Formel 1 / Analyse

Imola 2005 - Das Generationenduell

Drei Heißsporne machen Jagd auf Michael Schumacher - und einer traf in Imola sogar mit Handicap genau ins rote Herz!
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Die Start- und Zielgeraden des Autodromo Enzo e Dino Ferrari ist in ein rotes Fahnenmeer getaucht, die Tifosi feiern ausgelassen ihren roten Heroen und die Mechaniker stimmen unter dem Siegerpodest lautstark "Schumi, Schumi, Schumi!" Sprechchöre an.

Was sich wie so viele Szenen aus den vergangenen vier von Ferrari und Michael Schumacher dominierten Jahren anhört, war das erste kleine, rote Freudenfest des Jahres 2005 - und selbst hier, beim Heimspiel in Imola, hat der siebenfache Titelträger nicht den größten Pokal abgeräumt, sondern ein anderer gewonnen. Der neue WM-Spitzenreiter. Fernando Alonso.

Die jungen Wilden kommen!

Drei Finger streckte der neue spanische Volksheld nach der hart umkämpften Zieldurchfahrt in die Höhe. Der Grund hierfür war allerdings nicht, dass er die anderen Finger seiner rechten Hand beim beinharten Duell mit Verfolger Michael Schumacher zu sehr verkraft hatte. Stattdessen symbolisierte die Drei seinen zurückliegenden Sieg-Hattrick von Malaysia, Bahrain und San Marino!

Und dabei hatte das Rennwochenende für den Spanier, der nun in zwei Wochen bei seinem Heimrennen in Barcelona ein Tollhaus erwarten muss, alles andere als gut begonnen. "Ich glaube nun darf ich es verraten: Wir wussten vom Freitag an, dass es vielleicht Probleme mit dem Motor geben könnte", enthüllte Fernando den Grund für seine wenigen Runden in den freien Trainings, in welchen er gerade einmal eine Hand voll Runden absolvierte. "Im Rennen fuhren wir mit sehr niedrigen Drehzahlen und versuchten nur noch ins Ziel zu kommen. Ich erwartete in die Punkte zu kommen, aber jetzt habe ich gewonnen!"

Und wie! Die letzten Runden des packenden Grand Prix kämpfte Alonso im wahrsten Sinne des Wortes auf der letzten Rille seiner Michelin-Reifen gegen einen sowohl vom Auto und Motor als auch von den Pneus her überlegenen F2005, dessen deutscher Fahrer nicht gewillt war den ersten Saisonsieg ohne Kampf aufzugeben.

Das Duell Michael Schumacher gegen Fernando Alonso war aber nicht der erste Zweikampf der Generationen an diesem Wochenende. Bereits einige Runden zuvor musste der amtierende Champion gegen einen als zukünftigen Weltmeister gepriesenen Jungstar auf der Strecke bestehen. Jenson Button konnte den Ferrari allerdings nicht hinter sich halten, als er bei einer Überrundung von Mark Webber auf dem aufgewirbelten Staub rutschte und so Rang zwei verspielte.

Doch dem ist noch nicht genug: Schon am Vortag machte noch ein dritter Herausforderer auf sich aufmerksam. Sein Name lautet Kimi Räikkönen und sein McLaren Mercedes brachte erstmals in dieser Saison eine brauchbare Qualifying-Performance zustande, welche ihm zum Europaauftakt die Pole Position einbrachte. Und auch im Rennen fuhr der finnische Ice Man vorne weg, bevor ihn ein technischer Defekt die Chance auf eine Teilnahme am Generationenduell der letzten Rennhälfte raubte.

Allerdings stehen uns noch 15 weitere Rennen ins Haus, bei denen die drei von Fernando Alonso in die Luft gereckten Finger auch für die drei heißblütigen jungen Herausforderer des Ferrari-Stars stehen könnten: Alonso, Button und Räikkönen planen den Aufstand!

Der alte Hase wehrt sich...

Doch ganz so einfach lässt sich der erfolgreichste GP-Pilot aller Zeiten natürlich nicht ausbooten. Entsprechend erhielt Schumacher selbst aus den gegnerischen Lagern Unmengen an Lob für seine furiose Aufholjagd von Startplatz 13 bis auf Rang zwei.

"Trotz des Sieges von Fernando Alonso ein großes Kompliment an Michael Schumacher für ein außergewöhnliches Rennen", lobte beispielsweise BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen seinen Landsmann. Und Jenson Button betonte: "Michaels Pace war atemberaubend. Es war einfach eine atemberaubende Performance."

Da ist es kein Wunder, dass auch Jean Todt und Ross Brawn von einer "fantastischen" und "außergewöhnlichen" Leistung sprachen. Nur der Weltmeister selbst, war mit dem zweithöchsten Treppchen nicht ganz zufrieden. Schließlich hätte er ohne seinen Fehler im Abschluss-Qualifying auch ganz oben auf dem Podium stehen können. "Fernando hatte ein gutes Rennen und machte keine Fehler - deswegen hat er gewonnen und nicht ich."

