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Nürburgring kämpft gegen Coronakrise: Hoffen auf die Politik

Die Corona-Krise trifft Motorsport in Deutschland hart. Der Nürburgring wurde wirtschaftlich zurückgeworfen. Geschäftsführer Mirco Markfort im Interview.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Welt steht im Angesicht der Corona-Krise still. Die Situation bedroht ganze Wirtschaftszweige, darunter auch den Motorsport. Für die Rennstrecken ist nicht nur der Verlust der Rennen ein schwerer Rückschlag. Motorsport-Magazin.com sprach mit den Verantwortlichen in Deutschland und Österreich über die Situation. Im zweiten Teil äußert sich Nürburgring-Geschäftsführer Mirco Markfort im Interview über die schwierige Lage in der Eifel, wo der Ring über den Rennsport hinaus als beliebtes Touristenziel, Testzentrum der Industrie und Veranstaltungsort von Events gilt.

Der Nürburgring hat als eine der letzten Rennstrecken in Europa mit dem Test- und Einstellfahrten der VLN im März noch ein Motorsport-Event abgehalten. Wann haben Sie entschieden, dass der Betrieb nicht mehr aufrechterhalten werden kann?
Mirco Markfort: Im Endeffekt müssen wir uns an die behördlichen Vorgaben halten. Zu dem Zeitpunkt, als die VLN Test- und Einstellfahrten stattfanden, gab es diese rigide Umsetzung der Maßnahmen noch nicht. Sie waren für das Land beziehungsweise den Kreis noch nicht einheitlich beschlossen. Dies war eher ein schleichender Prozess.

Richtig klar wurde es, als die erste Allgemeinverfügung des Kreises kam beziehungsweise die Verordnung des Landes Rheinland-Pfalz nachgeschickt wurde, dass man überhaupt keine Events mehr abhalten durfte. Zum Zeitpunkt der Einstellfahrten gab es nur das Verbot von Veranstaltungen für den Innenbereich. Draußen war noch alles erlaubt und dementsprechend ist das von der VLN noch durchgeführt worden. Danach ist das ganze Thema dann mit voller Härte auf uns hereingeprasselt.

In welchem Bereich Ihres Geschäfts sind die Einschnitte zu diesem Zeitpunkt im Frühjahr am größten? Die ersten Großevents stehen traditionell erst im Sommer auf dem Programm.
Mirco Markfort: Wir haben im Frühjahr schon diverse Rennveranstaltungen, aber die richtig großen Events beginnen dann mit dem 24-Stunden-Rennen oder Rock am Ring. In diesem Jahr hätte das 24-Stunden-Rennen den Anfang gemacht, aber auch der Fisherman’s Friend Strongman-Run mit über 10.000 Teilnehmern hätte im Mai schon stattgefunden.

Im Endeffekt trifft es uns in allen Bereichen, denn wir haben ein sehr breit gefächertes Portfolio - angefangen bei den Publikumsveranstaltungen, über die Streckenvermietungen unter der Woche, ob es jetzt Industrie, Trackdays oder Fahrerlebnisse der Hersteller sind, bis hin zu Firmenkundenveranstaltungen und Tourismusangeboten für Endkunden. Es betrifft unser komplettes Geschäft, das ist definitiv hart.

Geschäftsführer Mirco Markfort leitet seit März 2016 die Geschicke am Nürburgring - Foto: Dirk Holst

Welche Einflüsse hat die Krisensituation auf die Infrastruktur und die in der Umgebung des Nürburgrings ansässigen Unternehmen?
Mirco Markfort: Es hat massive Einflüsse auf die gesamte Region. Der Nürburgring ist der Wirtschaftsmotor der Region und das spürt man in solchen Zeiten umso stärker. Es wirkt sich auf alles aus, was hier stattfindet. Wir haben in Meuspath ein Industriegebiet wo viel testende Industrie sitzt, wie Porsche, AMG oder Hyundai, aber auch Rennteams, darunter größere wie Manthey Racing, Black Falcon oder GetSpeed, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Manche Dinge wären vielleicht noch umsetzbar, wie Testfahrten der Automobilindustrie. Aber aufgrund der Reisebeschränkungen, welche sich die Unternehmen auferlegt haben, ist dieses Geschäft bei uns auch fast gänzlich weggebrochen.

