DTM

Audis WEC-Abschied: Chance für Timo Scheider

Audi könnte sein Engagement in der RallyCross-WM nach dem WEC-Abschied ausbauen - mit Timo Scheider am Steuer? Der zweifache DTM-Champion im Interview.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Am Mittwoch schockte Audi die Motorsportwelt mit dem unerwartet frühen Austritt aus der Sportwagen-Weltmeisterschaft schon zum Saisonende 2016. Immerhin: Das DTM-Engagement bleibt auch im kommenden Jahr bestehen. Die Ingolstädter treten 2017 mit dem Nachfolger des RS5 unter neuem Reglement in der Tourenwagenserie an. Der WEC-Ausstieg könnte dabei positive Auswirkungen für einen Altbekannten haben: Timo Scheider.

Im Zuge des WEC-Rücktritts und dem Ausbau des Formel-E-Engagements steht eine erweiterte Beteiligung in der RallyCross-Weltmeisterschaft im Raum. Interessant für Audi: Auch in der WRX könnte das Thema Elektromobilität künftig eine Rolle spielen. Ein erstes E-Rallyeauto wurde kürzlich bereits vorgestellt. Beschränkte sich Audi bislang auf die Werksunterstützung von Weltmeister Mattias Ekström, könnte Scheider künftig ebenfalls mit Support von Audi an den Start gehen.

Nachdem die ersten Wogen geglättet sind in Folge des unwürdigen Abschieds im Rahmen des DTM-Finales in Hockenheim, deutet sich nun eine weitere Zusammenarbeit zwischen Scheider und Audi an. Hier würde sich die RallyCross-Weltmeisterschaft durchaus anbieten. Scheider fährt am 25. November beim Saisonfinale in Argentinien für Münnich Motorsport im Seat, für 2017 liebäugelt er mit einer kompletten Saison in der spektakulären Serie.

Wie begeistert der zweimalige DTM-Champion von der WRX ist, verriet er Motorsport-Magazin.com in einem ausführlichen Gespräch. Das komplette Interview mit Scheider gibt's übrigens in der aktuellen Motorsport-Magazin.com Print-Ausgabe. Hier ein Auszug.

Scheider: Über 'Schieb ihn raus' kann er jetzt lachen

Mattias Ekström meinte mal: Die DTM sei wie ein Filetstück, aber manchmal habe er eben Bock auf eine Bratwurst. Wie kann man sich das in einer Kiste mit 600 PS vorstellen?
Timo Scheider: Es ist schon Wahnsinn, was da passiert. Sie beschleunigen von 0 auf 100 km/h in 1,9 Sekunden. Ich erinnere mich da an meine ersten Starts, wo du dich mehr oder weniger am Lenkrad festhalten musstest, damit du den Schalthebel noch erreichst, um die Gänge durchzureißen - so schnell war es beim Rausbeschleunigen. Es ist hart, gar keine Frage. Es ist keine Sportart für - ich will jetzt nicht sagen Mädchen, da muss ich aufpassen, was ich sage... aber auf jeden Fall nichts für Weicheier!

Es ist keine Sportart für - ich will jetzt nicht sagen Mädchen, da muss ich aufpassen, was ich sage... aber auf jeden Fall nichts für Weicheier!
Timo Scheider

Da wird sich angelehnt, du stehst schon am Start Spiegel an Spiegel, wodurch es in der ersten, zweiten, dritten Ecke unausweichlich Kontakt gibt. Es wird geschoben, es ist dreckig und nach vier Runden glaubst du, dass du ein 24h-Rennen gefahren wärst. Bei meinem ersten Start habe ich Petter Solberg in den Kies gedrückt, weil ich innen nicht nachgegeben habe. Danach dachte ich nur: 'Oh Gott, das gibt voll Ärger.' Dann kam Petter beim Vorstart für den nächsten Heat vorbei und sagte nur: 'Geil war das, richtig geil! 'Hast du Spaß?'

Du hast das jetzt so euphorisch erzählt, das klang wie bei deinen Formel-4-Jungs. Du bist schon so viele Jahre dabei und trotzdem hast du ein Grinsen im Gesicht...
Timo Scheider: Es ist erschreckend, dass es so ist. Es ist so extrem, dass ich es in der Situation selbst gar nicht begreifen konnte, wie die Emotionen mich nach so vielen Jahren im Motorsport einholen und mich wie ein kleines Kind über den Sport reden lassen. Das hat mich eiskalt erwischt. Ich hatte einen Riesenspaß mit diesem Spielzeug, das eigentlich keines ist. Es ist eher eine Kanonenkugel, auf der du unterm Hintern unterwegs bist, die aber extrem Laune macht und super cool ist. Du hast Stadionatmosphäre, eng an der Strecke, du hast Krach, du hast Sprünge, du hast Dreck - ich wüsste nicht, was als Zuschauer besser sein könnte, als ein Rallycross-Rennen anzusehen. Ich muss gerade echt aufpassen, dass ich nicht zu euphorisch werde.

Glaubst du, die DTM könnte sich eine Scheibe bei der WRX abschneiden?
Timo Scheider: Ich glaube, dass ich für die Fans spreche, wenn ich sage, dass wir nicht Riesenpaläste aufbauen müssen, um guten Motorsport zu bieten. Dafür brauchen wir keine 46.000 klinisch polierten Trucks. Natürlich muss alles ordentlich sein, wir sind Premiumhersteller, wir wollen dieses Niveau, das wir auf der Straße bieten, auch hier bieten. Aber trotzdem glaube ich, wäre es schön, wenn man als Fan durch das Fahrerlager geht und irgendwie das Gefühl hat, ich bin Teil dieser Szene.

Ich glaube, dass ich für die Fans spreche, wenn ich sage, dass wir nicht Riesenpaläste aufbauen müssen, um guten Motorsport zu bieten.
Timo Scheider

Und bei Rallycross ist es so, du hast deinen LKW, du hast dein Zelt mit Hospi und dein Rennauto. Auf der anderen Seite sind vielleicht ein paar Absperrbänder davor, aber du kannst zugucken, wenn die Jungs ein Getriebe auswechseln. Hier versucht man, so etwas zu vermeiden. Denn in der DTM ist so viel Geld im System, dass man sich gar nicht erlauben kann, zu sagen: Komm rein, schau mal, wie wir das machen. Damit schiebt man der Konkurrenz den Ball vor die Füße.

Nehmen wir an, du würdest fix in der WRX starten. Würdest du dir da nicht selbst eine Zielscheibe aufsetzen? Stichwort: 'Schieb ihn raus'...
Timo Scheider: Das macht ja nix! Ich kann damit gut umgehen und weiß, was in der Vergangenheit gewesen ist. Ich weiß, was Absicht war und was nicht...

Ich weiß, was Absicht war und was nicht...
Timo Scheider

Also kannst du jetzt darüber lachen?
Timo Scheider: Natürlich. Ich meine, hier und da gibt es immer wieder einen Spruch, und auch von Fans, die immer mal was sagen mit: 'Schieb ihn raus'. Aber ich bin da relativ entspannt. Das ist so lange her, das ist Vergangenheit und ich versuche mich ohnehin, mehr mit der Zukunft zu beschäftigen, als mit der Vergangenheit. Von daher kann ich da ganz gut drüber lachen.


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