Formel 1 / Hintergrund

Die sieben S - Wenn es Nacht wird in Spa...

Der Freitag war der Tag des Regens. Der Samstag war der Tag der Entscheidungen. Wir blicken jetzt auf den Sonntag. Den Tag des Rennens.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Schon am Sonntag könnte drei Rennen vor dem Saisonende der neue Weltmeister Fernando Alonso gekrönt werden. Und das nicht nur als erster Champion nach Michael Schumachers roter Titeldominanz, sondern auch als jüngster Weltmeister aller Zeiten.

Am Samstag sprach dennoch alles über die Minardi-Übernahme durch Red Bull, den Reifenwechsel von Toyota und Williams zu Bridgestone sowie den angedrohten Michelin-Rückzug bei der Einführung von Einheitsreifen. Am Sonntag soll sich nun aber wieder alles um den Sport drehen. Und natürlich um das Wetter...

S wie Startaufstellung

Im Gegensatz zum Freitag blieben die Fahrer und Fans am Samstag von Regengüssen verschont. Demnach sicherte sich Juan Pablo Montoya in einem trockenen Qualifying, das nur gegen Ende ein paar vereinzelte Tropfen vorzuweisen hatte, seine erste Pole Position für McLaren. Neben ihm wird sein Teamkollege Kimi Räikkönen starten.

Schumacher hofft auf Regen. - Foto: Sutton

Aus Reihe zwei gehen die beiden Freunde und letztjährigen Renault-Teampartner Jarno Trulli und Fernando Alonso ins Rennen. Dabei könnte sich der Italiener für den Titelfavoriten zu einem Problem entwickeln. Schließlich verzweifelten in dieser Saison schon ganz andere Fahrer hinter dem Super-Qualifyer, den sie einfach nicht überholen konnten. Der vermeintliche Startvorteil von Renault dürfte den Gelb-Blauen ebenfalls nur wenig helfen. Denn auch Jarno Trulli und Toyota legten in diesem Jahr schon starke Starts hin.

Deshalb droht von hinten auch schon Ralf Schumacher, der neben seinem Bruder in den Belgien GP gehen wird. Letzterer wäre aber auch mit Rang sieben zufrieden gewesen. "Der siebte Platz war völlig okay und ich wäre fast lieber auf dieser Seite geblieben", gab der Ferrari-Star zu. "Denn durch Giancarlo Fisichellas Motorwechsel rücke ich zwar einen Platz nach vorn, aber dadurch auch auf die dreckige, die für den Start ungünstigere Seite."

S wie Start

Noch wichtiger wird es nach dem Start allerdings sein, dass alle 20 Piloten unbeschadet durch die enge Haarnadel La Source gelangen. An dieser Stelle hat es in den vergangenen Jahren regelmäßig Un- sowie Zwischenfälle gegeben.

In der La Source könnte es am Start eng werden. - Foto: Sutton

Die besten Aussichten haben logischerweise die beiden Silberpfeilpiloten, die ohne große Probleme das Tempo in der ersten Kurve diktieren können. Dahinter könnte es im Pulk aber zu Ping-Pong-Kettenreaktionen und fliegenden Bodywork-Teilen kommen.

Noch größer wäre die Gefahr, wenn es beim Start regnen würde oder die Strecke noch nass wäre. Dann würde die Gischt den hinteren Piloten beinahe vollständig die Sicht nehmen. Michael Schumacher sprach sich bei solchen Bedingungen deshalb schon am Freitag für einen Start hinter dem Safety-Car aus.

S wie Setup

"Wir haben ein gutes Setup für das Rennen", ist sich Mark Webber sicher. Allerdings weiß auch er: "Hier ist das wie in der Lotterie. Alles hängt vom Wetter ab. Es ist ein viel größerer Nachteil mit einem Regen-Setup im Trockenen zu fahren als andersherum."

Trotzdem setzten viele Fahrer und Teams im Qualifying auf eine Regenabstimmung. Schließlich rechnen die meisten Wetterfrösche mit einem nassen Vergnügen im Kurort in den Ardennen.