Gibt es überhaupt noch Aktivitäten, die derzeit stattfinden können?
Mirco Markfort: Es gibt noch vereinzelte Testfahrten, aber das ist auch alles was noch geht und das ist nicht wirklich viel. Was wir im Moment ebenfalls verfolgen können ist, dass die Gastronomie- und Hotelbranche von der Corona-Thematik schwer getroffen ist. Doch wir glauben, dass der Nürburgring als Wirtschaftsmotor nach der Krise enorm wichtig sein wird und ein riesen Glück für die Branche in der Region ist, um das Geschäft wieder anzukurbeln. Wir werden viele Gäste in die Region ziehen, die in ihrer Freizeit oder beruflich dann wieder diese Dienste beanspruchen werden.

Mussten aufgrund der Lage betriebsintern Konsequenzen gezogen werden?
Mirco Markfort: Letztendlich sind die Themen Kurzarbeit und Personalkosten die einzige Stellschraube, die wir im Moment haben. Wir haben Stand heute alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Der Großteil befindet sich leider sogar in einhundertprozentiger Kurzarbeit und das ist besonders bitter für uns alle. Wir haben den Nürburgring in den letzten vier, fünf Jahren als Team gemeinsam in den wirtschaftlichen Erfolg geführt und jetzt wurde die ganze positive Entwicklung mit einem Fingerschnips gestoppt. All das, was wir uns aufgebaut haben, ist dadurch bedroht.

Wie lassen sich die durch die Krise bedingten Ausfälle kompensieren?
Mirco Markfort: Wir konnten in den letzten Jahren agieren und Themen proaktiv angehen und sind jetzt in einen Reaktionsmodus gefallen und können nur versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Das ist nicht schön, aber hätten wir in den letzten Jahren nicht erfolgreich gewirtschaftet, hätten wir jetzt deutlich größere Probleme. Wir agieren jetzt, indem wir Szenarien entwerfen und wir versuchen, positiv in die Zukunft zu schauen und uns an die Situation anpassen. Wir müssen weiterhin positiv denken, weil wir eine Verantwortung für unsere Mitarbeiter und für die gesamte Region tragen.

Die Nordschleife ist vor allem für die Tests der Automobilindustrie ein wichtiger Standort - Foto: Porsche

Wie lange lässt sich das Geschäft für Sie aufrechterhalten, bis wieder Normalität einkehren muss, damit es nicht noch größere Schäden nach sich zieht?
Mirco Markfort: Das ist schwer zu sagen. Wir alle hier gehen davon aus, dass nicht sofort wieder alles möglich sein wird, sondern dass es gewisse Schritte geben wird, zurück zu einer Normalität. Wann das der Fall sein wird, können auch wir im Moment nur vermuten. Aus diesem Grund erstellen wir diverse Szenarien mit Angeboten, die wir abhängig von der Entwicklung in verschiedenen Phasen anbieten können. Wie das im Detail aussehen wird, kann man noch nicht sagen.

Wie wird am Nürburgring angesichts dieser Ungewissheit weiter mit der Situation verfahren?
Mirco Markfort: Wir warten zunächst darauf, was nach dem 19. April passiert. Mehr spekulieren bringt an dem Punkt auch nichts. Was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Planungssicherheit von der Regierung, ob es jetzt die Landes- oder die Bundesregierung oder die Kreisverwaltung ist. Wir können nur darauf hoffen, dass die Politik die richtigen Entscheidungen trifft - und das muss ein Abwägen zwischen den gesundheitlichen Aspekten auf der einen Seite, aber natürlich auch zwischen den ökonomischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten sein. Wir hoffen, dass wir irgendwann wieder Angebote machen können.

Welcher wäre für Sie der späteste Zeitpunkt, an dem noch Events durchgeführt werden können und welche Prioritäten setzen Sie dabei?
Mirco Markfort: Mit dem 24-Stunden-Rennen haben wir eine Veranstaltung jetzt schon sehr weit nach hinten verschoben. Ich glaube, Ende September ist auch einer der letzten realistischen Zeitpunkte, an dem man ein 24-Stunden-Rennen noch veranstalten kann. Dort ist natürlich auch ein Camping-Angebot vorhanden und irgendwann wird es hier in der Eifel nachts dann auch etwas kühler. Realistischerweise kann man auch bis in den November noch Rennen fahren. Bis Ende Oktober sind wir ohnehin immer relativ gut bestückt mit Veranstaltungen, die VLN fährt auch in regulären Jahren bis weit in den Oktober herein.