Das wird ein Nachspiel haben!

Doch wer gedacht hatte, dass der Thriller von Imola mit der Zieldurchfahrt vorbei gewesen wäre, der irrte gewaltig. Denn nach den 62 Rennrunden bekamen auch die Rennstewards noch einiges zu tun!

So sprachen die Rennkommissare bereits kurz nach Rennrunde eine 25 Sekunden Zeitstrafe für Ralf Schumacher aus, was diesen Rang acht und damit einen WM-Zähler kostete.

Und während sich Ralf kurz nach Rennende noch darüber gefreut hatte, dass er "durch die perfekte Boxenarbeit" seines Teams einen Williams "in der Box überholen" konnte, erbte letztlich Nick Heidfeld den letzten Punkt des San Marino GP.

"Ich lag vor Ralf Schumacher, als wir nach 44 Runden beide zur Box fuhren. Ich war vor ihm abgefertigt und wollte aus der Boxengasse fahren. Aber als ich an der Toyota-Box vorbeikam, halt Ralf mir den Weg abgeschnitten", beschrieb uns Nick die Situation. "Hätte ich nicht heftig gebremst, hätte es gekracht. Die Aktion war nicht in Ordnung, und das haben die Sportkommissare nach dem Rennen genauso gesehen. Ralf hat eine Zeitstrafe bekommen, und ich dadurch meinen achten Platz zurück."

Ganz so einfach geben sich die Japaner allerdings nicht geschlagen "In Anbetracht des extrem vagen Regeltextes und einer Vielzahl ähnlicher Zwischenfälle, die ohne Strafe abliefen, hat sich Toyota dazu entschieden gegen die Entscheidung der Stewards Einspruch einzulegen und eine Klarstellung zu erwirken", erklärte Teamchef Tsutomu Tomita. Eine Entscheidung soll noch in dieser Woche fallen.

Noch am gleichen Abend fiel die Entscheidung in einer zweiten strittigen Nachspielsituation. Denn auch Jenson Button musste bis in die späten Abendstunden sechs Stunden lang zittern, bis sein dritter Rang in Stein gemeißelt feststand.

"Direkt nach Rennende wurde das Auto gewogen und lag dabei über dem Mindestgewicht", so ein FIA-Statement. "Danach wurde es abgetankt und dann für untergewichtig erklärt. Nachdem die Stewards die Erklärungen der Teamvertreter gehört und alle verfügbaren Dokumente studiert hatten, entschieden sie, dass keine weiteren Schritte notwendig sind." Button darf seinen ersten Podestrang des Jahres also behalten.

Die Teamanalyse

Renault Schon am Freitag vermutete Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug: "Vielleicht wissen wir ja nicht alles, was bei Renault los ist." Und er sollte Recht behalten: Die Franzosen ließen Fernando Alonsos Auto nicht ohne Grund die meiste Trainingszeit in der Box stehen, sondern schonten den Defekt gefährdeten Motor. Der große Unterschied zu McLaren Mercedes ist jedoch, dass der angeschlagene Renault-V10 durchhielt und Alonso dennoch den Sieg einbrachte, während Kimi Räikkönen mit einem Antriebswellendefekt ausschied. Dennoch scheint die gelb-blaue Dominanz der ersten Rennen vorbei zu sein. Zudem häufen sich die Zuverlässigkeitsprobleme: Denn auch Giancarlo Fisichella schied erneut mit einem noch unbekannten Defekt aus. Der Italiener hat somit seit seinem Auftaktsieg in Melbourne keine Zielflagge mehr gesehen.

Toyota Der zweite Italiener im Feld, Jarno Trulli, sah die Zielflagge seines Heimrennens sehr wohl. Aber im Gegensatz zu den Paradeleistungen von Malaysia und Bahrain konnte Toyota auf seiner Hassstrecke von Imola nicht um die Podestplätze mitfahren. Dies verhinderten sowohl die Kerbs als auch die kühlen Temperaturen, welche für die Michelin-Hinterreifen am TF105 eine Art Gift sind. Durch die Zeitstrafe von Ralf verwandelte sich dann ein grundsätzlich positives Ergebnis sogar noch in eine kleine Enttäuschung.

McLaren Die Silbernen bestätigten ihren Aufwärtstrend von Bahrain und merzten ihre dortige Schwäche, das Qualifying, komplett aus. Aber zum großen Durchbruch reichte es aufgrund von Kimis Ausfall trotzdem nicht. Alex Wurz konnte bei seinem GP-Comeback aber immerhin beweisen wozu er und sein Arbeitsgerät fähig sind. Aufgrund der kurzfristigen Ungewissheit bezüglich Buttons B·A·R durfte der Österreicher sogar für einige Stunden von einem nachträglichen Podestplatz träumen.

