Bernd Schneider steht zum ersten Mal seit 26 Monaten auf der Pole Position, Opel präsentiert sich so stark wie schon lange nicht mehr, Audi konnte der Favoritenrolle nicht gerecht werden, verfügt aber dennoch über ein mehr als konkurrenzfähiges Fahrzeug. So ist der Ausgang des morgigen Rennens äußerst schwer zu prophezeien. Doch möglicherweise wird ja eines der drei folgenden Szenarien Wirklichkeit...
Das erste Szenario
"Jean Alesi gibt in einem zweiten ARD-Interview wutentbrannt an, die 'technische Unterstützung' durch Mercedes sei noch weiter zurückgegangen. Deshalb tritt der Franzose im Rennen nicht mehr mit der gewohnten C-Klasse, sondern mit einem alten Holland-Fahrrad, immerhin silbern lackiert und mit AMG-Aufklebern, an. Dass der radelnde Ex-Formel-1-Fahrer im Rennen 30-mal überrundet wird und somit nicht die nötige Renndistanz zurückgelegt hat, um gewertet zu werden, tut dem Jubel der Mercedes-Truppe keinen Abbruch: Zwar etwas irritiert durch das eiernde Fahrrad und die ständigen blauen Flaggen, aber dennoch souverän erreicht Bernd Schneider in seiner rot-silbernen C-Klasse als Erster das Ziel."

Die Wahrscheinlichkeit des Szenarios? Ein eher unmotivierter Jean Alesi erscheint angesichts seiner heutigen Aussagen bezüglich der Unterstützung durch sein Team nicht ganz unwahrscheinlich. Auch Bernd Schneider als Sieger des Zandvoort-Rennens ist alles andere als unrealistisch, bietet doch die Pole Position eine gute Basis für die meist recht gute Mercedes-Boxenstoppstrategie. Die C-Klasse selbst sollte einem Sieg sicherlich nicht im Wege stehen, hat doch das Qualifying gezeigt, dass Audi seine Überlegenheit eingebüßt hat und man Opel mindestens ebenbürtig ist. Erwischt Schneider einen guten Start, so könnte den Saarländer auf dem Weg zum 39. DTM-Sieg wohl kaum etwas aufhalten - abgesehen von einem zu Rennende auf Platz zwei befindlichen Gary Paffett...
Das zweite Szenario
"Angesichts der hervorragenden Startpositionen Fässlers und Frentzens verordnet Opel-Sportchef Volker Strycek seinen Mechanikern eine Nachtschicht, um die ordnungsgemäße Befestigung eines Rades an einen Opel-DTM-Boliden nochmals zu trainieren. Mit böser Erinnerung an 2003, als man Timo Scheiders Sieg in Zandvoort durch ein beim Boxenstopp nicht hinreichend befestigtes Rad verhinderte, nehmen die Mechaniker die Nachtschicht auf sich. Am Rennnachmittag zeigen sie sich zwar so übermüdet, dass Strycek seine Mechaniker vor den Boxenstopps seiner Piloten stets eigenhändig wachrütteln muss - das Befestigen der Räder gelingt jedoch ebenso perfekt wie das Betanken. Marcel Fässler und Heinz-Harald Frentzen fahren einen grandiosen Doppelsieg ein."

Die Wahrscheinlichkeit eines Opel-Sieges? So groß wie schon seit Jahren nicht mehr - dennoch geht man längst nicht als Favorit ins Rennen. Zwar liegen die drei Marken so dicht beieinander wie 2005 noch nie, die Super-Pole-Runden Bernd Schneiders und - bis zu seinem Ausrutscher - Tom Kristensens deuteten allerdings an, dass aus einem A4 oder einer C-Klasse möglicherweise nach wie vor eine um Nuancen bessere Performance herauszukitzeln ist als aus einem Vectra. Während für einen Sieg somit Quäntchen Glück vonnöten wäre, ist jedoch ein Podestplatz für die Rüsselsheimer Pflicht. Dieser sollte allemal im Bereich des Möglichen liegen, sollten Fässler und Frentzen ihre Startpositionen während des Starts halten können.
Das dritte Szenario
"Die Audi-Piloten haben ein schlechtes Gewissen: Nach ihrer größtenteils wenig erfreulichen Qualifying-Leistung, während derer sie das Potenzial ihres A4 DTM nicht umzusetzen vermochten, müssen sie mitansehen, wie Geburtstagskind Dr. Wolfgang Ullrich seine aufwändig verzierte Geburtstagstorte vor Ärger nicht einmal anrührt. Im Wissen, dass man Lebensmittel möglichst nicht wegwerfen sollte, möchten sie Dr. Ullrich doch noch zum Genuss seiner Torte bringen - und präsentieren sich ob dieses Motivationsschubes in Top-Form. So gewinnt Mattias Ekström gleich am Start drei Plätze, schiebt sich am führenden Bernd Schneider vorbei, baut seinen Vorsprung aus und fährt einen triumphalen Sieg ein."

Die Wahrscheinlichkeit eines Audi-Triumphes? Auch wenn so mancher Pilot durchaus ein schlechtes Gewissen haben dürfte, erscheint ein Audi-Sieg am morgigen Tag eher unwahrscheinlich. Lediglich Mattias Ekström, Fünfter der Super Pole, könnte möglicherweise noch in den Kampf an der Spitze eingreifen, sollte er am Start die eine oder andere Position gewinnen und in den Genuss einer guten Taktik kommen. Selbstverständlich erscheint ein Audi-Triumph auch angesichts der Performance des A4 nicht. Zwar braucht sich der A4 DTM in Zandvoort nach wie vor weder vor der Mercedes C-Klasse noch vor dem Opel Vectra GTS zu verstecken; die sich noch in den Tests andeutende Überlegenheit, die einer effektiven Aufholjagd aber sicherlich zu Gute käme, ist allerdings nicht mehr existent. So muss das vorrangige Ziel Audis darin bestehen, Ekström mit Hilfe einer gelungenen Taktik vor Titelkontrahent Paffett ins Ziel zu bringen.

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