Inwiefern ist es überhaupt möglich, Großevents auf einen neuen Termin zu verlegen?
Mirco Markfort: Es ist schwierig, Events nach hinten zu verlegen. In erster Linie muss der Veranstalter, wie beim 24-Stunden-Rennen, auch gewillt sein es zu machen und das Risiko zu tragen. Eine Verschiebung birgt immer gewisse Risiken, mit Partnern und Sponsoren. Im Falle des 24-Stunden-Rennens hängen auch TV-Zeiten damit zusammen, und natürlich die Teams die alle ihren eigenen Kalender geplant haben, sowie auch die Hersteller. Da war es uns ganz besonders wichtig und wir danken dem ADAC Nordrhein dafür, dass sie das Rennen in einer partnerschaftlichen Aktion mit uns zusammen verschoben haben.

Das bedeutete aber auch, dass wir die Belegung unter der Woche ebenfalls verlegen mussten, denn das 24-Stunden-Rennen hat ganz andere Rüstzeiten als die Nürburgring Langstrecken-Serie, die an diesem Wochenende eigentlich stattgefunden hätte. Und wir sind von Mitte März bis Mitte November komplett ausgebucht, auch unter der Woche. Deshalb sind starke Partnerschaften die Grundvoraussetzung, dass wir überhaupt die Möglichkeit hatten, das 24-Stunden-Rennen zu verschieben, denn die Streckenmieter vor diesem Wochenende hatten auch unterschriebene Verträge.

Großveranstaltungen wie das 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife können nur bedingt verschoben werden - Foto: BMW

Wie sieht es mit anderen Veranstaltungen wie dem Truck-Grand-Prix und Rock am Ring aus? Gibt es da schon Pläne?
Mirco Markfort: Wir stehen im Austausch, aber konkrete Pläne gibt es bisher noch nicht. Rock am Ring hat vergangene Woche kommuniziert, dass sie zunächst weiter am ursprünglichen Datum festhalten, da zu diesem Termin aktuell keine behördliche Absage im Raum steht. Da kommt die fehlende Planungssicherheit ins Spiel. Wir brauchen ein Maß an Planungssicherheit für alle Veranstalter. Der Truck-Grand-Prix ist im Juli. Auch hier gibt es noch keine Pläne für einen neuen Termin.

Und überhaupt, es müsste ja auch erstmal verlegbar sein. Wir sind so ausgebucht, dass es kaum möglich ist. Bei Rock am Ring stelle ich es mir zudem sehr schwer vor, mit der Anzahl an gebuchten Künstlern einen neuen Termin zu finden. Die sind alle in ihre internationalen Tourpläne eingebettet und inwieweit die momentan stattfinden, weiß ich auch nicht. Grundsätzlich ist das erstmal Sache des Veranstalters. Wir sind lediglich die Location, wo das Event stattfindet. Absagen kann einzig der Veranstalter oder die Behörde, wir als Austragungsort nicht.

Inwiefern erwarten Sie, dass der Nürburgring durch die aktuelle Situation auch in Zukunft beeinträchtigt wird?
Mirco Markfort: Es hängt alles davon ab, wie lange Beschränkungen gelten werden und wann man welche Art von Motorsport-Veranstaltung, ob jetzt im Amateur- oder Profi-Bereich, wieder durchführen kann - mit oder ohne Zuschauer. Geisterrennen wäre da ein Stichwort, das könnte in gewissen Serien auch funktionieren. Wie lange das alles anhält, ist die Gretchenfrage.

Glauben Sie, dass der Motorsport nach der Krisenzeit normal weitergehen wird, was Investitionen der Hersteller, Unternehmen und Teams angeht?
Mirco Markfort: Wenn wir wüssten, wann es wie weitergehen kann, könnte man auch einen Ausblick auf die Zukunft geben und sagen, welchen Einfluss es auf die Veranstalter und die Rennstrecken in Deutschland, Europa und der Welt hat, sowie auf die Teams in den verschiedenen Kategorien, ob im Amateur- oder Profi-Bereich. Das ist momentan noch zu früh, darüber zu spekulieren. Wir wissen, dass einige Teams Probleme haben werden. Gerade die kleinen Teams aus der VLN zum Beispiel, die sehr stark vom Nürburgring und der Rennserie abhängig sind. Wir können erst sagen, wie die Zukunft aussieht, wenn man wirklich weiß, wann es wie weitergeht.


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