Am Ende der Saison 2004 stand Ferrari ganz oben. Die Scuderia konnte auf sechs Konstrukteurs- und fünf Fahrerweltmeistertitel in Folge zurück- und auf die gesamte Konkurrenz herabblicken. Doch wer so hoch über allen anderen thront, der läuft immer Gefahr tief zu stürzen. Und genau das passierte mit den Italienern im Jahr 2005.

Zwar fielen sie nicht von ganz oben nach ganz unten, doch rieben sich die Tifosi mehr als nur verwundert die Augen, als ihre roten Renner nur ein einziges Mal ganz oben auf dem Siegerpodest anzutreffen waren und das ausgerechnet bei einem "Rennen", an dem nur sechs Fahrzeuge teilgenommen hatten.

Die Gründe für den Einbruch waren mannigfaltig. Aber für Ferrari stand ohnehin schon immer fest, dass die schier unglaubliche Siegesserie eines Tages reißen musste. Dass dies ausgerechnet so drastisch geschehen musste, konnten Jean Todt & Co jedoch nicht ahnen. Für 2006 hat die Scuderia nun nur ein großes rotes Ziel: Wiedergutmachung.

Geht es auf- oder abwärts?, Foto: Sutton
Geht es auf- oder abwärts?, Foto: Sutton

Das Team Genau wie im Vorjahr hat sich an der internen Ausgangssituation kaum etwas verändert: Ferrari setzt weiterhin auf Kontinuität und Stabilität. Mit Nicholas Tombazis kehrt sogar ein verlorener Sohn von McLaren zu den Italienern zurück. Zudem verlängerte Rory Byrne seinen Vertrag als Technischer Berater, was ein erster Schritt in eine gemeinsame Zukunft der Ferrari-Führungsetage sein könnte.

Trotz des allgemeinen Friedens schwelen in Maranello drei miteinander verwandte Brandherde: So lange Michael Schumacher und Jean Todt ihre Verträge nicht verlängert oder ihre Zukunftspläne offen gelegt haben und die Personalie Valentino Rossi nicht geklärt ist, werden die Journalisten immer wieder Unruhe ins Team hineintragen. Mit einer baldigen Lösung dieser Situation ist jedoch nicht zu rechnen.

Die Tests So viele verschiedene Fahrzeug-Motor-Kombinationen wie Ferrari in diesem Winter zum Einsatz brachte, setzte kein anderes Team ein. Während Super Aguri für seinen vier Jahre alten Arrows-Boliden belächelt wurde, griff auch Ferrari in die Trickkiste oder besser gesagt in sein Fahrzeugmuseum: Neben dem neuen 248 F1 kamen im Laufe der Wintertests zwischen November 2005 und Februar 2006 ein F2005, ein F2004M und ein F2004 zum Einsatz. Ab dem Jahreswechsel testete die Scuderia sogar nur noch entweder mit dem neuen Auto oder mit dem zwei Jahre alten F2004 mit der alten Aerodynamik. Um das Verwirrspiel komplett zu machen, wurden der F2005 und die zwei Varianten des F2004 sowohl mit einem V8 als auch einem V10 sowie einem gedrosselten V10 befeuert. Was der ganze Aufwand den Italienern gebracht hat? Die Experten und Konkurrenten wissen es nicht...

Launch einmal anders: Da stand er plötzlich; der 248 F1., Foto: Sutton
Launch einmal anders: Da stand er plötzlich; der 248 F1., Foto: Sutton

Das Auto Früher als in den letzten Jahren schickte Ferrari seinen neuen Boliden auf die Strecke. Nach der enttäuschenden Saison 2005 war ihnen aber nicht nach einem großen Launch-Event: Stattdessen stellte man den traditionell 248 F1 benannten Wagen im Rahmen des ersten großen Tests in Mugello vor. Als der ganz große Wurf entpuppte sich der neue rote Renner bislang noch nicht. Abgesehen von der erneuten Kritik an den Bridgestone-Reifen scheint vor allem die Standfestigkeit noch Probleme zu bereiten. Aber auch der Speed war bei den wenigen gemeinsamen Tests nur manchmal berauschend. Meistens führte eines der alten Autos die Zeitenliste an - dann aber mit einem riesigen Vorsprung. Zum Ende der Wintertests machte sich Ferrari rar und testete fast nur noch im Alleingang. Die einzige Ausnahme bildete der Test am Ort des Auftaktrennens in Bahrain.

