Ferrari hat die 24 Stunden von Le Mans 2023 beim 100. Geburtstag des Langstreckenklassikers gewonnen und für eine Sensation gesorgt: Der Autobauer aus Italien sicherte sich beim Comeback genau 50 Jahre seit dem letzten Le-Mans-Start in der Topklasse den Sieg. Nach 342 Runden bzw. 4.660 Kilometern überquerte Schlussfahrer Alessandro Pier Guidi die Ziellinie als Erster und ließ seine Teamkollegen Antonio Giovinazzi sowie James Calado im #51 Ferrari 499P jubeln.

Unter den Augen von Ferrari-CEO John Elkann und Formel-1-Fahrer Charles Leclerc setzte sich der #51 Ferrari in einem packenden Finish gegen Toyota durch und löste die Japaner nach zuvor fünf Le-Mans-Siegen in Folge ab. Nachdem zwischen Ferrari und dem #8 Toyota GR010 Hybrid (Sebastien Buemi, Brendon Hartley, Ryo Hirakawa) ein Zweikampf im Abstand von wenigen Sekunden entbrannt war, sorgte ein Fahrfehler des Japaners Hirakawa rund eineinhalb Stunden vor Schluss in Arnage für die Vorentscheidung. Beim Zieleinlauf betrug Pier Guidis Vorsprung 1:21.793 Minuten.

Ferrari gewinnt die 24 Stunden von Le Mans 2023, Foto: LAT Images
Ferrari gewinnt die 24 Stunden von Le Mans 2023, Foto: LAT Images

Über 300.000 Zuschauer bei 24h Le Mans

Mehr als 300.000 Zuschauer erlebten vor Ort mit, wie das neuentwickelte 499P-Hypercar mit 500 kW (680 PS) der Traditionsmarke aus Maranello den zehnten Le-Mans-Sieg und den ersten seit 1965 bescherte. Ferrari bleibt nach Porsche (19 Siege) und Audi (13 Siege) der dritterfolgreichste Hersteller in der Geschichte der 24 Stunden von Le Mans, bei denen dieses Jahr zudem Porsche, Peugeot und Cadillac in die gesamtsiegfähige Topklasse namens 'Hypercar' zurückgekehrt waren.

Insgesamt 16 Hypercars gingen an den Start und lieferten von Beginn an eine packende Show. Zwischenzeitliche Regenschauer am Samstagmittag sowie in den Abendstunden sorgten für Dramen und zahlreiche Unfälle. Überhaupt sollten sich die diesjährigen 24 Stunden von Le Mans zu einer höchst unfallträchtigen Angelegenheit vor allem in der ersten Hälfte entwickeln.

Viel Kleinholz bei den 24 Stunden von Le Mans 2023, Foto: LAT Images
Viel Kleinholz bei den 24 Stunden von Le Mans 2023, Foto: LAT Images

Cadillac bei Le-Mans-Rückkehr auf Podest

In der mit großer Spannung erwarteten Hersteller-Schlacht nach zuvor eher langweiligen Jahren der Toyota-Dominanz, belegte Cadillac den dritten Platz auf dem Podium. Der US-Autobauer fuhr zwölf Jahre nach seinem letzten Le-Mans-Start mit dem #2 Cadillac-LMDh samt dem Fahrer-Trio Earl Bamber/Alex Lynn/Richard Westbrook aufs Podest. Das Schwesterauto mit der Startnummer #3 (Sebastien Bourdais, Renger van der Zande, Scott Dixon / 2 Runden zurück) machte mit dem vierten Platz ein starkes Teamergebnis für Cadillac perfekt.

Schlussfahrer Earl Bamber im #2 Cadillac hatte beim Zieleinlauf einen Rückstand von einer Runde auf den Zweitplatzierten Toyota. Die US-Amerikaner erlebten bei insgesamt drei eingesetzten Autos nur mit dem #311 V8-Caddy (Derani, Sims, Aitken) einen Rückschlag, als das Auto nach einem Start-Crash frühzeitig aus dem Kampf um den Gesamtsieg ausgeschieden war. Ähnlich sah es bei Ferrari aus, wo sich der Pole-Setter #50 499P (Fuoco, Molina, Nielsen) mit Kühlproblemen nach einem Steinschlag in der Nacht vorzeitig aus der Spitzengruppe verabschiedet hatte und mit fünf Runden Rückstand den fünften Platz belegte.

Auch Toyota musste im Rennen den Verlust eines potenziellen Sieganwärters beklagen: Der GR010 Hybrid mit der Startnummer #7 (Conway, Kobayashi, Lopez) verunfallte gegen Mitternacht bei der Kollision mit einem GTE-Auto und musste vorzeitig abgemeldet werden.

Toyota verpasste den sechsten Le-Mans-Sieg in Folge, Foto: LAT Images
Toyota verpasste den sechsten Le-Mans-Sieg in Folge, Foto: LAT Images

Porsche erlebt mehrere Rückschläge bei Comeback

Le-Mans-Rekordsieger Porsche erlebte bei seinem Topklassen-Comeback unter den Augen von Konzernchef Oliver Blume ein schwieriges Rennen. Mit drei Werksautos sowie einem Kundenauto von JOTA stellte der Sportwagenbauer aus Zuffenhausen das größte Kontingent im Hypercar-Feld, spielte nach zahlreichen Zwischenfällen am Ende aber keine Rolle beim Kampf um den Gesamtsieg. Dem #5 Penske-Porsche (Cameron, Christensen, Makowiecki) gelang mit Platz neun bei 13 Runden Rückstand das 'beste' Resultat. Ein Reifenschaden, eine Undichtigkeit im Kühlkreis und weitere späte Probleme verhinderten ein besseres Ergebnis.

