestone-Kollege Hisao Suguma stimmt zu: "Wir erwarten heiße Temperaturen, die den Reifen hart zusetzen werden."

Trotz einer "geringen" Regenchance, erwartet auch Toyota-Chassischef Pascal Vasselon einen "heißen Tag" - also Bedingungen die Toyota "liegen" sollten. Wie schnell Temperaturen alles durcheinander bringen können, erlebte BMW Sauber am Samstag. Jacques Villeneuve klagte, dass die höheren Temperaturen die Balance des Autos total verändert hätten. Mario Theissen wollte das nicht ganz glauben. "Fünf oder sechs Grad höhere Temperaturen haben keinen so großen Einfluss auf die Performance, wie wir es heute gesehen haben." In Zahlen ausgedrückt erwarten uns am Renntag Temperaturen zwischen 15 und 26 Grad sowie ein Regenrisiko von 10%.

6. - S wie Speed

Die Abstandhalter in den Heckflügeln haben am Top-Speed-Kräfteverhältnis nichts verändert: Ferrari ist auch weiterhin klar schneller als die Konkurrenz. Im Qualifying lagen Michael Schumacher und Felipe Massa gleichauf an der Spitze der Speed-Tabelle.

Für die Roten ist dies eine der letzten Hoffnungen für das Rennen. "Wir hatten einen ordentlichen Speed auf der Geraden und Michael kann bestimmt den ein oder anderen überholen", prophezeite Ross Brawn. Darauf setzt auch der siebenfache Weltmeister. "Es gibt Hoffnung, dass wir morgen gewisse Leute überholen könnten, aber dazu muss man trotzdem schneller sein als sie."

Im Gegensatz zu vielen anderen modernen Rennstrecken sind in Kanada Überholmanöver möglich. "Die Strecke ist gut fürs Racing und Überholmanöver", betonte Ralf Schumacher. "Da hier Überholen möglich ist, werden wir versuchen weiter nach vorne zu gelangen", stimmte Felipe Massa zu. Die größe Überraschung der Top-Speed-Tabelle ist die zweite Scuderia: Beide Toro Rosso-Piloten kamen mit ihren limitierten V10 unter die Top10 - da soll sich Tonio Liuzzi noch einmal darüber beschweren, dass er auf den langen Geraden zu wenig Power habe...

Platz Fahrer Top-Speed
1. Felipe Massa / Ferrari 320,6
2. Michael Schumacher / Ferrari 320,6
3. Scott Speed / Cosworth V10 316,8
4. Jacques Villeneuve / BMW 315,2
5. Giancarlo Fisichella / Renault 315,2
6. Kimi Räikkönen / Mercedes 314,3
7. Rubens Barrichello / Honda 314,0
8. Tonio Liuzzi / Cosworth V10 313,5
9. Mark Webber / Cosworth 313,5
10. Nico Rosberg / Cosworth 313,5
11. Fernando Alonso / Renault 313,3
12. Jenson Button / Honda 313,3
13. Nick Heidfeld / BMW 312,7
14. Jarno Trulli / Toyota 312,3
15. Juan Pablo Montoya / Mercedes 310,6
16. David Coulthard / Ferrari 310,1
17. Ralf Schumacher / Toyota 309,9
18. Tiago Monteiro / Toyota 309,4
19. Christian Klien / Ferrari 279,0
20. Christijan Albers / Toyota 309,2
21. Takuma Sato / Honda 305,6
22. Franck Montagny / Honda 304,9

7. - S wie Spannung

Fernando Alonso und Renault scheinen die Formel 1 dieser Tage beinahe nach Belieben zu dominieren. Kann man da noch von Spannung sprechen? Der Spanier meint ja - und erst recht sein Teamkollege.

Der hat sich zwingend einen Podestplatz vorgenommen - am liebsten den in der Mitte. "Ich liege in der Fahrer-WM nur einen Punkt hinter Platz drei und möchte Kanada um eine Position besser verlassen", kündigte Fisichella an. "Also muss ich zumindest Räikkönen hinter mir lassen."

Der Pole-Mann weiß um die Stärken seines Teampartners. "Fisi ist auf dieser Strecke immer sehr schnell, das hat er zuletzt 2005 gezeigt", so Alonso. "Die andere Bedrohung sehe ich in Räikkönen, der hier auch von Beginn an sehr stark wirkt."

Der 5. Platz seines Titelrivalen Michael Schumacher verursacht bei Alonso noch keine Freudensprünge. "Warten wir erst mal ab", stapelt er tief. "Es wird im Rennen noch heißer werden, und wir haben in diesem Jahr schon gesehen, dass sich bei geänderten Streckentemperaturen die Kräfteverhältnisse umkehren können." Zumeist allerdings gegen Ferrari und zugunsten von Renault und Alonso.

Trotzdem hat der ratlose und enttäuschte Michael Schumacher noch nicht aufgegeben. "Vom fünften Startplatz aus ins Rennen zu gehen, ist natürlich nicht ideal, aber wir werden mit Sicherheit nicht aufgeben. Das Rennen dauert 70 Runden, da kann allerhand passieren. Ich werde auf jeden Fall kämpfen."