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Moto2

Joe Roberts: Wie er vom Moto2-Nachzügler zum Überflieger wurde

Die Motorrad-WM darf sich nach vielen Jahren wieder über einen Spitzenpiloten aus den USA freuen. Joe Roberts' Aufstieg kam praktisch aus dem Nichts.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Joe Roberts sorgte für jede Menge Aufsehen, als er im August 2017 als Ersatz für Yonny Hernandez beim AGR Team erstmals in einer Moto2-Starterliste auftauchte. Kein Wunder, steht der Name Roberts in der Motorrad-Weltmeisterschaft doch für Erfolg. Kenny Roberts Senior gewann von 1978 bis 1980 drei 500ccm-Titel in Serie, 2000 wurde auch Kenny Junior Weltmeister.

Joe musste aber schnell abwinken, zwischen ihm und den Kennys besteht kein Verwandtschaftsverhältnis. Und so verschwand der sympathische Kalifornier schnell wieder in den Untiefen der Moto2. 41 Rennen fuhr er von 2018 bis 2019 in der mittleren Kategorie der Motorrad-WM, in die Punkte kam er dabei nur fünf Mal. Drei Mal war er 14., einmal 13. Das bislang beste Ergebnis gelang direkt beim Debüt, als das Moto2-Rennen in Brünn aufgrund einsetzenden Regens in zwei Etappen gefahren wurde.

Eine eher magere Bilanz also, die Roberts nun aber deutlich aufbessern konnte. Beim Saisonauftakt 2020 in Katar krallte er sich bereits am Freitag mit neuem Streckenrekord die Bestzeit, am Samstag legte er mit einem neuerlichen Rekord die Pole Position nach. Gut möglich, dass er am Sonntag den ersten WM-Sieg für die USA seit Ben Spies 2011 in Assen holt.

Doch wie hat es Roberts über den Winter geschafft, vom Nobody zum Spitzenpiloten der Moto2 zu werden? Im Wesentlichen lässt sich sein Aufstieg wohl auf zwei Faktoren herunterbrechen. Zum einen sitzt der 22-Jährige in diesem Jahr erstmals seit 2017, als er überhaupt nur fünf GPs bestritt, auf einer Kalex. Dem Motorrad also, das seit geraumer Zeit die Moto2 dominiert. In den vergangenen beiden Jahren war Roberts auf NTS und KTM unterwegs. "Die Kalex ist einfach ein großartiges Bike. Damit wurden schon viele Titel gewonnen und ich wollte seit langem damit fahren", verriet Roberts nach seiner Katar-Pole am Samstag.

Auf der Kalex fühlt sich Roberts pudelwohl - Foto: LAT Images

Neuer Crewchief und Coach für Roberts

Die andere große Veränderung für Roberts spielte sich auf personeller Ebene ab. Mit Lucio Nicastro wurde ein neuer Crewchief verpflichtet, der in der Vergangenheit bereits für Kiefer Racing und Intact GP gearbeitet hat. "Er hat noch jedem Fahrer seine beste Saison beschert. Das lässt sich sogar statistisch belegen", schmunzelt Roberts.

Mindestens so wichtig wie der neue Crewchief dürfte für Roberts aber der neue Coach an seiner Seite sein. Niemand geringerer als John Hopkins - mit Yamaha, Suzuki und Kawasaki von 2002 bis 2008 sieben Jahre lang fester Bestandteil der MotoGP und dort immerhin vier Mal auf dem Podium - berät seinen jungen Landsmann seit der Winterpause. Roberts lobt die Arbeit seines Mentors in höchsten Tönen: "John besitzt so viel Wissen und kann das sehr gut an mich weitergeben. Ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier. Er hat mir auf der Strecke extrem weitergeholfen, aber mit ihm macht die Arbeit auch in der Box einfach Spaß. Er hat mir gezeigt, dass ich hier meinen Traum leben kann. Es ist einfach großartig."

Aktuell hat Joe Roberts gut lachen - Foto: LAT Images

Hopkins ist im Gegenzug voll des Lobes für seinen Schützling: "Unsere Zusammenarbeit ist bisher wirklich ein Märchen. Mir wurde in meiner eigenen Karriere so viel geholfen, deshalb ist es schön, nun etwas zurückgeben zu können." Das Zeug zum Spitzenpiloten habe Roberts immer gehabt, glaubt Hopkins. Lediglich mental wären Schwächen vorhanden gewesen. "Ich habe in unserem gemeinsamen Training beim Supermoto, Dirt-Track oder Motocross gesehen, dass es ihm auf keinen Fall an Talent fehlt. Er hat einfach nicht genug an sich geglaubt", ist Hopkins überzeugt. Als Coach verfolgt er viele Saisons an der Service-Road und gibt Roberts Feedback. Dabei erkannte er schnell Parallelen zur eigenen Karriere: "So gut wie alle seine Stärken und Schwächen decken sich mit denen, die ich selbst als Rennfahrer hatte. Ich weiß also, was man in diesen Situationen tun muss."

Bislang funktioniert alles wie erhofft, das erste ganz große Highlight könnte am Sonntagnachmittag um 16 Uhr folgen. "Es wird auf jeden Fall ein geniales Rennen. Das solltet ihr nicht verpassen", ist Roberts selbst überzeugt.


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nach 12 von 15 Rennen
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