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DTM

Danner spricht Klartext: DTM ist nicht tot! DTM alternativlos!

Christian Danner hat die Schlechtmacherei der DTM satt: Der Motorsport-Magazin.com-Experte erklärt, warum die DTM alternativlos statt tot ist.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Als wir uns in Abu Dhabi noch über die Herren Vettel und Hamilton unterhalten haben, war es Ihnen ein Anliegen, auch über die DTM zu sprechen. Warum? Was gefällt Christian Danner an der DTM nicht?
Christian Danner: Die Schlechtmacherei. Eine existierende Meisterschaft, die das absolute Rückgrat des deutschen Motorsports ist, wird totgesagt. Die DTM ist DIE Säule, die den Motorsport in Deutschland in den letzten 20 Jahren zu dem gemacht hat, was er ist. Da gehören auch Nachwuchsserien dazu, die im Umfeld der DTM fahren. Die DTM war und ist das nationale Highlight. Dass nicht nur die Fans, sondern überwiegend auch Fachleute die Meisterschaft totreden und etwas anderes anpreisen, regt mich auf. Es gibt keine Alternative zur DTM! Das ADAC GT Masters ist eine sehr gute Meisterschaft, aber es ist bei weitem nicht mit der DTM vergleichbar. Weder die Fahrer, noch die Bühne. Die DTM hingegen ist professioneller Motorsport, der durch solide Finanzierung die besten Fahrer in Tourenwagen hervorbringt. Das GT Masters spielt in einer anderen Liga, die DTM ist absoluter Spitzensport. Und deshalb rege ich mich wahnsinnig drüber auf, dass man den Spitzensport in Deutschland tot redet. Das Gegenteil wäre angebracht! Wir wollen eine DTM. Gerade jetzt, in einer Konsolidierungsphase, mit der Neueinstellung der Werte des Tourenwagensports. Das hat Gerhard Berger bislang brillant gemacht.

Dass sich die Piloten gegenseitig in die Autos fahren, war doch früher Gang und Gäbe. Das gehört zum Tourenwagensport dazu. Natürlich darf es nicht unfair werden, aber dass Tourenwagensport etwas ist, wo gefightet wird dass die Fetzen fliegen, das ist völlig normal. Das war doch noch nie anders. Selbst in den deutschen Rennsportmeisterschaftszeiten der Gruppe 5, Ende der 70er, selbst da hatten die BMWs und Fords am Ende des Rennens keine Frontflügel mehr, weil sie sich ins Auto gefahren sind.

War in den letzten Jahren nicht gerade das eines der Hauptprobleme in der DTM, dass unzählige Flaps den Kontaktsport verhinderten - auch wenn es im vergangenen Jahr schon etwas besser wurde...
Christian Danner: Das ist sicher ein Problem. Ein anderes Problem ist allerdings die Herangehensweise der Hersteller, die den Charakter des Motorsports völlig ignorieren. Ich gönne jedem Hersteller, dass er seine Fahrzeuge so einsetzt, dass am Schluss eines seiner Marke vorne ist. Wenn das aber zu völliger Rennverfälschung führt - und wir haben in der Vergangenheit einige solcher Geschichten erlebt -, dann ist das falsch. Nico Müller war als Vorletzter immer dann im Bild, wenn er einen Fahrer eines anderen Herstellers aufgehalten hat. Als das verpönt war, stand er plötzlich in der zweiten Startreihe. Solche Dinge haben in den letzten Jahren leider Einzug gehalten. Motorsport wird für das Marketing verwendet, nicht Marketing für den Motorsport. Da gab es in der DTM ein paar Verwerfungen, die Gerhard Berger sehr elegant entknotet. Wenn du so einen kompetenten Mann an der Spitze hast, musst du sagen: Halleluja! Das dürfen wir nicht verlieren! Und nicht sagen: Die sind ja eh tot.

Ist es da nicht sogar gut, dass Mercedes 2019 weg ist, um die Hersteller mal aufzuwecken?
Christian Danner: Es sei jedem Hersteller vergönnt, in seinem Interesse zu handeln - das war ja noch nie anders. Logischerweise will jeder gewinnen. Das 'Gewinnen wollen' darf man einem Hersteller nicht absprechen. Man muss diese ganzen Eskapaden nur sichtbar machen. Der Fan sieht doch, wenn er verarscht wird. Eine Geschichte wie jene von Nico Müller kommt nicht gut an. Das kam mehrmals vor. Die DTM hat aber so viele Ingredienzen, die spitze sind. Da muss man konsequent weiter arbeiten.

Was sind die nächsten Schritte?
Christian Danner: Meiner Ansicht nach muss man in zweierlei Richtungen arbeiten: Erstens muss das technische - allen voran das Motorenreglement - so angeglichen werden, dass es möglich ist, dass Nissan, Honda und Toyota in der DTM fahren können oder umgekehrt, die deutschen Hersteller in der japanischen Meisterschaft. Wenn das gelingt, dann bin ich guter Dinge. Dann hast du mal einen riesen Brocken aus dem Weg geräumt. Beim Rest des Reglements ist die DTM schon viel weiter als andere Rennserien. Die Standardbauteile sind so, wie es gehört, um Geld zu sparen.