Das Wetter ist in Spa unberechenbar. - Foto: Sutton

Allgemein betrachtet macht die große Vielfalt an Hochgeschwindigkeits-, mittelschnellen und langsamen Kurven die Ardennen-Achterbahn bei den Fahrern sowohl besonders beliebt als auch äußerst schwierig. Eine der Herausforderungen ist es eine ausgewogene Abstimmung zu finden. "Die extremen Gegensätze in der Streckenführung werden bereits zu Beginn der Runde deutlich", erklärt Sauber-Technikchef Willy Rampf. "Durch die La Source-Spitzkehre fahren die Piloten mit etwas weniger als 70 km/h, doch im Anschluss daran geht es mit Vollgas bergab zur berühmten Eau Rouge."

"Wenn alles glatt läuft, dann können die Piloten diesen Abschnitt mit Vollgas durchfahren. Allerdings wirken dann nicht nur Seiten-, sondern auch Kompressionskräfte, wenn das Auto unter Hochgeschwindigkeit die Richtung ändert und im Scheitelpunkt der Kurve beim Anstieg zur Raidillon aufsetzt", fährt Rampf fort. "Eau Rouge verlangt dem Fahrer alles ab, und erfordert ein exakt ausbalanciertes Chassis."

Wenn die Eau Rouge mit Vollgas gefahren wird, dann bedeutet dies für den Motor vom Ausgang der Haarnadel bis zur fünften Kurve für mehr als 20 Sekunden volle Belastung. Für Mario Theissen heißt dies: "Spa verlangt den BMW Motoren eine Menge ab. Wenn der Fahrer Eau Rouge voll nimmt, ergibt sich in Spa mit 1.821 Metern die längste Volllastpassage der Saison. Hinzu kommen noch einige Steigungen."

Spa ist das zweite High-Speed-Rennen für die Motoren in Folge. - Foto: Sutton

Die Bremsen werden allerdings nicht sonderlich beansprucht. "Jedoch müssen die Reifen wegen der hohen Geschwindigkeiten in einigen Kurven einer extremen Belastung standhalten", fügt Rampf an.

"Bei der Abstimmung legt man Wert auf Stabilität bei hohen und mittleren Geschwindigkeiten", erklärt Williams-Technikchef Sam Michael das Setup in Spa. "Man muss sicherstellen, dass die Autos auf ihrem Rückweg vom hinteren Teil der Strecke schnell durch die flüssigen Passagen kommen. Gleichzeitig müssen die Autos auf den Randsteinen der Schikane stabil sein."

S wie Strategie

Ein oder zwei Stopps? Das ist die entscheidende Frage. Abhängig ist die Antwort, wie könnte es in den Ardennen anders sein, natürlich unter anderem vom Wetter.

"Nachdem die Vorhersagen fast alle von Regen ausgehen, sind wir mit einer Abstimmung ins Qualifying gegangen, die mehr für nasse Bedingungen ausgelegt ist", enthüllte Michael Schumacher, dessen Teamkollege Rubens Barrichello eine "sehr konservative Strategie" gewählt hat. "Damit haben wir dann bei Regen wenigstens bessere Möglichkeiten", fügte Schumacher hinzu.

Ein Stopp? Zwei Stopps? Regen? Kein Regen? Das sind die entscheidenden Fragen. - Foto: Sutton

Andere Fahrerkollegen beließen es bei der üblichen Aussage, dass man eine "gute Strategie" für das Rennen gewählt habe. British American Racing Sportdirektor Gil de Ferran deutete dabei zumindest an, dass die weißen Boliden mit viel Sprit an Bord unterwegs waren.

"Obwohl wir uns gerne weiter vorne qualifiziert hätten", so der Brasilianer, "müssen wir abwarten, ob unsere Strategie-Entscheidungen uns auf lange Sicht im Rennen helfen können."

Bei Minardi setzte man unterdessen auf eine "riskante Strategie", weswegen Robert Doornbos auf "Regen" hofft. Sollten die Minardi also mit wenig Sprit unterwegs gewesen sein, könnte dies ein Grund dafür sein, warum die Jordan so weit abgeschlagen sind.

Adrian Burgess wäre dies in Verbindung mit einer schweren Spritladung bei den Gelben sicherlich recht. "Wir erwarten völlig andere Bedingungen", so der Jordan-Sportdirektor, "und haben uns deshalb mehr auf das Rennen als auf das Qualifying-Ergebnis konzentriert."

