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24 h von Le Mans

24h Le Mans: Als Reporter beim größten Geisterrennen der Welt

Null Zuschauer und 100 statt 1.000 Medienvertreter beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans: wie sich das größte Geisterrennen der Welt als Reporter anfühlt.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Schon bei der Abholung der Mediapässe wurde deutlich, dass nichts so sein würde wie früher. Üblicherweise erhalten Journalisten beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans einen kleinen Goodie Bag, darin enthalten die eine oder andere Einladung für eine nette Presseveranstaltung am Rande des selbsternannten größten Rennens der Welt.

Schaute man diesmal in die Tüte, holte einen das 'New Normal' auch an der Rennstrecke ganz schnell ein. Eine Packung mit Masken und eine Flasche Desinfektionsmittel. Na, Prost. Immerhin durchaus nützliche Utensilien für die Arbeit als Reporter, denn: In Le Mans 2020 herrscht 100-prozentige Maskenpflicht. Egal, ob im Fahrerlager oder im Media Center: Die Maske - und damit Corona - ist allgegenwärtig und 24/7 zu tragen.

"Ein Lächeln zu sehen", lautete die Antwort eines Funktionärs auf meine Frage, was neben den Zuschauern noch fehle bei diesem 24-Stunden-Rennen unter hoffentlich einmaligen Umständen. Vieles wirkt tatsächlich steril beim größten Geisterrennen der Welt, die Mimik inklusive.

Maskenball der Pole-Setter: Die Toyota-Crew um Kamui Kobayashi - Foto: LAT Images

Räder drehen sich, Riesenrad nicht

Das große Fan Village direkt an der Strecke gleicht einer Wüste, keine Grillerei oder Burnouts auf den Campingplätzen, kein Riesenrad, die Kneipen in Tertre Rouge oder auf dem Weg nach Arnage wie ausgestorben. 0 statt der üblichen 250.000 Zuschauer rund um den ikonischen Rennkurs in der 140.000-Seelen-Stadt.

Fans müssen draußen bleiben, eine Rennabsage stand beim ACO aus ökonomischen Gründen aber nie zur Debatte. Le Mans 2020 fühlt sich vor Ort an wie der teuerste Langstrecken-Test der Welt. Die Corona-Einschränkungen sind umfangreich, aber alle hier sind froh, dass das Rennen über die Bühne gehen kann. Das bringt dringend benötigtes Geld in die Kassen und am Fernseher merkt man eh keinen Unterschied.

Auch in der Startaufstellung von Le Mans ist mehr Platz als normalerweise - Foto: LAT Images

Fahrerlager ist tabu

Dafür aber in der Arbeit als Berichterstatter. Journalisten dürfen nicht ins Fahrerlager, eine Maßnahme, um direkte Kontakte zu vermeiden. Stattdessen gibt es eine vorgegebene Route, die vom Parkplatz per Leitsystem direkt ins Media Center im Boxengebäude führt. Selbst hier weisen auf dem Boden aufgemalte Pfeile den Weg, um den Mindestabstand zu wahren. Folgen darf ihnen, wer zuvor eine Temperaturmessung bestehen und einen negativen Covid-Test vorweisen konnte.

Dabei ist im Media Center so viel Platz wie nie zuvor in Le Mans. Jeder Journalist hat seinen eigenen Tisch. Die Abstände zwischen Kollegen betragen nicht 1,5, sondern eher 10 Meter. Kein Wunder: Nur 100 Journalisten und Fotografen wurden zugelassen, um vor Ort zu berichten. Ohne Corona sind es 900 bis 1.000 Medienvertreter.

Motorsport-Magazin.com ist in diesem beispiellosen Jahr das einzige deutsche Medium im Media Center. Manche heimische Kollegen, darunter Le-Mans-Veteranen mit 20+ Teilnahmen, haben freiwillig abgesagt. Man kann es ihnen nicht verdenken, die Arbeitsmöglichkeiten sind äußerst eingeschränkt.

Das Media Center in Le Mans Samstagnacht: mehr Pfeile als Journalisten - Foto: Motorsport-Magazin.com

Zwei Räume für ein Stück weit Normalität

Gespräche (vor allem 'off the record') mit Piloten, Ingenieuren oder Rennleitern im Fahrerlager oder einer Hospitality fallen als wichtigste Informationsquelle weg. Die Teams und Hersteller geben sich Mühe und bieten Online-Presserunden an. Das ist aller Ehren wert, aber darunter leidet nicht selten neben der Audio- auch die Informationsqualität.

Ein Stück weit Normalität bieten uns in Le Mans zwei Räume im Boxengebäude, der Salon des Hunaidieres und der Salon Mulsanne. Beide hat der ACO zur Verfügung gestellt und entsprechend präpariert, um sogenannte 1-zu-1-Interviews zu ermöglichen. Konkret ausgedrückt: Als Journalist kann man die Räume buchen, um persönliche Gespräche mit Protagonisten nach Terminabsprache zu führen.

Le-Mans-Debütantin Sophia Flörsch im speziellen Interview-Raum mit MSM-Reporter Robert Seiwert - Foto: Motorsport-Magazin.com

Ein Mal und hoffentlich nie wieder

Der weitere Kontakt beschränkt sich auf Telefonate mit Menschen, die zwei Stockwerke unter dem Media Center in der jeweiligen Box sitzen. Zumindest hier ist alles wie früher: Die Rennwagendauerbeschallung (kommt im Fernsehen nicht ansatzweise rüber) ist und bleibt eine Herausforderung für Stimmorgane und Trommelfelle.

Überhaupt lassen nur der 24h-Sound und das Mechaniker-Gewusel in den Zelten hinter den Boxen kurz vergessen, dass in diesem Jahr in Le Mans vieles nicht so ist, wie es sein sollte.

Und so kommt man bei der allabendlichen Rückfahrt ins Hotel (die meisten halbleer) nicht drumherum um die Frage: Hat es sich gelohnt, direkt aus Le Mans zu berichten? Mit vielen Masken und wenig Kontakt von Angesicht zu Angesicht? Meine persönliche Antwort darauf: Vergessen wird man diese Le-Mans-Erfahrung wohl nie, noch einmal erleben aber hoffentlich auch nicht.


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