Wenn der Formel 1-Tross auf dem Circuit de Catalunya Station macht, kehren die Teams quasi nach hause zurück. Zwar ist keines von ihnen in Spanien oder gar Barcelona beheimatet, aber durch die ausgiebigen Wintertests kennen alle Rennställe den Paradetestkurs der F1-Welt wie die berühmt-berüchtigte Westentasche.

Dennoch: Die profunde Streckenkenntnis hilft den Teams auf dem anspruchsvollen Kurs nur bedingt. Die enormen Temperaturschwankungen zwischen den einzelnen Tageszeiten, der stets wehende böige Wind sowie der allgegenwärtige Sand, können die Streckenverhältnisse in Sekundenschnelle verändern. Dadurch wird nicht nur der Grip beeinflusst. Es sorgt auch dafür, dass alle mühsam zusammengetragenen Testergebnisse des Winters beim Grand Prix keinerlei Bedeutung mehr besitzen können.

Aerodynamisch der Hammer

Ein Blick auf die Heimat der F1-Testfahrer., Foto: Circuit de Catalunya
Ein Blick auf die Heimat der F1-Testfahrer., Foto: Circuit de Catalunya

Die einzigartige Charakteristik mit einer Vielzahl extrem lang gezogener schneller Kurven stellt die höchsten Anforderungen aller Grand Prix-Kurse an die Aerodynamik. Und da Abtrieb und aerodynamische Effizienz in der heutigen Formel 1 als entscheidende Erfolgsfaktoren gelten, wird auch klar, warum dieser Kurs die beliebteste Teststrecke ist. Was ein Auto taugt, deckt diese Piste gnadenlos auf.

Trotzdem erntet der Kurs nicht nur positive Kritiken. Die Start- und Zielgerade mag zwar die längste Gerade des F1-Kalenders sein, aber Überholmanöver sind auf dem schwierigen Kurs dennoch Mangelware. Dies führt zu alljährlichen Prozessionsfahrten ohne aktive Positionswechsel. Dabei haben es insbesondere die lang gezogenen Kurven des Kurses mit ihren extrem hohen Fliehkräften sowie Geschwindigkeiten in sich. In La Caixa oder Renault kann dies leicht zu Flüchtigkeitsfehlern führen.

Neben typischen Passagen wie die Abfolge der endlosen Rechtsbögen Renault und Repsol besitzt der Circuit de Catalunya zwischen Montmeló und Granollers auch zwei lange Geraden. Die anspruchsvolle Streckenführung führt zu ungewöhnlichen Setup-Kompromissen: Da vor beiden Geraden jeweils eine schnelle Kurve liegt, setzen die Teams auf eine Aerodynamik-Konfiguration mit hohem Abtrieb.

Die Zielgerade ist die längste des Kalenders., Foto: Sutton
Die Zielgerade ist die längste des Kalenders., Foto: Sutton

Die Strafe einer geringeren Höchstgeschwindigkeit nehmen sie dabei gern in Kauf, wenn das Auto dafür optimal in den schnellen Ecken liegt und aus ihnen heraus beschleunigt. Leider ist diese Charakteristik für die Überholfeindlichkeit verantwortlich. Da in den schnellen Kurven niemand nah genug an seinen Vordermann herankommt, um ein erfolgsversprechendes Manöver einzuleiten.

Die Straßenlage der Autos - so eine Erkenntnis aus den zahllosen Testfahrten - hat sich durch die Neuasphaltierung im Winter 2005 verbessert. Mit dem neuen Belag verschwand unter anderem eine große Bodenwelle auf der Zielgeraden sowie das wellige Profil von Turn 10. An der Herausforderung durch die lang gezogenen Kurven hat sich dagegen nichts geändert. Die Reifenenergie - vereinfacht gesagt die Arbeit, die ein Pneu leisten muss - liegt nach wie vor äußerst hoch. Dies verstärkt den Verschleiß speziell der vorderen Pneus. Da es sich überwiegend um Rechtskurven handelt, wird vornehmlich der linke Vorderreifen ausnehmend stark belastet.

Die Streckengeschichte

Jody Scheckter in den Straßen von Barcelona., Foto: Sutton
Jody Scheckter in den Straßen von Barcelona., Foto: Sutton

Schon 1908 fand das erste Autorennen bei Barcelona statt - die "Copa Catalunya", ein Straßenrennen über 27,885 Kilometer. Neben dem Circuit de Catalunya wurde der Spanien GP noch auf vier anderen Strecken ausgetragen: Jarama (9), Jerez (5), Montjuic (4) und Pedralbes (2) waren ebenfalls schon Austragungsorte. Der erste Grand Prix von Spanien wurde am 28. Oktober 1951 in Pedralbes von Juan Manuel Fangio auf Alfa Romeo 59 gewonnen. Das erste Rennen auf dem Circuit de Catalunya gewann am 29. September 1991 auf nasser Strecke Nigel Mansell im Williams-Renault.

Regelmäßig wird das Rennen erst seit 1969 ausgetragen. Bis 1975 wechselten sich die Rundstrecke von Jarama und der Stadtkurs von Barcelona ab. In dem Rennen, das Jochen Mass mit dem McLaren-Ford gewann, kam es auf dem späteren Olympiaberg Montjuïc zu einem Unfall mit dem Wagen von Rolf Stommelen, bei dem fünf Zuschauer ums Leben kamen. Bis zur Pause von 1981 bis 1986 blieb Jarama Austragungsort, anschließend fand das Rennen bis 1990 in Jerez statt. Dann wurde der Circuit de Catalunya eingeweiht, der spanische Grand Prix hatte endlich eine adäquate Heimat gefunden.