S wie Speed

Ein entscheidender Faktor wird wie immer der Top-Speed sein. Zum einen natürlich um zu sehen, wer mit welcher Geschwindigkeit und ohne zu lupfen durch die legendäre Eau-Rouge fährt. Zum anderen weil am Ende der langen Geraden danach eine gute Überholmöglichkeit besteht.

Die Eau Rouge wirbelt immer viel Staub auf. - Foto: Sutton

Die höchsten Top-Speed-Werte verbuchten im Qualifying wie gewohnt die Renault für sich. Fisichella und Alonso waren sowohl in der Eau Rouge als auch danach am Ende der Geraden die schnellsten Piloten. Der Italiener erreichte sogar 337 km/h und war damit beinahe zehn Stundenkilometer schneller als Kimi Räikkönen.

Besonders interessant ist an den Top-Speed-Werten, dass Ferrari und Toyota extrem niedrige Höchstgeschwindigkeiten vorzuweisen haben. Bei den Kontrahenten im Kampf um den dritten Platz der Team-WM deutet dies auf eine hohe Flügelstellung und somit ein Regen-Setup hin.

Platz Fahrer Top-Speed in Eau Rouge
1. Giancarlo Fisichella / Renault 317,7
2. Fernando Alonso / Renault 316,4
3. Jacques Villeneuve / Sauber 314,1
4. Juan Pablo Montoya / McLaren 313,4
5. Kimi Räikkönen / McLaren 313,1
6. Felipe Massa / Sauber 312,5
7. Christian Klien / Red Bull 311,0
8. Robert Doornbos / Minardi 310,9
9. Christijan Albers / Minardi 310,3
10. David Coulthard / Red Bull 310,3
11. Antonio Pizzonia / Williams 310,1
12. Michael Schumacher / Ferrari 309,0
13. Takuma Sato / B·A·R 308,8
14. Mark Webber / Williams 308,5
15. Rubens Barrichello / Ferrari 308,1
16. Jarno Trulli / Toyota 307,1
17. Jenson Button / B·A·R 306,8
18. Narain Karthikeyan / Jordan 305,0
19. Ralf Schumacher / Toyota 304,9
20. Tiago Monteiro / Jordan 302,2

S wie 'So wird Alonso Weltmeister'

Vier Punkte benötigt Fernando Alonso. Wenn der Spanier in Belgien vier Zähler mehr holen kann, als sein Titelrivale Kimi Räikkönen, dann ist ihm sein erster WM-Titel nicht mehr zu nehmen.

Auch die Sonne ist manchmal Gast in den Ardennen. - Foto: Sutton

Auf einer normalen Rennstrecke mit gewöhnlichen klimatischen Verhältnissen, wäre ein solches Unterfangen unter normalen Bedingungen ohne technische Probleme beim Finnen wohl eher unwahrscheinlich bis unmöglich. In Spa ist jedoch nichts unmöglich. Und schon ein kleiner Regenschauer oder eine Safety-Car Phase können alle Pläne durcheinander wirbeln.

Dadurch besteht aber auch eine Gefahr: Alonso kann durch die zu erwartenden Wetterkapriolen nicht nur die nötigen vier WM-Punkte Vorsprung herausfahren, sondern schlimmstenfalls auch bis zu zehn Punkte verlieren. Und dann könnte die WM doch noch einmal spannend werden.

Bei einem trockenen Grand Prix scheint das Kräfteverhältnis derweil schon fest zu stehen: "Wir sind wieder näher an die McLaren herangekommen als dies noch in den vergangenen Saisonläufen der Fall war", erläuterte Alonso. "Dennoch wird es sehr schwierig, sie zu schlagen – auch wenn es nicht unmöglich ist."

S wie Spa-nnung

Die Silbernen sind im Trockenen und Regen die Favoriten. - Foto: Sutton

Aber nicht nur der WM-Kampf und die Frage nach dem Wetter sorgen in Spa-Francorchamps für Spannung. Auch das Bruderduell zwischen Michael und Ralf Schumacher sowie das damit verbundene WM-Duell zwischen Ferrari und Toyota verspricht jede Menge Action.

Ganz zu schweigen davon, dass sich auch diesmal ein Top-Fahrer von hinten durch das Feld kämpfen muss: Giancarlo Fisichella startet nach seinem Motorwechsel von Rang 13. Seine Zielsetzung ist dennoch ein Podestplatz. Schließlich geht es für Renault im Kampf gegen McLaren auch noch um die Konstrukteurs-WM.


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