Der Motor Der neue Ferrari-Achtzylinder sorgte weniger im Heck der vielen Ferrari-Boliden, in denen er zum Einsatz kam, für Schlagzeilen, sondern vielmehr beim Kundenteams Red Bull Racing. Dort sollen die Italiener zunächst falsche Daten angeliefert haben, was in Kombination mit einem viel zu optimistischen Design der Kühleinlässe in den Seitenkästen zu Überhitzungsproblemen führte. Während Christian Klien davon ausgeht, dass Ferrari die gleichen Probleme hat, sehen die Italiener der Saison zuversichtlich entgegen.

Die Fahrer Das Fahrer-Quartett der Scuderia wurde für diese Saison auf genau einer Position verändert: Anstelle von Rubens Barrichello übernimmt dessen Landsmann Felipe Massa das zweite Stammcockpit an der Seite von Michael Schumacher. Als zuverlässige Testfahrer verrichten Marc Gené und Luca Badoer ihren Dienst.

So viele verschiedene Autos wie Ferrari setzte niemand sonst ein., Foto: Sutton
So viele verschiedene Autos wie Ferrari setzte niemand sonst ein., Foto: Sutton

Trotz der erfahrenen Tester ließ es sich Michael Schumacher nicht nehmen, noch vor dem Jahreswechsel sein Testcomeback zu feiern. Und auch im neuen Jahr fuhr der Deutsche so viele Tests wie schon lange nicht mehr. Allein daraus wird klar: Der Ex-Champion ist motivierter denn je - und er möchte es noch einmal wissen! Für ihn zählt nur eines: Sein achter Titelgewinn und die Zurückeroberung der Konstrukteurskrone.

An seinen diesbezüglichen Fähigkeiten zweifelt in der weiten F1-Welt wohl kaum jemand. Deshalb hängt der Erfolg seiner Titeljagd vor allem von seinem Arbeitsgerät ab. Das gilt gleichermaßen für den 248 F1 als auch die japanischen Reifen, die bislang noch keine Bäume ausreißen konnten.

Gefahr aus den eigenen Reihen droht Schumacher wie üblich nicht. Felipe Massa mag zwar ein schneller Pilot sein, doch um bei Ferrari Michael Schumacher regelmäßig zu schlagen, bräuchte er ein kleines Wunder und wahrscheinlich einen anderen Vertrag.

Dennoch wird es interessant sein zu sehen, wie nah der Ex-Ferrari-Tester am Deutschen dran ist respektive wie große sein Rückstand auf den Ex-Champion sein wird. Die Zielsetzung des Brasilianers lässt bereits vermuten, dass er sich keine allzu großen Hoffnungen macht seinen Teamkollegen zu schlagen: Massa wäre bereits mit ein paar Zehnteln Rückstand auf Schumacher zufrieden.

Hopp oder top in Bahrain?, Foto: Ferrari Press Office
Hopp oder top in Bahrain?, Foto: Ferrari Press Office

Die Prognose Wo steht die Scuderia vor dem Saisonstart? Um diese Frage beantworten zu können, muss man schon einen tiefen Blick ins Glas werfen. Natürlich ins Glas unserer Kristallkugel. Die großen Fragezeichen bei den Italienern sind: Die Zuverlässigkeit, die Performance des Autos sowie die Leistungsfähigkeit der Reifen. Etwas Hoffnung können die Tifosi aus dem Bahrain-Test schöpfen: So lange Honda und Toro Rosso aktiv waren, führte ein F2004 die Zeitenlisten an und der 248 F1 lag mit technischen Problemen hinter Honda. Doch wer weiß, was die Roten bei ihrem Exklusivtests nach der Abreise der Konkurrenz alles getestet haben? Zumindest ein neuer Frontflügel ohne Vorflügel, aber mit Doppeldecker-Optik gehörte zum Repertoire. Der rote Strohhalm vor dem Saisonstart ist also, sich an einen Test-Bluff zu klammern. Andernfalls sieht es zumindest zu Saisonbeginn abermals schlecht für Ferrari aus.

Die Team-Analysen im Überblick