Die Achterbahnfahrt beginnt am 21. April 2002: Nach einer materialbedingt zuletzt wenig erfolgreichen Saison 2001 in der Formel 1 greift Jean Alesi erstmals bei einem DTM-Rennen ins Lenkrad - und überzeugt auf ganzer Linie. Während Laurent Aiello und Mattias Ekström in ihren überlegenen Audi TT-R einen Doppelsieg einfahren, rettet Alesi bei seinem Debütrennen die Mercedes-Ehre und erringt auf Anhieb Platz drei. Alesi, der in der Formel 1 zuletzt jahrelang vergeblich auf einen Podiumsplatz gewartet hatte, ist außer sich vor Freude: Nach bester F1-Tradition wirft er seinen Helm samt Funkausrüstung überschwänglich ins Publikum.
Es wechseln weitere Helme ihren Besitzer: Schon sein drittes DTM-Rennen in Donington entscheidet der Franzose für sich; dass er zu den künftigen Titelkandidaten zählen wird, steht für die Beobachter außer Frage. Zwar entscheidet Jean Alesi 2003 zwei Rennen für sich - mangels Fortune und fahrerischer Konstanz wird er in der Endabrechnung mit Meisterschaftsrang fünf jedoch nur viertbester Mercedes-Pilot. Bis hierhin verläuft die Achterbahnfahrt eher unspektakulär...
Emotionale Loopings
In der Saison 2004 bleibt Jean Alesi sieglos, mit der wenig begeisternden Bilanz eines einzigen Podestplatzes im italienischen Adria mehren sich hinter den Kulissen die Kritiker. Alesi wird in seinem Wagen per Kettenantrieb auf den höchsten Punkt der Achterbahn gezogen - um dann außer Rand und Band zu geraten: Der Franzose sizilianischer Abstimmung legt in rasender Geschwindigkeit eine emotionale Achterbahnfahrt hin und dreht so manche Loopings...

In der Winterpause zur Saison 2005 avanciert der Schalensitz in Alesis Mercedes C-Klasse beinahe zum Schleudersitz: Nach der erfolglosen Saison 2004 ist er intern in die Kritik geraten - und hält sich nur mit Mühe im Sitz eines Neuwagens. Mit umso größerer Euphorie genießt es Jean Alesi beim Saisonauftakt 2005 in Hockenheim, seine größten Kritiker eines Besseren zu belehren: Wenn auch bedingt durch so manchen Ausfall gewinnt er das Rennen und führt erstmals in seiner DTM-Karriere die Gesamtwertung an. Er macht sich Titelhoffnungen - und erlebt eine Enttäuschung.
Seine Saison verläuft ähnlich wie 2004: Es fehlt an regelmäßiger Präsenz auf dem Podest, hinsichtlich der Konstanz besteht Optimierungsbedarf. Zwischen "himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt" - so fasst Mercedes-Sportchef Norbert Haug die Gefühlsachterbahn Jean Alesis zusammen, nachdem sich dieser beim Qualifying zum Zandvoort-Rennen einen Fahrfehler erlaubt und anschließend in der TV-Übertragunug sein Team aufs Schärfste kritisiert. Es sei ihm "egal, vorne oder hinten" zu stehen, schließlich erhalte er "keine technische Unterstützung vom Team".
Auf den Wutausbruch folgt in der Restsaison eine magere Ausbeute von drei weiteren Meisterschaftspunkten. Jean Alesi hat seinen Kredit verspielt: Für 2006 wird er in einen Jahreswagen des Persson-Teams beordert, wo er allerdings von Beginn an zu überzeugen vermag: Immer wieder liefert er sich mit Teamkollege Alexandros Margaritis ein Kopf-an-Kopf-Duell um die Ehren des besten Jahreswagen-Piloten, zur Saisonmitte steht er in der Gesamtwertung als mit Abstand erfolgreichster Pilot eines 2005er-Boliden da. Doch die Achterbahn kommt immer schneller in Fahrt...
"Ich bin wie ein Sohn für Norbert Haug und zu meinem Renningenieur habe ich ein sehr gutes Verhältnis, aber ich komme nicht mit denjenigen klar, die für die Technik verantwortlich sind", übt Jean Alesi im August gegenüber Autosprint erneut scharfe Kritik am Team, "ich bin mir sicher, dass ich vernachlässigt wurde. Wissen Sie, wie viel ich in fünf Jahren DTM getestet habe? Drei Tage." Alesis Vorhaben, Teamchef eines Direxiv-Formel-1-Teams zu werden, ist geplatzt; er gedenkt seine Motorsportkarriere fortzusetzen - allerdings abseits der DTM.

"Ich fühle mich in dieser Umgebung sehr wohl, ich kenne die Leute jetzt schon seit Jahren, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, noch einmal für ein anderes Werk oder Team zu arbeiten", sagt Jean Alesi wenige Wochen später uns gegenüber - und bekennt, liebend gerne weiterhin für Mercedes in der DTM zu fahren: "Ich habe mit Mario, meinem Manager gesprochen, und ihm gesagt, dass ich unbedingt weiter Rennen fahren will. Und ganz oben an erster Stelle unserer Wunschliste steht natürlich Mercedes."
Jean Alesi scheint in der Rolle als rebellischer Veteran, der mit regelmäßigen Überraschungserfolgen im Jahreswagen für Furore sorgt, über sich hinauszuwachsen - sorgt wenig später in Barcelona jedoch vor allem mit einem weiteren emotionalen Ausbruch für Aufruhr. Nachdem er bereits eine Kollision mit Timo Scheider und Mika Häkkinen ausgelöst hat, die später mit einer Durchfahrtsstrafe geahndet wird, vollführt Jean Alesi ein rätselhaftes Bremsmanöver auf der Zielgeraden - nur mit Geschick verhindert Häkkinen einen Auffahrunfall.
"Ich weiß nicht was los war. Ich habe wirklich keine Ahnung, was in Jeans Kopf los war. Ich weiß es nicht. Vielleicht war es irgendeine Art von Missverständnis oder so etwas, aber... Ihr kennt meine Gefühle", zeigt sich Häkkinen im Anschluss an das Rennen völlig perplex; Mercedes-Sportchef Haug kommentiert das Manöver auf die Frage von Autosport, warum auf der Start-/Ziel-Geraden Reifenrauch von Alesis C-Klasse aufstieg, nur ironisch: "Vielleicht hat er sich eine Zigarre angezündet? Ich fürchte gesehen zu haben, dass er auf der Geraden gebremst hat und es sich die Sportkommissare genau ansehen werden..."
Haug behielt Recht: Bereits auf dem Weg zum Flughafen befindlich wird Alesi zurückbeordert - und erhält von den Sportkommissaren eine Geldstrafe von 7.000 Euro. Die emotionale Achterbahn Jean Alesis hatte ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht. Hat sich der Franzose in seinem Bestreben, eine Vertragsverlängerung auszuhandeln und weitere DTM-Rennen zu bestreiten, selbst ein Bein gestellt? Es kann nicht ausgeschlossen werden...

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