Das Schwesterauto mit der Nummer #6 (Estre, Lotterer, Vanthoor) erlebte schon früh Rückschläge durch zwei Reifenschäden und verlor durch einen späteren Austritt rund 42 Minuten Zeit wegen eines Reparaturstopps. Der #75 Porsche (Nasr, Jaminet, Tandy) aus dem IMSA-Einsatz musste wegen eines Defekts der Kraftstoffpumpe vorzeitig vom Rennen abgemeldet werden.

Der Kunden-Porsche von JOTA mit der #38 (Ye, Felix da Costa, Stevens) führte das Rennen in den Abendstunden am Samstag sogar eine Weile lang an, bevor ein Crash wenig später jegliche Sieghoffnungen begrub. "Phasenweise hatten wir ein sehr gutes Tempo. Die Hoffnungen auf einen Erfolg waren zwischenzeitlich groß, aber dieser Traum ist nun leider zerplatzt", sagte Porsches LMDh-Leiter Urs Kuratle während des Rennens.

Porsche kämpfte bei den 24h Le Mans mit mehreren Schwierigkeiten, Foto: LAT Images
Porsche kämpfte bei den 24h Le Mans mit mehreren Schwierigkeiten, Foto: LAT Images

Peugeot sorgt für Schlagzeilen in Le Mans

Hinter den beiden Hybrid-losen Glickenhaus 007, die sich mit den Plätzen sechs (Dumas, Pla, Briscoe) und sieben (Mailleux, Berthon, Gutierrez) mehr als achtbar schlugen, schrieb Peugeot phasenweise die Geschichte des Rennens. Der Autobauer aus Frankreich wies zu Beginn der langen Rennwoche in Le Mans einen deutlichen Performance-Nachteil gegenüber der Hypercar-Konkurrenz auf, sorgte dann aber für ein unerwartetes Spektakel, als gegen Mitternacht der #94 9X8 (Duval, Menezes, Müller) während eines über dreistündigen Stints von Nico Müller die Führung übernahm.

Ein Crash von Teamkollege Gustavo Menezes in der Nacht machte die potenzielle Sensation zunichte. Der besserplatzierte #93 Peugeot 9X8 (Di Resta, Jensen, Vergne) belegte beim Zieleinlauf mit 12 Runden Rückstand den achten Platz.

Peugeot führte zwischenzeitlich beim Heimrennen in Le Mans, Foto: LAT Images
Peugeot führte zwischenzeitlich beim Heimrennen in Le Mans, Foto: LAT Images

LMP2 und GTE-Am: Die Klassensieger

In der stets hart umkämpften LMP2-Klasse blieb es bis zum Schluss spannend: Am Ende setzte sich der #34 LMP2 von Europol Competition (Jakub Smiechowski/Fabio Scherer/Albert Costa) durch und feierte den Klassensieg - mit nur 21 Sekunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten #41 Boliden von WRT (Rui Andrade/Louis Delétraz/Robert Kubica).

Inter-Europol-Schlussfahrer Favbio Scherer aus der Schweiz bestritt fast das gesamte Rennen mit einem stark lädierten Fuß, nachdem dem Ex-DTM-Fahrer bei einem frühen Boxenstopp eine Corvette über den Fuß gefahren war!

Das Erfolgsteam WRT aus Belgien, das zuvor beim 'Road to Le Mans' mit Max Hesse und Valentino Rossi zwei Siege erzielen konnte, verpasste ein Doppelpodium knapp, da sich das #30 Duqueine Team (Rene Binder/Neel Jani/Nicolas Pino) im letzten Moment den dritten Rang sicherte. Der Österreicher Rene Binder darf sich damit über ein Klassenpodium in Le Mans freuen.

Beim letzten Le-Mans-Auftritt der GTE-Am-Klasse sicherte sich die #33 Corvette C8.R (Ben Keating/Nicolas Varrone/Nicky Catsburg) den Klassensieg mit einer Runde Vorsprung vor dem #25 ORT by TF Aston Martin Vantage (Ahmad Al Harthy/Michael Dinan/Charlie Eastwood) sowie dem #86 GR Racing Porsche 911 RSR - 19 (Michael Wainwright/Benjamin Barker/Riccardo Pera).

24h Le Mans 2023 Ergebnis: Top-5 aller Klassen

Hypercar

Pos.AutoFahrerRückstand
1#51 FerrariPier Guidi, Calado, Giovinazzi342 Runden
2#8 ToyotaBuemi, Hartley, Hirakawa1:21.793 Minuten
3#2 CadillacBamber, Lynn, Westbrook+1 Runde
4#3 CadillacBourdais, van der Zande, Dixon+2 Runden
5#50 FerrariFuoco, Molina, Nielsen+5 Runden

LMP2

Pos.AutoFahrerRückstand
1#34 Inter EuropolSmiechowski, Scherer, Costa328 Runden
2#41 WRTAndrade, Delétraz, Kubica+21,015 Sekunden
3#30 DuqueineBinder, Jani, Pino+1 Runde
4#36 AlpineVaxiviere, Milesi, Canal+1 Runde
5#31 WRTGelael, Habsburg, Frijns+1 Runde

LMGTE-Am

Pos.AutoFahrerRückstand
1#33 Corvette RacingKeating, Varrone, Catsburg313 Runden
2#25 TF Aston MartinAl Harthy, Dinan, Eastwood+1 Runde
3#86 GR Racing PorscheWainwright, Barker, Pera+1 Runde
4#85 Iron Dames PorscheBovy, Gatting, Frey+1 Runde
5#54 AF Corse FerrariFlohr, Castellacci, Rigon+1 Runde
24h Le Mans 2023: Zusammenfassung und Video-Highlights (10:01 Min.)