Ferrari Michael Schumacher dürfte nach diesem Wochenende hingegen Alpträume von seiner Qualifying-Runde bekommen. Ohne diese und den darin eingebauten Fehler, hätte der Deutsche nämlich locker als Sieger nach Hause fahren und von zwei gutgemachten WM-Zählern träumen können. Dennoch reist Schumacher als Gewinner zum nächsten Rennen. Schließlich war seine Leistung ab Rennmitte absolut umwerfend. Rubens Barrichello erlebte hingegen ein neuerliches Wochenende zum Vergessen, welches mit dem nächsten Ausfall endete.

Williams Ebenfalls enttäuschend verlief das Rennwochenende für das BMW-Williams Team. Während man am Samstag, nach einer starken Leistung im 1. Qualifying, noch hoffen durfte, dass die Weiß-Blauen die ersten anderthalb Tage nur 'seriös' getestet hätten, kam am Sonntag die Ernüchterung: Der FW27 war nicht schnell genug, um in die Punkteränge zu fahren. Dank Ralfs Zeitstrafe reichte es immerhin für einen Punktgewinn durch Nick Heidfeld - allerdings müssen Frank Williams & Co hier noch die Berufungsverhandlung abwarten, bevor sie sich darüber freuen dürfen. Sollte es denn überhaupt einen Anlass zur Freude geben.

Red Bull Ähnlich enttäuschend wie für Williams verlief der San Marino GP auch für die Aufsteiger des Jahres. So konnten David Coulthard und der dritte Lokalmatador Tonio Liuzzi zu keiner Zeit an die guten Leistungen der ersten drei Rennen anknüpfen und nützte den Dunkelblauen somit auch ihr neuer Energy Station Motorhome-Palast nichts: Es gab erstmals in dieser Saison keine WM-Zähler für die britisch-österreichische Truppe. Jetzt müssen die Mannen von Christian Horner aufpassen nicht nach hinten durchgereicht zu werden!

B·A·R Denn von hinten kommt seit der Einführung des neuen Aerodynamikpakets bei den Barcelona-Tests das British American Racing Team - und zwar mit Riesenschritten! Beäugten wir die Testbestzeiten der Weißen in Barcelona und Le Castellet noch ebenso vorsichtig wie die Trainingsresultate in Imola, belehrten Jenson Button und Takuma Sato alle Zweifler im Rennen eines Besseren: Nach drei Doppelausfällen gab es im vierten Rennen eine doppelte Punkteankunft und den ersten Podestplatz des Jahres. Die britisch-amerikanische Seilschaft ist also genauso wie Ferrari wieder im Geschäft!

Sauber Noch nicht ganz so gut im Geschäft, aber immerhin schon wieder auf dem Weg zur alten Stärke ist das Schweizer Sauber Team. Nach drei enttäuschenden Auftaktrennen konnten die Hinwiler mit einer starken Qualifying-Leistung von Felipe Massa sowie einer guten Rennpace von Jacques Villeneuve überzeugen und weitere WM-Punkte ergattern. Massas erwarteter Motorwechsel kostete den Brasilianer allerdings eine noch bessere Platzierung. Wie es besser geht, zeigte Alonso, der mit angeschlagenem Aggregat siegte.

Jordan Vom Siegen darf man bei Jordan/Midland hingegen keineswegs träumen. Dennoch war man nach dem Rennen mit der Zuverlässigkeit des Autos sowie der Leistung der beiden Fahrer zufrieden. Wie gewohnt schnitt hierbei der Inder Narain Karthikeyan besser als sein portugiesischer Teampartner Tiago Monteiro ab.

Minardi Dass konnte ja nichts werden: Schon am Samstag prophezeite Teamchef Paul Stoddart, dass es an ein Wunder grenzen würde, wenn einer seiner beiden Neuwagen vom Typ PS05 am Sonntag ins Ziel kommen würde. Da war es wenig verwunderlich, dass der Australier mit seiner Vorhersage Recht behielt und beide Autos mit Defekten ausfielen. Der große Sprung nach vorne gelang der Mannschaft aus Faenza und Ledbury also noch nicht...

Der WM-Ausblick

In zwei Wochen erwartet die Formel 1 Welt bei Fernando Alonsos Heimspiel auf dem Circuit de Catalunya ein gelb-rotes und gelb-blaues Fest. Aber nicht nur Renault muss man beim fünften Saisonlauf des Jahres auf der Rechnung haben.

Auch Ferrari, McLaren und die bei den letzten Barcelona-Tests dominierenden British American Racer werden ein Wörtchen um den Sieg mitsprechen wollen. Und auch wenn Toyota und Williams in Imola nicht zur ersten Garde gehörten, könnten sie schon in Vierzehntagen wieder vorne mitmischen. Die Formel 1 Saison 2005 bietet also jede Menge Spannungspotenzial.


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