Soll in Zukunft nicht nur Show sein: DTM und Super GT - Foto: DTM

Die 'Ent-Flap-izierung' ist das nächste Thema. Es ist allerdings nicht so einfach: Du kannst Gelerntes nicht ungelernt machen. Wenn ich die Aerodynamik eines Radhauses einmal verstanden habe, dann darf ich nicht davon ausgehen, dass ich das auf einmal nicht mehr verstehen darf. Wenn mal etwas Erfunden ist, dann kann ich es nicht rückgängig machen. Genauso ist es mit aerodynamischen Dingen. Man kann es nicht unerfunden machen. Es ist schwierig, hier eine gute Lösung zu finden, aber es ist machbar. In der ITR gibt es inzwischen genügend Know-how, um das Reglement so zu bauen, dass es passt. Technisch sehe ich in der DTM eine sehr gute Entwicklung.

Und der Ausstieg von Mercedes wirkt dieser guten Entwicklung nicht entgegen?
Christian Danner: Man darf sich vom Mercedes-Ausstieg nicht verrückt machen lassen. Ohne Hersteller sind wir noch lange nicht tot. Natürlich wären drei besser, oder sogar vier oder fünf. Die Markenvielfalt macht es aus und die Markenvielfalt tut der DTM sehr gut, keine Frage. Aber ich würde positiver herangehe. Sehen wir uns die Fahrer an: Letztens habe ich ein altes Foto mit Stuck, Ludwig, Nannini, Larini, Fisichella, Lehto, Reuter, Schneider, Alboreto, mir selbst und noch weiteren Fahrern gesehen. Da dachte ich mir: Da war echt was geboten bei diesen Namen. Und genau das passiert in der DTM gerade wieder: Mit Timo Glock oder Mattias Ekström haben wir zwei große Namen, die jeder kennt. Und die fahren nicht dort, um ihre Karriere irgendwie ausklingen zu lassen, wie es bei David Coulthard beispielsweise der Fall war. Jetzt muss sich hier noch mehr entwickeln.

Als ich begonnen habe, hieß das Ding noch Deutsche Rennsportmeisterschaft, da bin ich als 19-Jähriger mit dem BMW M1 zwischen den ganzen Porsche rumgefahren und habe da wirklich etwas gerissen, weil ich als junger Fahrer etwas gegen Stuck und Co. ausrichten konnte. Genauso muss es jetzt sein. Jetzt hast du einen Philipp Eng und einen Joel Eriksson. Solche Leute sind jung, müssen rein ins Haifischbecken und müssen die Welt aus den Angeln heben wollen. Die Glocks und Ekströms müssen schauen, dass sie vorne bleiben. Da ist Spannung drin und das ist auch geil zu sehen, wie ein alter Fuchs den jungen Wilden mal auflaufen lässt oder wie ein junger Wilder den alten Fuchs mal an die Wand fahren lässt.

Eine schwierige Frage für den RTL-Experten: Ist es für die DTM eine gute Entwicklung, den Sendeplatz in der ARD gegen einen auf Sat.1 zu tauschen?
Christian Danner: Das ist eine schwierige Geschichte. Die DTM war bei der ARD eine Sportart von vielen. Da wurde die Übertragung auch schon mal vor der Siegerehrung abgebrochen - und das ist natürlich bitter. Das zeigt natürlich auch: es ist ein ganz anderer Ansatz. Die ARD macht ein klasse Sportprogramm für einen öffentlich-rechtlichen Sender. Die DTM ist für die ARD deshalb aber eher ein Betriebsausflug als eine Hardcore-Berichterstattung. Deshalb war das so eine schwierige Geschichte. Ich glaube, die Motivation bei Sat.1 ist außerordentlich hoch. Allerdings ist auch die Herausforderung außerordentlich hoch, denn ich würde nicht unbedingt sagen, dass das Kernpublikum dort nach DTM lechzt. Die Situation ist für die DTM mit Sat.1 sehr vielversprechend, da kann ein tolles Produkt entstehen.

Jetzt hat die DTM einen neuen Kalender vorgestellt. Eine Forderung der Fans, die immer wieder kommt, wurde allerdings nicht berücksichtig: Nordschleife.
Christian Danner: Ich bin großer Fan der Nordschleife, aber ich glaube nicht, dass die DTM auf die Nordschleife muss. Die Nordschleife hat für sich eine eigene, kleine Welt. Ich bin selbst Rennen auf der Nordschleife gefahren, habe auch in einem DTM-Auto zusammen mit Johnny Cecotto das 24-Stunden-Rennen gewonnen. Das war damals möglich, weil dort ganz andere Autos fuhren. Aber die Erfindung des GT3 und GT4 füllt da das Feld mit schnellen Autos auf, die total spezialisiert auf das Phänomen Nordschleife sind. Das reicht völlig. Das ist toller Motorsport, aber ich glaube die DTM hat mit dem diesjährigen Kalender den richtigen Schritt gemacht. Sie gehen nach Misano und Brands Hatch, das ist sehr gut. Da passen sie besser hin als auf die Nordschleife.


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